Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Pflaumen, Kastanien und junges Gemüse

Eine Kurzgeschichte von Andreas Valderrama


Ich bin ein Haarfetischist. Das befürchte ich jedenfalls. Und es bringt mir immer wieder Ärger ein.
Aber die Haartracht anderer Menschen hat mich Zeit meines Lebens interessiert. So sehr, dass fast eine Art Lebensgefühl damit einhergeht. Und so sehr, dass sogar mein Wortschatz dadurch geprägt wurde. Männer zum Beispiel kategorisiere ich regelrecht nach ihrer Frisur oder auch Nicht-Frisur. Männer mit Glatze faszinieren mich und regen meine Kreativität an. Meist sind es eher negative Assoziationen, die ich mit ihnen verbinde. Entweder halte ich sie für alt. Oder für benachteiligt; schließlich haben die armen Menschen keine Haare. Und wer sich freiwillig den Kopf schert, will ja auch irgend etwas mitteilen. Aggressivität zum Beispiel. Das mag ich nicht. Ich finde es eher unästhetisch. Und eine politische Komponente schwingt ja auch mit, meist schwingt sie nach rechts. Aber wussten sie zum Beispiel, dass es nicht nur rechte Skinheads gibt? Es gibt auch politisch aktive linke Glatzen. Die heißen dann Red-Skins. Und Oi-Skins sind eher unpolitische Skins, die wollen nur ihre Streetpunk-Musik hören.
Ein Arbeitskollege von mir hat auch eine Glatze. Poliert sich regelmäßig die Platte, sagt er. Halbwegs freiwillig, weil ihm die Haare sowieso weitestgehend ausgegangen sind. Da er oft schlechte Laune hat, habe ich ihm den Spitznamen "Miese Glatze" verpasst. Alle haben den Spitznamen übernommen, das amüsiert mich. Schade, dass er nicht in Mönchengladbach wohnt; wegen des passenden Auto-Kennzeichens, sie wissen schon.
Auch Hubschrauber-Landeplätze finde ich spaßig. So nennt man es in meinem Umfeld, wenn ein Mann direkt oben auf dem Kopf immer lichteres Haar bekommt. Kreisförmig.
Klar kriegt man schon mal Probleme, wenn man sich zu oft über solche Entwicklungen lustig macht. Auf einer Party von meinem ehemaligen Bekannten Markus K. fiel mir dessen frappierende Ähnlichkeit mit Yordan Letchkov auf. Kennen Sie nicht? Ehemaliger bulgarischer Nationalspieler, war auch mal beim Hamburger SV. Sein Markenzeichen sind buschige dunkle Augenbrauen, darüber eine heftige Stirnglatze. Und mitten auf der Glatze hat er eine kleine Haarinsel. Heavy. Nun, ich war stark angetrunken und riss den ganzen Abend markige Letchkov-Witze über den Gastgeber. "Hey, hast Du noch ein Glas bulgarischen Cabernet für mich? Was sitzt Du so alleine auf dem Sofia rum? Lass uns mal über den Jordan gehen!" Viele fanden das spaßig, vor allem die anderen Trinker. Er nicht. Wir meiden uns seitdem erfolgreich.
Sowieso Fußball. Wenn ich im Stadion stehe, pöble ich am liebsten gegnerische Spieler an, die an Haarverlust leiden. "Nimm der Scheiß-Glatze den Ball ab, der kann nichts!" Archaisch, nicht wahr? Ich hab nie reflektiert, was mich dazu treibt.
Mattenträger mag ich. Ich meine: Langhaarige. Aber mehr so den natürlichen Typ. Hängt von der Kleidung ab. Edel gekleidete Typen mit Matte sehen etwas tuntig aus, finde ich. Eine ordentliche Lederjacke, schwarzes Outfit, das hat was Kerniges. Modernes Rebellentum in einer abenteuerarmen Gesellschaft. Ich weiß, ich bin kindisch. Wissen sie, welchen Haartyp Mann ich hasse? Die Vögel, die immer den gleichen Haarschnitt tragen. Die Haare scheinen nie zu wachsen. Sind nie richtig lang, aber auch nie ganz kurz. Miese Spießer. Wissen die nicht, welche Freude Haare bereiten können? Dass man damit sein komplettes Erscheinungsbild verändern kann? Manche dieser Leute wirken so ekelhaft geschniegelt. Ich bringe da gern wieder Beispiele aus dem Fußballbereich: Jupp Heynckes, Stefan Reuter, Dieter Hecking (Schalke, Dortmund, Lübeck). Geschniegelte Typen, die immer den gleichen Haarschnitt tragen, als ob Mutti sie jeden Morgen nach dem Frühstück richtig fein gemacht hätte.
Kommen wir zu einer Gattung Mensch, die sich noch weitaus mehr über ihre Haare definiert: die Frau. Ich stehe sicher nicht alleine da, wenn ich lange Haare bei Frauen liebe. Das tun die meisten Männer, lange Haare sind erotisch. Was mich an meiner Einstellung etwas irritiert: wenn ein Mädchen offenkundig unattraktiv ist, kann es dieses Manko bei mir durch das Tragen einer hübschen Mähne völlig ausgleichen. Ehrlich, ich übersehe ihr Gesicht, wenn das Mädchen die Haare lang und gepflegt trägt. Meine Freunde halten mich für verrückt, wenn ich mal wieder einer Frau hinterherlaufe, die für andere Männer keine Reize bietet. Ist das schon Fetischismus?
Nun, die meisten weiblichen Geschöpfe haben ihr Haar ja selbst zum Fetisch erhoben. Ich frage Sie mal provokativ: kennen Sie die echte Haarfarbe der Frauen um Sie herum? Ich glaube nicht. Ist Ihre Nachbarin wirklich blond? Ihre Arbeitskollegin wirklich schwarz? Ihre Frau wirklich rot? Ich wette, Sie wissen es nicht. Manche Mädels färben alle vier Wochen neu, da wird koloriert auf Teufel komm raus! Da ist die Kollegin erst Kastanie, dann Pflaume und schließlich läuft sie als Aubergine herum. Und nach einigen Jahren haben wir vergessen, dass sie vor der Entdeckung ihrer, sich über die Haarfarbe definierenden Weiblichkeit, straßenköterblond war.
Auf blond muss ich natürlich auch zu sprechen kommen, das ist wohl auch ohne Bezugnahme auf schlechte Blondinenwitze die Haarfarbe, die beide Geschlechter am meisten beschäftigt. Naturblonde Menschen soll es ja in Mitteleuropa nur noch zu einem Bevölkerungsanteil von etwa 5 % geben, das ist bekannt. Schaut man sich um, ist aber die Hälfte der Frauen hell gefärbt. Und gerade das helle Blond soll ja eine Signalwirkung auf den Mann ausüben. Ob das was mit den schwedischen Erotikfilmen der frühen siebziger Jahre zu tun hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber die Signalwirkung kann ich persönlich bestätigen. Aber welches Signal wird da übermittelt? "Hallo, hier bin ich!", "Ich bin leicht zu haben, bitte nimm' mich!", "Savannah-Blond war gerade im Schlecker im Angebot!"? - Ich kann nur sagen: meine Frau hasst dieses signalblond. Sie als ehemalige Dunkelhaarige mit aktuellem Graustich hat negative Erfahrungen mit Blondinen gemacht. Weil ihr blöder Ehemann vor geraumer Zeit eine 16 Jahre jüngere Blondine kennen gelernt hatte. Und es bei ihm einfach nur "Peng!" machte, er alle guten Vorsätze vergaß und mit dem jungen Luder eine leidenschaftliche Affäre begann. Die als das Techtelmechtel dann unangenehm, aber unblutig zuende gegangen war, die Frage in mir entstehen ließ: Was hatte dieses Mädchen eigentlich, außer weißblondem Haar und einer niedlich-kindlichen Ausstrahlung? Zumindest gelangte ich zu der sensationellen Erkenntnis, dass es tatsächlich blonde Frauen gibt, deren Intimbereich ebenso hell schimmert wie ihr Haupthaar. Oder war auch das nur ein besonders geschickter Fake?
Wie ich schon eingangs bemerkte: Haarfanatismus lässt mich leicht die Kontrolle verlieren und bringt nur Ärger ein. Wie problemlos wäre das Leben für mich, wenn die Frauenwelt mehr zur Glatze tendieren würde. Aber auch diese Zeit wird unweigerlich kommen, meinen Sie nicht?
Ach - wie ich selber meine Haare trage, werden Sie sich fragen. Nun, früher, in meiner Revoluzzer-Phase trug ich sie sehr lang. Das gab oft Ärger. Weil es meinem Chef nicht passte. Weil andere meine Locken abartig oder gar schön fanden. Und weil sie kaum zu bändigen waren. Heute hab ich sie meist sehr kurz. Das ist praktisch. Aber langweilig. Vielleicht sollte ich sie wieder wachsen lassen. Anstatt mir Gedanken über die Haare anderer Leute zu machen.




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Eingereicht am 07. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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