Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
ISBN 3-9809336-0-1

www.online-roman.de

haarige Kurzgeschichten Haar Haare Frisur Friseur

Das glaubt mir keiner

Eine Kurzgeschichte von Raiko Milanovic


"Du musst dir etwas mit Zukunft suchen, mein Junge", tönte mein Onkel, "etwas was die Leute noch in tausend Jahren brauchen. Dann bist du stets in Lohn und Brot."
"Klasse", dachte ich, "gerade alt genug mich zu rasieren, und schon ist meine Zukunft zu Ende." Mein Onkel schob mir einen Zettel zu.
"Hier, da habe ich genau das Richtige für dich."
"IL FORBICI" - Coiffeur Vittorio Paglieri, las ich.
"Haare wachsen immer. Genauso wie immer gestorben wird. Das hat Zukunft!" Nur mein Onkel schaffte es, von einer Lehrstelle ins Jenseits überzuleiten. Das war ja noch krasser als ich erwartet hatte.
Onkel Herbert lehnte sich über den Tisch, ich wich zurück. Sollte ich mich dafür etwa bedanken? "Du wirst was von der Welt sehen. Er sucht einen Lehrjungen, der mit in seine Heimat kommt."
Mein Onkel ließ keinen meiner Einwände gelten. Im Gegenteil, er fand, dass ich dankbar sein müsste. Schließlich half er mir auf eigenen Beinen zu stehen, und meine Spinnerei mit dem Literaturstudium würde schon vergehen. "Schreiben macht nur Verleger satt und so gut, dass du davon leben kannst, bist du ganz sicher nicht." Und so landete ich an einem vergessenen Badeort an der italienischen Riviera.
Hier war absolut nix los. Früher war das ein Badeort für Großkotze gewesen, aber jetzt fuhren die Yachten vorbei. Manchmal hielt so'n Kutter und verschwand wieder nach 'nem Tag.
Die Lehre war noch ätzender. Haare wegfegen, Shampoo-Flaschen auffüllen und der Alten vom Bürgermeister ihre stinkenden Fischtüten vom Markt nach Hause schleppen; das war alles. Und immer wieder Haare - haufenweise Haare.
Ansonsten bekam ich von den Bewohnern wenig mit. Abgesehen von der kleinen Tiziana, ihr Wuschelkopf blinzelte mich immer mit tausend kleinen Locken an, bekam ich im Laden nur die ausgelaugten Gespinste der alten Schabracken aus dem Dorf zu sehen. Vittorio sprang um die paar Gespenster herum, als ob das alles alte, lang vermisste Verwandte wären. Zwischendurch pfiff er mich an und ich durfte noch irgendein einzelnes Haar vom Boden auffegen, damit die Alte vom Commisario auch sah, dass alles seine Ordnung hatte.
Als ich das meinem Onkel erzählte, war ihm das so ziemlich egal, und er wiederholte nur dieses beschissene: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre." Dann wollte er noch wissen, ob es auch gut zu essen gäbe. Hab schon kapiert.
Nach ein paar Wochen kannte ich alle so sehr, dass ich von dem Zeug, das ich auffegte, sagen konnte wer da gewesen war. Voll öde, bis zu dem Tag, an dem ich ein neues Haar entdeckte.
Ich hatte der Bürgermeisteralten wieder ihr Zeug nach Hause tragen dürfen, bekam auch 'nen beschissenen Keks als Belohnung und machte mich auf zu meinem Besen zurück. Auf dem Rückweg bemerkte ich eine Yacht im Hafen. Sah echt geil aus. Das heißt nach Kohle. Ich blieb einen Moment stehen und schaute einem Matrosen dabei zu, wie er gelangweilt den Hafen musterte. Dem ging's auch nicht besser als mir, dachte ich noch.
Wer wohl an Bord war? Vielleicht ein Millionär mit seiner gelangweilten Tochter, die ganz wild auf einen Landgang war. Ich bemerkte, dass ich grinste und riss mich zusammen.
Wie sie wohl war? Kommt drauf an wie sie sie färben lässt. Wenn es nur nicht schwarz war. Schwarz war öde. Aber rot, rot hatte einen Kick. Ich grinste schon wieder, als ich im Laden gegen einen Rollstuhl rannte.
Vito stieß mich weg. Ich griff sofort nach meinem Ausbildungsgerät und machte mich an die Arbeit, während Vito den Rollstuhl an den Spiegel schob.
Ein junges Mädchen saß darin. Mit roten Haaren, Haare, die sich am Kopf kräuselten, Wellen an den Schultern schlugen, und so üppig runter flossen, dass es dich umhaut. Sie war blass, aber eine Blässe, die edel wirkt.
Da saß sie in einem Rollstuhl, und der Alte durfte in ihren Haaren wühlen.
Vito bemerkte mein Starren im Spiegel und zuckte nur kurz mit dem Kopf. Dann beugte er sich zu ihr runter und fragte leise etwas. Sie nickte.
"Hol der Signorina Mineralwasser." Der Alte wollte mich weghaben, das war klar, aber ich beeilte mich und lief zum Alimentari. Ich trieb ein Glas und ein kleines Tablett auf und brachte ihr das Wasser.
Währen sie trank, schaute sie mich über den Glasrand an und, ich bin mir wirklich sicher, sie lächelte. Sie lächelte mir richtig tief in die Augen und ich erstarrte für einen Moment. Ihre Augen waren grün. Grün mit kleinen Goldsprenkeln und leicht katzenhaft.
Vito zuckte wieder kurz mit dem Kopf, aber sie nickte mir einen Dank zu und hielt mir das leere Glas hin. Diesmal beeilte ich mich.
In der folgenden Stunde fegte ich um sie herum bis ich alle Haaratome aufgefegt hatte. Es kam noch eine Alte aus dem Dorf, der ich Kaffe und Kekse bringen durfte und die mir wortlos eine gelesene Zeitschrift nach der anderen hin hielt.
Endlich drehte Vito ihren Rollstuhl herum und musterte sie zufrieden. Sie sah prachtvoll aus. Ich weiß gar nicht, was er da verschönern musste, aber Vito wirkte super selbstzufrieden wie er um sie herum schwarwenzelte und hier und da einzelne Haare zurechtrückte. Schließlich sagte er freundlich: "Bring die Signorina zum Hafen." bevor er sich dem Wrack zuwandte. Ich war stumm vor Schreck, denn ich hatte sie jetzt für mich alleine.
Die Straße vor dem Laden ist ein wenig abschüssig, so konnte ich neben ihr hergehen, während ich mit einer Hand den Rollstuhl schob. Der Rollstuhl war klamm von der Seeluft und roch nach Tang. Ich überlegte hin und her, während mir noch zwanzig andere unwichtige Details an dem Rollstuhl auffielen und fragte schließlich: "Ist das deine Yacht?" Sie schwieg.
"Where do you come from?" Sie sagte noch immer nichts, aber lächelte mich an, während ich stumm darüber fluchte nicht Literatur studiert zu haben. Da hätte ich sicher was zu sagen gewusst.
Wir schwiegen den Rest des Weges. Der Weg zum Hafen hinein, weiter zum Quai runter und ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte. Dann schob ich sie schon auf die Gangway zu. Sie hob die Hand, und ich hielt. Niemand stand an der Reling, und ich fragte: "Soll ich dich nicht an Bord bringen?" Sie schüttelte den Kopf, lächelte und gab mir zum Abschied die Hand. Ich schüttelte ihr die Hand, wusste nichts zu sagen und ging schließlich die Hafenstraße hinauf. Jetzt müsste ich eigentlich was tun. Jetzt war die Gelegenheit und nicht irgendwann in der Zukunft. Ich könnte sie fragen, was sie so vor hat. Oder erzählen, wie es mich hierher verschlagen hat oder einfach fragen wie sie heißt. Ich drehte mich um, aber man hatte sie schon an Bord geholt.
Ich ging weiter, jeder Schritt langsamer als der vorhergehende, und war schon fast am Laden, als ich es nicht mehr aushielt und zurück rannte. Die Yacht war noch da, aber die Gangway war schon eingeholt und ein Matrose löste schon die Taue.
"Kann ich an Bord kommen?" Der Matrose schüttelte langsam den Kopf, bis ich begriff, dass er mich nicht verstand.
"May I come on board?"
"Why?" Er runzelte die Stirn.
"To say good bye."
"What?"
"The young girl." Er schüttelte wieder den Kopf und sagte, das es keine Mädchen an Bord gäbe.
"But, you know, the girl with (verdammt, wie heißt Rollstuhl auf Englisch) WHEELS", brach es aus mir heraus.
"No girls on board, lad", sagte er noch mal und ging auf die andere Schiffsseite. Der Motor sprang an, und das Schiff löste sich vom Quai während ich unschlüssig da stand. Der Matrose erschien wieder und grinste mich an, während er sich in den Schritt griff.
"No Girls, only Boys" rief der Arsch.
Ich schaute der Yacht hinterher, wie sie zur Hafeneinfahrt tuckerte und schließlich hinter der Landzunge verschwand. Dann ging ich die alte Mole entlang. Sie war nicht lang, und nach einigen Schritten hockte ich mich auf einen alten Polder.
Ich saß eine ganze Weile da und beobachtete wie die Wellen langsam Ölschlieren verstreuten; einige rot.
Schließlich kam die Dämmerung und ich ging noch ein paar Schritte weiter, über das Ende der Mole hinaus. Dort rannte ich in den Rollstuhl.
Er stand zwischen Land und Meer, die Räder vom Wasser halb bedeckt. Ich erkannte ihn gleich. Und um den linken Griff war eine dicke Haarsträhne in einer Schleife gebunden; rotes Haar. Im Sand waren nur Räderspuren, aber keine Fußspuren zu sehen. Sie hatte ihn selbst ins Wasser gelenkt. Der Matrose hatte Recht gehabt. Es befand sich tatsächlich kein Mädchen an Bord.
Ich war voll aufgeregt, als ich verstand, was sie wirklich war. Sie war nicht behindert, sie war nicht schüchtern, sie lebte nicht mal auf einer Yacht, sondern KAM AN LAND UM SICH DIE HAARE MACHEN ZU LASSEN!
Ich band ihre Haarsträhne ab und steckte sie ein. Sie hatte einiges gewagt und es wirklich geschickt angestellt. Abwarten bis eine Yacht vor Anker lag, der Trick mit dem Rollstuhl und dann möglichst wenig geredet während es doch in ihr gebrannt hatte: "Seht was ich kann. Seht, was ich wage!"
Da stand ich nun spielte mit ihrer Haarsträhne und überlegte, was mir ein halb von Wasser bedeckter Rollstuhl sagen könnte. War die Haarsträhne für mich gewesen? Ein Zeichen für mich? Hatte ich ihr vielleicht gefallen? Schon möglich, aber wie konnte sie wissen, ob ich nochmals umkehren würde?
Dann verstand ich. Sie wusste es nicht, aber sie hatte es versucht.
Am nächsten Tag, erklärte ich zu Vittorio, dass ich nicht Frisör werden wollte. Er nahm es erstaunlich ruhig hin und brachte mich zum Bahnhof und half mir sogar mit der Fahrkarte.
Später, im Zug, überlegte ich, was ich Onkel Herbert erzählen sollte. Ich musste erklären, was mich dazu veranlasst hat die Lehre zu schmeißen um zu studieren. Denn das es eine Meerjungfrau war, die es wagte zum Haare machen an Land zu kommen - das glaubt mir keiner.




Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» "Haarige" Kurzgeschichten «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 06. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.