Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Gloria

Eine Kurzgeschichte von Sybille Wild


Als ich heute morgen um halb sieben aus dem Haus kam, lag mein Nachbar auf der Strasse. Neben ihm, in eine Wolldecke gehüllt, eine Frau. Er redete auf sie ein. "Warum die nicht bei ihm in der Wohnung sind", dachte ich bei mir. "Wahrscheinlich versucht er, sie genau davon zu überzeugen, Dummerchen."
Er sah etwas mitgenommen aus. Normalerweise wittere ich ihn, wenn er sich im Haus aufhält, denn er wäscht sein langes Haar jeden Tag und benutzt Haarspray oder andere üble Haarfestiger. Wie er so da lag, auf der dreckigen Strasse, tat er mir schon fast ein bisschen leid. Alle fuhren sie zur Arbeit, die Lastwagen brummten im stockenden Verkehr vor dem Lichtsignal. Und er steckte im Dreck.
Ich fuhr zum Café Gloria, bestellte Kaffee, las Zeitung. Neben mir sie und er. Er, jung, mit halblangem blonden Haar, nicht sonderlich gepflegt.
"Weißt du," sinnierte er, "wenn Saskia sich für Manuel entschiede, würde sie sich jedes Mal, wenn etwas schief läuft, fragen, wie es wohl mit mir gewesen wäre. Und wenn sie mit mir zusammen wäre, ach du weißt schon."
Wusste sie offenbar, seine Beichtmutter, denn sie nickte heftig. Ich schaute ihn mir an und stellte mir vor, wie eine imaginäre Saskia sein Haar zerzaust und ihm zärtliche Worte ins Ohr flüstert. Ich musste in die Schule. Ich hätte gerne mehr von Saskia erfahren.
In der ersten Schulstunde breitete sich schon frühmorgens um acht eine unerträgliche Hitze aus. Die Studenten schlurften, der Hitze modisch angepasst, herein. Diese Null-Aesthetik-Attacke ertrug ich kaum noch. Hässliche Füße in noch hässlicheren Schlappen, kurzbehoste, haarige Männerbeine und sich von krummen Zehen lösender Nagellack. Nur Pascal hielt sich wie immer bedeckt, trug einen langärmligen Pullover und eine lange dunkle Hose. Neben ihn setzte sich Vivianne, deren gewagtes Décolleté den Höhepunkt des Vormittags darstellte. Als ich sie aufforderte, einen Passivsatz zu bilden, beugte sie sich vor und ihr immenser Busen platschte aufs Pult. Ich sah wie sich Pascals Nackenhaare sträubten und bedauerte ihn sehr.
Später erneut im Gloria. Ich korrigierte einige Arbeiten, ein Saharawind, wie mir schien, blies mir in den Nacken. "Ich versteh das einfach nicht. Ich versuche sie zu erreichen, sie geht nicht ran. Dann schreib ich ihr ein SMS, keine Antwort. Später wähle ich nochmals ihre Nummer, das Telefon ist ausgeschaltet. Diese Machtspielchen rauben mir den letzten Nerv!" Ich drehte mich nach dem, was sich wie Telefonterror der gehobenen Sorte anhörte, um. Ein hakennasiger Mann, dem zuviel Liebesstress schon einiges an grauem Deckhaar beschert hatte, starrte in seine Teetasse, derweil sein Gegenüber wohl versucht war, seine Hand zu halten. Da es mich ebenfalls in den Fingerspitzen kitzelte, unterschrieb ich kurzerhand eine "Petition für weniger Chemikalien in Kosmetika", die mir eine ziemlich heruntergekommene Type entgegen hielt. Ich wandte mich ab und blinzelte kurzsichtig in die Ferne. Vor dem Trekkerladen wippte ein rot-schwarzer Kamm auf etwa 1.70m Höhe auf und ab. Ich setzte meine Brille auf und erkannte Clemens. Ich winkte ihm zu und er setzte sich zu mir. Und da kam sie auch schon, die Geschichte, die ich nicht hören wollte, nicht noch einmal hören konnte! "Sie will einfach nicht akzeptieren, dass ich mich von ihr getrennt habe. Manchmal denke ich, dass es die Richtige für mich einfach nicht gibt." In Gedanken ging ich schon mal alle nicht liierten Freundinnen durch. Ich schaute Clemens über die Schulter und beobachtete, wie einige Polizisten vor dem Trekkerladen einen Wolfshund aus einem abgeschlossenen Auto befreiten.
Das riesige Vieh stürzte sich auf den Kellner vom Café Gloria und bekam darauf einen Eimer mit Wasser vorgesetzt. Es gab irgendwie nichts mehr zu sagen, Clemens musste weiter. Und ich dringend nach Hause, in Sicherheit.
Am anderen Tag lag Shampoo in der Luft im Treppenhaus. Mein Nachbar kam aus der Waschküche. "Hast du dich erholt von gestern?", fragte ich ihn.
"Oh das", sagte er nachdenklich und sog an einer Haarsträhne, " ja das war wirklich verrückt! Stell dir vor, da....."




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Eingereicht am 06. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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