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Das Ende

Waldemar Naczmanski


Ich wollte eigentlich fernsehen, als mir Gott erschien. Ich saß auf meiner Couch und schaltete den Fernseher ein, um mir meine tägliche Dosis Soap Opera reinzuziehen. Doch der Fernseher ging gleich wieder von alleine aus. Ich dachte: "Mist! Das darf doch wohl nicht wahr sein!" Und eine mir fremde Stimme sagte: "Fürchte dich nicht, denn ich bin hier, um dich zu erretten vor dem, was bald kommen wird." Die Stimme schien aus dem Fernseher zu kommen, aber der war wie gesagt aus.
"Was soll die Kacke? Ist das hier 'Verstehen Sie Spaß?' "
"Ich bin der Herr, dein Gott!"
Den Typen gab es tatsächlich? Wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich vielleicht etwas weniger gesündigt. "Ich will den Menschen, den ich geschaffen habe, von der Fläche des Erdbodens vertilgen", sprach Gott weiter, "vom Menschen bis zum Vieh, bis zum Gewürm und bis zum Gevögel des Himmels; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe."
"Äh. Weißt du, manche Wörter, die du sagst, oh Herr, werden heute kaum noch benutzt, ich habe etwas Probleme dich zu verstehen. Du bist doch Gott, du kannst alles, also kannst du dich bestimmt auch etwas einfacher ausdrücken. Geht das?"
"Nun, ich habe diesen Sprachstil immer für sehr effektvoll gehalten. Als Noah den Satz gerade gehört hatte, hat er sich glatt in die Hosen gemacht. Da das aber bei dir eh nicht die gewünschte Wirkung zeigt, werde ich etwas verständlicher reden. Ist mir eh lieber. Die Sache ist folgende. Die Menschen haben sich mal wieder von mir abgewendet. Das ist okay, daran bin ich gewöhnt. Das ließe sich mit ein paar Naturkatastrophen wieder ins Lot bringen. Aber die Menschen haben sich noch Schlimmeres erlaubt. Sie zerstören meine Schöpfung, unzählige Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Die Menschen werkeln an Genen rum, klonen, experimentieren mit Stammzellen. Schon bald könnten sie in der Lage sein, meine Schöpfung zu vernichten und eine eigene an ihrer Stelle zu errichten. Damit würde der Mensch selbst zum Gott und das darf nicht sein, denn es darf nur einen Gott geben. Mich! Deshalb werde ich kurz vor Morgengrauen, um halb fünf, die Menschheit vernichten. Nur du und deine Liebste werden es überleben, um zur Keimzelle einer neuen, besseren Menschheit zu werden."
"Das ist echt krass, Mann. Ich schätze, da kann man dich nicht mehr von abbringen. Du scheinst richtig sauer zu sein. Aber warum hast du gerade mich ausgesucht?"
"Weil du ein totaler Versager bist. Dir fehlt jeglicher Ehrgeiz, jeder Wille zur Leistung, von Technik hast du nicht den leisesten Schimmer, du kriegst es nicht mal hin, deinen Videorekorder zu programmieren. Ich hoffe, dass sich all diese Eigenschaften auf deine Nachkommen übertragen und die neue Menschheit, deren Urahn du werden wirst, genauso antriebslos sein wird wie du, so dass sie mir nie Konkurrenz machen wird. Sei um vier Uhr dreißig mit der Frau, mit der du den Rest deines Lebens verbringen willst, im Garten hinterm Haus, denn das wird der einzige Ort der Welt sein, der vor Vernichtung verschont bleiben wird. Noch was. Du darfst niemanden vor der nahenden Katastrophe warnen. Wenn du es doch tust, wird der Garten kein sicherer Ort für dich sein."
Das waren die letzen Worte, die ich von Gott hörte. Ich rief ihn, wollte ihm noch einige Fragen stellen, zum Beispiel wie seine Ansichten zur Verhütung waren, aber er meldete sich nicht mehr. Dafür ging der Fernseher wieder an.
Nun wurde mir erst die Bedeutung der Worte Gottes bewusst. Die Menschheit sollte sterben. Schlimm. Aber wenigstens sollte ich nicht mit draufgehen. Und habe ich mich nicht öfter mit Daniel darüber unterhalten, dass es sinnvoll wäre, auf die Welt eine riesige Atombombe zu werfen, weil die Welt unserer Ansicht nach anders nicht mehr zu retten war? Okay, wir waren bei solchen Gesprächen immer ziemlich besoffen und außerdem sollte nur die Hälfte der Menschheit dabei sterben. Und zwar am besten die böse Hälfte: Dieter Bohlen, Alexander, George Bush, Osama Bin Laden, mein blöder Vermieter, der immer was zu meckern hatte, die Verkäuferin bei Lidl, die immer mit dem Wechselgeld beschiss. Die ganze Menschheit umbringen, das war schon um einiges heftiger und der arme Daniel musste dann ja auch dran glauben. Aber was konnte man schon an den Entscheidungen eines Gottes ändern?
Es war kurz nach 20 Uhr. Ich hatte also noch einige Zeit. Der Garten war ja direkt hinterm Haus, ich brauchte also nur meine Freundin zu holen, mich mit ihr auf die Wiese zu setzen und zu warten. Die Sache hatte nur einen Haken. Ich hatte gar keine Freundin. Gott sagte, ich solle "meine Liebste" mit in den Garten nehmen. Damit meinte er bestimmt die süße Kleine aus dem Haus gegenüber, in die ich seit ein paar Wochen verknallt war, diese Alicia. Nun war es also an der Zeit, ihr meine Gefühle zu offenbaren. Ich machte mich frisch, packte etwas Gel in die Haare, zog meine besten Klamotten an und ging zum Haus gegenüber. Ding Dong.
"Ja? Wer ist da?"
"Robert."
"Wer?"
"Robert. Wir haben letztens im Flowers Club miteinander getanzt und sind dann mit dem gleichen Taxi nach Hause gefahren, da wir festgestellt haben, dass wir Nachbarn sind."
Die Tür ging auf.
"Ach so. Du bist es. Hi."
"Hi."
Sie blieb in der Tür und ließ mich draußen stehen. Sie sah wieder total süß aus, so süß, dass man es kaum in Worte fassen konnte.
"Was führt dich zu mir?"
"Äh, die Sache ist etwas kompliziert. Kann ich vielleicht reinkommen, dann erkläre ich dir alles."
"Von mir aus. Aber ich hab' nicht viel Zeit. Ich bin um zehn verabredet, und ich muss mich vorher noch etwas vorbereiten."
Wir gingen ins Wohnzimmer. Ich setzte mich aufs Sofa, sie mir gegenüber in einen Sessel.
"Also. Was ist los?"
Ich hätte mir überlegen sollen, was ich ihr erzähle, bevor ich zu ihr ging, die Wahrheit durfte ich ja nicht sagen, sie hätte sie mir eh nicht geglaubt.
"Äh, also, ich muss sagen, es hat mir im Flowers Club echt Spaß gemacht mit dir zu tanzen. Wie wär's, wenn wir das mal wiederholen würden?"
"Ja, warum nicht. Lass uns nächste Woche zusammen in den Flowers Club gehen."
"Äh, wie wäre es mit heute?"
"Das geht nicht. Ich bin heute schon mit jemand anders verabredet."
"Es wäre aber wichtig, dass es heute ist."
"Das ist mir egal. Aber da du so aufdringlich bist, werde ich überhaupt nicht mit dir ausgehen."
"Aber... Das Überleben der Menschheit hängt davon ab!"
"Das ist nun der blödeste Anmachspruch, den ich je gehört habe, und ich habe schon einige blöde Sprüche zu hören bekommen. Du verschwendest hier meine und deine Zeit. Du solltest lieber gehen. Entweder du bist total verwirrt oder um diese Uhrzeit schon besoffen. Beides finde ich nicht gut."
"Bitte! Wenn du auch nicht mit mir ausgehen willst, so komm doch bitte bitte um kurz vor halb fünf Uhr morgens in den Garten hinter meinem Haus."
"Sonst noch Wünsche? Bist du irgendwie pervers? Hau ab, oder ich rufe die Polizei! Nicht zu fassen, dass ich mit so 'nem Irren getanzt habe und dann auch noch im gleichen Taxi wie er gefahren bin!"
"Glaub mir! Du wirst es bitter bereuen, wenn du nicht auf mich hörst!"
"Arrogant bist du auch noch. Ich bereue bereits jetzt, dass ich dich reingelassen habe."
Mir blieb nichts anderes übrig als wieder zu gehen. Jedes weitere Wort von mir hätte alles nur noch schlimmer gemacht, was eigentlich egal war, denn am nächsten Tag würde eh keine Rolle mehr spielen, was ich am Abend davor gesagt oder getan habe. Nun, "meine Liebste" hasste mich jetzt. Ich musste Ersatz finden. Ich hatte noch Zeit. Es war kurz nach neun Uhr abends. Ich ging in ein nahe gelegenes Lokal, wo schon um zehn meist was los war, die Leute auf den Tischen tanzten und die Frauen angeblich leicht zu kriegen waren.
Dort angekommen checkte ich erstmal die anwesenden Frauen. Ich überlegte, welche Implikationen meine Frauenwahl beinhaltete. Suchte ich mir beispielsweise eine Schwarze aus, bekäme die neue Menschheit eine braune Hautfarbe, nähme ich eine Blonde, würde auch der größte Teil meiner Nachfahren blond werden, eine kleine und wir hätten eine eher kleine Menschheit, eine große, ein Volk von Riesen. Die Wahl musste gut überlegt und mit Köpfchen getroffen werden. Doch die Wahl traf ein anderes Körperteil, welches sich nun unruhig regte und leicht aufrichtete, als mein Blick auf ein schlankes rothaariges, etwa 20-jähriges Mädchen fiel. Sie saß an der Theke und schien gemerkt zu haben, dass ich sie anstarrte, denn nun blickte sie in meine Richtung und lächelte. Wenn das keine Einladung war. Ich ging zu ihr rüber und sagte ihr den Spruch, von dem mein Kumpel Daniel meinte, dass er immer funktioniere.
"Hallo, Mädchen meiner Träume. Schön, dass ich dich wiedersehe!"
"Hä? Wieso? Wir kennen uns doch gar nicht. Oder doch? Waren wir mal im selben Seminar?"
Oh Mann, die schien gar nichts zu raffen. Ich musste meine Strategie umändern.
"Ja, genau. Ich glaube, es war ein Seminar über... Über welches Thema nochmal?"
"Über "Spiegelbilder feministischer Filmtheorie"?"
Was für ein Scheiß?
"Ja. Genau. Das wird es wohl gewesen sein."
"Tut mir leid, du musst mich mit jemand verwechseln. Ich hab' nie ein solches Seminar besucht."
"Vielleicht könnten wir trotzdem zusammen einen trinken?"
"Nein, danke. Ich habe für heute genug getrunken. Außerdem bist du mir etwas zu blöd."
Musste sie gerade sagen. Erst kapierte sie den einfachsten Anmachspruch nicht und nun versuchte gerade sie, aus mir einen Idioten zu machen.
"Aber... Ich hatte den Eindruck, du flirtest mit mir. Als ich noch da drüben stand, hast du mir zugelächelt."
"Nein, wirklich nicht. Eigentlich hatte ich den Typen links hinter dir im Auge."
Ich drehte mich um, schaute in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war und sah dort tatsächlich so 'nen Scheiß-Latinlover stehen.
"Wenn du auf den Typen stehst, solltest du dich noch heute Nacht von ihm flachlegen lassen. Später wird es vielleicht nicht mehr gehen."
"Du bist echt ein Spinner."
"'Tschuldige, wenn ich etwas zu direkt war, aber es war wirklich ein gutgemeinter Rat."
Ich kaufte mir an der Theke ein Bier und ging zu einem der Tische. Die Zeiger meiner Uhr zeigten, dass es schon kurz vor elf war. Ich hatte nicht mehr viel Zeit. Ich sprach nacheinander fast alle anwesenden Single-Frauen an. Meine Chancen wurden jedoch von mal zu mal schlechter, da die Leute sahen, wie ich mal die eine Frau, mal die andere ansprach und immer wieder abserviert wurde. Irgendwann hielten sie mich wohl alle für den notgeilsten Typen der Stadt, der wirklich alles anbaggert, was auf zwei Beinen läuft und ein Loch zwischen den Schenkeln hat. Es wurde Zeit den Laden zu wechseln, nun war auch in den großen Discos was los. Dort fiel ein Einzelner in der großen Masse nicht auf, auch die Auswahl an Frauen war größer. Aber auch dort wiederholte sich das gleiche Spiel. Erst sprach ich die schönsten Frauen an und ging mit meinen Ansprüchen dann immer weiter runter. Langsam wurde die Zeit knapp. Zwei Uhr und immer noch keine Frau an der Angel. Ich wanderte gerade mal wieder durch den Verbindungsgang zwischen der Charts-Dancefloor-Area und dem R'n'B-Black Music-Bereich als ich ein Schluchzen hörte. Eine beleibte Blondine saß auf dem Boden, den Rücken an die Wand gelehnt und heulte. Ich setzte mich zu ihr.
"Hey! Was ist los? Warum so traurig?"
"Lass mich doch in Ruhe.", sagte sie, nun um Fassung bemüht.
"Ich sehe doch, dass es dir schlecht geht. Ich kann's nicht haben, wenn so hübsche Mädchen weinen."
"Lügner! Ich bin nicht hübsch!"
Das stimmte, sie war verdammt fett, und ihre Brille verschönerte sie auch nicht gerade. Aber egal, ich hatte nicht die Zeit, um wählerisch zu sein.
"Doch. Klar. Du kannst mir glauben, du siehst toll aus."
"Ich bin eigentlich nicht hergekommen, um zu feiern. Ich bin hier, weil ich mich beim Geschäftsführer vorstellen wollte wegen einem Job an der Theke. Und der... Und der..." Sie war wieder kurz davor loszuheulen. "Und der hat gesagt, dass ich... dass ich zu hässlich bin für den Job. Er ma..meinte, um den Männern was verkaufen zu können, muss man anders aussehen."
"Ah, der Rainer. Ich kenne den Typen. Der hatte wohl seine Brille nicht auf oder er war wie üblich besoffen. Und außerdem ist er selbst verdammt hässlich, da braucht er nicht über andere zu lästern. Weißt du was? Wenn du an der Theke Bier verkaufen würdest, ich würde zum Alkoholiker werden. Ich würde alle fünf Minuten zur Theke wandern, nur wegen dir."
"Wirklich? Du bist echt süß. Wie heißt du überhaupt?"
"Robert. Und du?"
"Eva."
Sie lächelte endlich, sah dabei aber wirklich schreckenserregend aus, was vor allem an dem zerlaufenen Make-up lag.
"Der Laden ist doch echt scheiße! Lass uns mal nach draußen gehen, bisschen spazierengehen und quatschen.", schlug ich vor.
"Ok, ich werde nur mal zur Toilette gehen und mir das Gesicht waschen."
Nach fünf Minuten waren wir draußen. Sie hatte nun kein Make up mehr im Gesicht und sah einigermaßen aus. Wenn sie nur nicht so fett wäre. Wir gingen durch leere, ruhige Straßen, irgendwann landete ihre Hand in meiner Hand, ein paar Minuten später spazierten wir schon engumschlungen. Ich beschloss, dass es nun an der Zeit war, es mit etwas Dreistigkeit zu probieren.
"Hast du vielleicht Lust, dir meine Briefmarkensammlung anzuschauen?"
"Klar. Ich liebe Briefmarken." Eva lachte und sah jetzt sogar langsam sympathisch aus.
Wir fuhren zur meiner Wohnung. Für den Garten war es noch zu früh. Sobald die Wohnungstür zu war, stürzten wir uns aufeinander. Es wurde ziemlich laut in der nächsten Stunde. Mein dummer Nachbar würde sich am nächsten Tag wohl wieder beschweren, ich sollte die Lautstärke nicht so weit aufdrehen, wenn ich mir meine Pornos angucke, da freute ich mich schon fast, dass es für ihn keinen nächsten Tag geben sollte. Als wir fertig waren und in meinem Bett nebeneinander lagen, war es plötzlich schon vier Uhr morgens.
"Möchtest du vielleicht mit mir nach draußen gehen? Ich habe einen schönen Garten, man kann sich von dort aus die Sterne angucken."
"Ich würde lieber hier noch ein bisschen mit dir kuscheln. Draußen ist es um diese Zeit kühl und feucht."
"Fändest du es nicht romantisch, den Vollmond anzuschauen und im Gras zu knutschen?"
"Nö."
Scheiß-Emanzipation! Früher hat der Mann einfach was gesagt und die Frau hatte sich dran zu halten. Ich wurde langsam sauer.
"Kommst du nun mit oder nicht?"
"Du warst vorher so sensibel und jetzt wirkst du so unfreundlich. Ich verstehe dich nicht. Ist irgendwas nicht in Ordnung?"
Ich geriet in Panik. Gleich war Armageddon, und die Tussi wollte diskutieren.
"Los! Du fette Kuh!", platzte es aus mir heraus. "Beweg dich! Raus mit dir in den Garten!"
Sie fing an zu heulen. Nun war gar nichts mehr zu machen. All meine Entschuldigungen halfen nichts. Ich hätte sie mit Gewalt in den Garten gezerrt, aber das ging nicht, dafür war sie zu schwer. Dann hatte ich eine Idee, die ich für die rettende hielt. Ich ließ Eva liegen und heulen und fuhr in den Puff. Das Bordell bestand aus drei Häusern, die in Hufeisenformation nebeneinander standen, so dass es zwischen ihnen einen Innenhof gab. Im Erdgeschoss der Häuser waren in großen Schaufenstern Frauen ausgestellt und warteten auf Freier. Manche Fenster waren leer, die Frauen, die dort ihren Platz hatten, waren vielleicht gerade mit Kunden beschäftigt. Ich ging zu einer Dunkelhaarigen rüber, die noch jung und nicht so abgenutzt aussah wie die anderen.
"Was kostet eine Stunde?"
"Achtzig Euro. Ich mache auch anal, kostet fünfundzwanzig extra", sagte sie mit osteuropäischem Akzent.
"OK. Ich nehme dich. Anal brauch' ich nicht, aber ich will, dass wir es in meinem Garten treiben."
"Nein. Sowas mache ich nicht."
"Ich zahle zweihundert Euro." In ein paar Stunden war das Geld eh nichts mehr wert.
"Es geht nicht ums Geld. Meine Freundin Svetlana ist mal auf sowas eingegangen. Ihre Leiche wurde ein paar Tage später zerstückelt und in einem Müllbeutel eingepackt in einer Biotonne aufgefunden. Hier haben wir einen Typen, der auf uns aufpasst, wir brauchen nur zu schreien und er kommt sofort zur Hilfe. Selbst normale Hausbesuche machen wir nur bei Stammkunden, die wir schon lange kennen, aber Gartenbesuche mitten in der Nacht sind selbst da nicht drin. Ich kann dir auch sagen, dass keine von uns hier bei sowas mitmachen würde. Du brauchst es also nicht weiter zu versuchen. Wenn du willst können wir es aber auch bei mir oben machen. Blasen kostet nur dreißig Euro. Na? Was ist?"
"Nein, danke. Ich verzichte."
Mist! Was sollte ich jetzt machen? Es blieben nur noch zwanzig Minuten bis zum Weltende. Ohne dass es sonst jemand wusste, war ich im Moment der wichtigste Mensch der Erde. Aber das machte mich alles andere als glücklich. Von mir hing alles ab, dabei war ich schon mit der Beschaffung einer Partnerin total überfordert. Und nun würde ich daran schuld sein, wenn unsere Spezies ausstirbt.
"Hey Gott!", rief ich, "Verdammte Scheiße! Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen! Such dir nen anderen Typen aus! Oder verschieb den Weltuntergang um eine Woche! Bis dahin treibe ich bestimmt eine Frau auf!"
Aber Gott antwortete nicht. Ich war bereit aufzugeben. Ich wollte mit dem Rest der Menschheit untergehen. Ich wollte nicht der einzige Mensch auf der Welt und bis an mein Lebensende absolut einsam sein. Mit Fernseher hätte ich das vielleicht noch aushalten können, aber solchen Luxus sollte es nicht mehr geben.
Ich hatte bereits resigniert und saß niedergedrückt auf dem Kopfsteinpflaster der Straße und wartete auf das Unvermeidliche, als ich plötzlich eine Stimme hörte.
"Hallooo! Bist du auf der Suche nach etwas Besonderem?" Auf dem Bürgersteig stand eine dürre und extrem hässliche Straßennutte, die mich breit anlächelte, so dass ihre gelben Zähne zum Vorschein kamen.
"Klar. Komm mit." Mir blieb wohl nichts anderes übrig. Das würde ja eine tolle Menschheit geben. Aber immerhin würde es sie geben. Das war das wichtigste. Und obwohl mich der Anblick der Nutte mit Widerwillen erfüllte, war ich erleichtert und dankte Gott im Stillen, dass er mir immerhin diese Karikatur von einer Frau geschickt hatte.
Der Straßenstrichnutte machte es jedenfalls nichts aus, mit mir in den Garten zu gehen. Nachdem die finanziellen Dinge geregelt waren, legten wir uns ins Gras und fingen an, uns zu befummeln. Meine Hand glitt zu den Oberschenkeln und wollte dazwischenpacken und... Mein Gott! Da war was, was nicht dort sein durfte!
"Was hast du dich so erschrocken? Ich dachte, du weißt Bescheid. Ich hab' dich doch gefragt, ob du was Besonderes haben willst. Und wenn ein Hermaphrodit nicht was Besonderes ist, was dann?"
In dem Moment fing die Welt an, mir um die Ohren zu fliegen. Mein Haus zerfiel in Tausend Stücke, die alle umeinander herumwirbelnd immer höher stiegen, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Mit meinem Haus entschwand auch die fette Eva ins Nirgendwo. Steine, Asphalt- und Körperteile schwirrten in alle Richtungen, ohne mich zu treffen. Alicias Kopf rollte in zwei Meter Entfernung an mir vorbei. Ich hatte keine Ahnung, wo der Rest ihres schönen Körpers abgeblieben war. Das ganze dauerte bis zum Sonnenaufgang. Als es hell wurde, war überall nur noch Gras. Nichts, was der Mensch geschaffen hatte, war übriggeblieben, nicht mal Ruinen waren zu sehen. Und mittendrin in der riesigen Grassteppe, ein unversehrter Garten, mit blühenden Blumen, einem Kirschbaum, einem totalen Versager und einem bewusstlosen Hermaphroditen. Das war das Ende.

Und Gott konnte sich sechs Tage lang kaum vor Lachen halten. Und am siebten Tag ruhte er sich aus und überlegte, was er sich noch Lustiges ausdenken könnte. Ewiges Leben wäre ja so langweilig, wenn man sich nicht ab und zu ein bisschen Spaß erlauben würde.




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Eingereicht am 11. Januar 2006.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.