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Die Tücke der Objekte

Von Eva Markert


Am Abend des Donnerstag, dem 12., beschloss die Welt mit allem, was darinnen ist, sich gegen Armin zu verschwören. Armin war ungeduldig und jähzornig, so dass selbst kleinste Missgeschicke zu furchterregenden Wutausbrüchen und Racheakten an völlig unschuldigen Objekten führten, die dabei zu Bruch gingen oder anderweitig vernichtet wurden. Nun aber wollte die Welt mit allem, was darinnen ist, dieses Verhalten nicht länger hinnehmen. Und so schlief Armin einem höchst ungemütlichen Freitag entgegen.
Die erste Aufgabe des Tages hatte der Wecker übernommen. Er klingelte nicht.
Als Armin aufwachte und feststellte, dass er verschlafen hatte, stieß er einen Fluch aus und sprang überstürzt aus dem Bett, so dass er sich den Kopf heftig an einem Bücherregal stieß.
Seine Pantoffeln hatten sich unglaublich weit unter das Bett zurückgezogen. So lange Arme hatte niemand, um da noch heranzureichen zu können.
Als Armin schimpfend und mit nackten Füßen ins Badezimmer taumelte, stolperte er über eine Teppichbrücke, die sich ihm heimtückisch in den Weg gelegt hatte.
Im Badezimmer wurde Armins Laune nicht besser. Das Toilettenpapier war urplötzlich alle. Auch im Schrank lag keins mehr. War nicht gestern noch genug da gewesen?
Die Dusche war eine Tortur, denn so sehr Armin sich auch bemühte, es wurde ihm hartnäckig Wasser in der gewünschten Temperatur verweigert. Entweder schoss es wie glühende Lava an ihm herunter, oder aber Eiswasser ergoss sich über seinen Rücken. Armin japste und schrie im Wechsel und kam sich bald vor wie eine kalt abgeschreckte Brühwurst.
Die leere verkrustete Zahnpastatube blieb stur und ließ kein Milligramm mehr aus sich herauspressen. Da konnte Armin so viel zetern wie er wollte.
Der Rasierapparat hatte just diesen Augenblick gewählt, um zu verstopfen. Nervös fahndete Armin in seinem unübersichtlichen Badezimmerschrank nach alten Rasierklingen und einem Rest Rasierschaum, der da noch irgendwo herumstehen musste.
Als er den Haartrockner einschaltete, glühte dieser noch einmal grüßend auf, um sich dann für immer zu verabschieden. Und wo war bloß der Kamm? Warum konnte er nicht einfach an der Stelle liegen, wo er hingehörte? In der Eile fand Armin nur diese schreckliche Metallbürste. Immer wenn er die benutzte, lud sich sein Haar elektrisch auf und stand dermaßen vom Kopf ab, dass es aussah wie ein verlassenes Vogelnest. Armin war inzwischen schon so wütend, dass er am liebsten den Spiegel zertrümmert hätte. Die Dinge im Badezimmer hatten einen Heidenspaß.
Im Schlafzimmer lauerten weitere Ärgernisse. Als er Strümpfe suchte, zeigten sich ihm nur Exemplare mit Löchern, mit fadenscheinigen Fersen oder aber Einzelstücke. Sein Hemd hatte zwei Knöpfe abgestoßen. Das andere saubere Hemd knitterte sich ihm grinsend entgegen. Auf der Anzugshose prangte vorne an höchst auffälliger Stelle ein schadenfroher Fleck. Beim Zubinden der Schuhe zerriss ein Schnürsenkel. Ersatzschnürsenkel besaß Armin nicht. Seine Slipper hatten sich schon bei ihrer letzten Benutzung mit einer hartnäckigen Schmutzkruste überzogen.
Armin machte nicht gerade den gepflegtesten Eindruck, als er völlig abgekämpft die Küche betrat. Und dort ging das Spiel weiter.
Er riss die Kühlschranktür vielleicht etwas heftiger auf als nötig. Höhnisch verneigte sich der fast volle Milchkarton und warf sich ihm zu Füßen.
In der Kaffeemaschine hockte noch die Filtertüte vom Vortag. Hinterlistig zerriss sie nur einen winzigen Augenblick bevor er sie im Mülleimer verschwinden lassen konnte, und schwarzbraune, klebrigfeuchte Klümpchen verteilten sich explosionsartig in der gesamten Küche.
Endlich saß Armin übel gelaunt am Tisch. Aber von Frühstück konnte keine Rede sein. Die stark verkalkte Kaffeemaschine arbeitete aus lauter Bosheit so langsam, dass nur vereinzelt Tropfen in die Kanne fielen. Trockene Brotscheiben hatten sich über Nacht aus purem Eigensinn verbogen. Die kühlschrankkalte Butter mit ihrem Herzen aus Stein ließ sich durch nichts erweichen, und der jämmerliche Rest Erdbeermarmelade hatte eine pelzige Decke aus grünlichem Schimmel über sich gebreitet. Das Leberwurstbrot, beleidigt darüber, nur Kompromiss zu sein, sprang Armin aus der Hand und landete mit der Wurstseite - nein, nicht im Kaffeedreck, sondern auf Armins Hemdärmel.
Das war der Augenblick, in dem er endgültig die Fassung verlor. Mehrfach ging seine Faust auf dem Tisch nieder, und er schrie Wörter, die die Dinge leider sehr oft von ihm entgegennehmen mussten. Dann schmetterte er noch sein Besteck auf den gefliesten Küchenboden. Durch das aufgeregte Klirren kam er zum Glück zur Besinnung, ehe noch Schlimmeres geschah.
Gekränkt beobachtete ihn die Welt mit allem, was darinnen ist.
Als er mit mehr als einstündiger Verspätung das Haus verließ, goss es nicht wie aus Eimern, sondern wie aus Wassertonnen. Sein Schirm war irgendwann mal irgendwo ohne ihn zurückgeblieben. Als Armin bei seinem Auto ankam, sahen seine Hosenbeine aus, als wäre er ohne Gummistiefel zum Angeln gewesen.
Selbstverständlich stand der Wagen wie tot und rührte sich nicht. Der Akku des Mobiltelefons in seiner Jackentasche hatte sich klammheimlich über Nacht entleert. Kochend vor Wut pflügte Armin durch Pfützen und rasende Sturzbäche zurück ins Haus, um ein Taxi zu rufen.
Das Taxi ließ lange, sehr lange auf sich warten. Armins Nerven lagen blank. Jedes Haar hätte er sich einzeln ausreißen können. Es wurde auch nicht besser, als er endlich neben dem Taxifahrer saß. Autos, Busse und Lastwagen umzingelten ihn von allen Seiten, und zu allem Überfluss sprang noch beim Anblick seines Taxis jede Ampel unverzüglich auf Rot.
Und so ging es weiter. Armins widerborstiger Computer streikte. Bleistiftspitzen brachen mit fröhlichem Knacken ab. Notizen verschwanden raschelnd. Das Essen in der Kantine hatte sich wieder mal mit zu viel Salz eingelassen. Dringende Faxe nahmen sich unfassbar viel Zeit. Dazu schellte unablässig das Telefon, und so sträubte sich fast jede Arbeit bis zum Feierabend erfolgreich gegen ihre angemessene Erledigung.
Armins Gesicht war deshalb noch mürrischer als sonst, als er nach Hause kam. Eine sensible Vase im Flur erschauerte, als er die Wohnungstür zuschlug, und stürzte sich kopfüber von einer Kommode. Zu ihrem Ärger beachtete Armin sie gar nicht, sondern stieg einfach über sie hinweg.
Nach und nach wich sein ohnmächtiger Zorn nämlich tiefer Resignation. Ihm wurde klar, wie hilflos, wie armselig und schwach er doch eigentlich war, und er begriff, dass die Dinge ihn in der Hand hatten, und nicht umgekehrt. Diese bittere Erkenntnis führte ihn schließlich zu einer gewissen Abgeklärtheit, die ihn etwas geradezu Unerhörtes sagen ließ. Er sagte: "Ja, ja, so ist das!" Und die Welt mit allem, was darinnen ist, horchte auf.
Als Armin für sein Abendbrot einen der vielen ungespülten Teller aus der Spülmaschine klaubte, hüpfte ihm dieser im hohen Bogen aus der Hand und zerbrach. Da geschah wieder etwas völlig Unerwartetes: Ergeben bückte sich Armin und sammelte die Scherben auf.
Daraufhin durfte er in Ruhe zu Abend zu essen. Nur der Fernseher, der sich schon den ganzen Tag auf seinen Auftritt gefreut hatte, ließ es sich nicht nehmen, in entnervender Unregelmäßigkeit weiße Streifen über Bildschirm flackern zu lassen, so dass Armin das Gerät nach kurzer Zeit ausschaltete und zu Bett ging.
Als er sich ausstreckte, dachte er daran, was er in den nächsten Tagen alles zu erledigen hätte: eine Batterie besorgen für den Wecker, außerdem Toilettenpapier, Zahnpasta, einen Haartrockner, Schnürsenkel, Marmelade und etwas zum Entkalken für die Kaffeemaschine. Auch müsste er die Vase im Flur aufheben, den Küchenboden wischen, seinen Rasierapparat reinigen, den Fernseher reparieren lassen, Anzüge zur Reinigung bringen, waschen und bügeln, einige Knöpfe annähen, die Slipper putzen...
Armin schlief ein. Ganz friedlich lag er da.
Und die Welt mit allem, was darinnen ist, betrachtete ihn unverwandt.




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Eingereicht am 23. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.