Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1


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Eine Reise ans Meer

© Birge Laudi


Er hatte es geahnt, hatte aber wider besseren Wissens gehofft, dass es diesmal nicht der Fall sein würde. Doch es war wieder so gekommen, wie immer. Immer, wenn es darum ging, eine unaufschiebbare Angelegenheit zeitgerecht zu erledigen. Jede akute Dringlichkeit löste bei seiner Frau, ohne dass sie es geplant hätte, eine Handlung aus, die dann immer in gleicher Form ablief.
Wochenlang hatte sie die Vorfreude auf die Reise ans Meer genossen, hatte Haus und Garten in Ordnung gebracht und die Nachbarn gebeten, die Katze zu füttern und die Blumen zu gießen. Voller Begeisterung hatte sie gepackt. Alles, was nötig war für ein Vagabundieren die Küste entlang. Nun war es endlich so weit. Es konnte losgehen - und es kam, wie es immer kam und er wusste, dass er es mit keinem Argument aufhalten konnte.
Just, als er die letzte Tasche ins Auto trug, da hörte er seine Frau im Badezimmer rumoren. Schränkchen wurden aufgerissen und zugeworfen, Gegenstände knallten auf das Waschbecken. Dann wurde es still.
Nein, nicht schon wieder! - Sein stummer Aufschrei.
Er wusste, nun musste er sich gedulden, denn nun würde sich seine Frau die Haare schneiden.
Zunächst einmal würde sie die Haare waschen. Das erforderte das Ritual.
Sie brauchte eine Haarwäsche nicht nur vor dem Schneiden, sondern auch dann, wenn ein Migräneanfall im Anzug war, wenn sie mies gelaunt war oder sie sich sonst in irgendeiner Weise nicht wohl fühlte. Heute aber, da die Abfahrt in den wohlverdienten Urlaub drohte, heute war das Waschen der Haare nur der Auftakt zum Haarschneiden.
Beides, sowohl das Waschen als auch das Schneiden der Haare, wurde von der Reklame dominiert.
Da nun einmal eine Fahrt ans Meer geplant war, sollte es auch das passende Shampoo sein. Sie griff zum Shampoo von Silbermann mit seiner ganz besonderen Wirkung durch den Gehalt an Aufbau-Vitaminen. Ein Shampoo, das Volumen durch die geheimnisvolle Kraft des Meeres versprach. Das würde ihrem feinem Haar zu Stärke und Glanz verhelfen.
Gesundheit und Schönheit des Haares bis in die Spitzen!, stand auf der Fasche. Obendrein sei durch einen hautfreundlichen pH-Wert dieses Shampoo ideal für die tägliche Haarwäsche.
Sie wollte natürlich ihr Haar nicht täglich waschen. Sie hatte ja auch nicht jeden Tag Migräne oder das arme Tier, wollte auch nicht täglich die Haare schneiden, da sie schließlich nicht an jedem Tag eine dringende Angelegenheit hinausschieben musste. Doch gegen einen hautfreundlichen pH-Wert war auch bei einer weniger häufigen Haarwäsche nichts einzuwenden.
Er schaute ins Badezimmer. Es war so still da drin. Was trieb seine Frau? Sie wollte sich doch sicher die Haare waschen und schneiden! Eine ihrer stereotypen Reaktionen auf Konfliktsituationen. Eine Reise stürzte sie jedes Mal im letzten Augenblick in Verzweiflung. Sie wurde hin und her gerissen zwischen dem Wunsch zu fahren und dem Wunsch zu bleiben.
Mit Entsetzen sah er, wie sie traumverloren dastand. Sie hielt eine Shampoo-Flasche in der Hand und las völlig versunken den Reklametext. Sie las und hatte die Zeit und die Reise vergessen. Ausgeklammert. War ganz hingegeben der Vorbereitung aufs Haarwaschen, auf die Wahl des richtigen Shampoos.
Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. Ob das alles stimmte, was da auf der Flasche stand? Das nachweisbare Ergebnis der Haarwäsche mit diesem Wundershampoo sei eine enorme Kräftigung des Haares. Es werde von innen her aufgebaut und seine Struktur gefestigt.
'Na, wenn das nichts ist! Einfach toll!', rief sie erfreut.
Irritiert fragte ihr Mann: 'Was ist toll?'. Doch er bekam keine Antwort. Schon rauschte Wasser, der Kopf seiner Frau tauchte unter den Wasserhahn und das Wundershampoo quoll auf, füllte das Waschbecken mit Wolkenbergen von luftig weißem Schaum und das Badezimmer mit feinem Duft.
Während sie ihr Haar mit dem kraftstrotzenden Strukturverbesserer aus Vitaminen und Meeresalgen wusch, vergaß sie die Welt um sich herum. Sie gab sich ganz den Meeresalgen auf ihrem Kopf hin und verdrängte erfolgreich die Abfahrt in den Urlaub ans Meer. Nicht, dass sie dort nicht gerne wäre, doch den Abschied von Haus und Garten, von ihrer Katze und ihren Blumentöpfen, den schob sie unbewusst jedes Mal hinaus, bis er sich gar nicht mehr umgehen ließ.
Als sie aus ihrem wohligen Verharren mit dem Kopf im Waschbecken auftauchte und in den Spiegel blickte, da klebten die grau gescheckten Strähnen wie ein dünnes Gitternetz über der rosig hindurchschimmernden Kopfhaut.
Die Meeresalgenfülle kommt vielleicht erst später, dachte sie. Wenn die Haare geschnitten und gefönt sind, wird sich schon die versprochene Verbesserung von Fülle und Struktur zeigen!
Hoffnungsvoll bereitete sie den nächsten und entscheidendsten Schritt vor.
Seit Jahrzehnten schnitt sie sich die Haare selbst. Vor gut dreißig Jahren hatte sie bei einer Verbrauchermesse einen Haarschneider erstanden. Einen, mit dem man einfach und sicher die Haare selbst schneiden konnte. So war er angepriesen worden und hatte gehalten, was auf der inzwischen zerfledderten Umhüllung stand. Der Haircut spezial von Lohner. Gesetzlich geschützt mit sieben Sicherheits-Plus-Punkten und einer Gebrauchsanleitung in neun Sprachen.
Mit diesem gesetzlich geschützten Gerät hatte sie Jahrzehnte lang ihre Haare geschnitten. Inzwischen aber war es immer beschwerlicher geworden. Die Klinge war stumpf und sie hatte längst alle Ersatzklingen verbraucht. Nachkaufen konnte man sie nicht mehr, da das gesetzlich geschützte Modell eines Haarschneiders, mit dem man einfach und sicher seine Haare schneiden konnte, aus der Mode gekommen und von den Ladentischen verschwunden war.
In einem kühnen Anlauf hatte sie vor einer Woche ein neues Modell erstanden. Den Rapido-Sicherheits-Haarschneider der Franziska Wohlmann Vertriebs GmbH mit einem Päckchen Ersatzklingen. Diese seien etwas ganz Besonderes. So jedenfalls las sie auf dem Beipackzettel.
Aus gutem Grund, so stand da geschrieben, seien die Spezial-Haarschneideklingen für den Rapido-Sicherheits-Haarschneider eine Sonderanfertigung: Normale Rasierklingen seien wegen ihres empfindlichen Schliffs zum Haarschneiden nicht geeignet. Die Spezial-Haarschneideklingen jedoch würden nach neuesten Fertigungsmethoden eigens zum Haarschneiden hergestellt. Der stabile und widerstandsfähige Schliff garantiere eine lange Gebrauchsdauer.
Das musste ja geradezu eine Wunderwaffe sein. Heute wollte sie diese Neuheit erstmals einsetzen.
Doch die besten Spezial-Haarschneideklingen nützen ihr nichts. Sie kam mit dem dazugehörigen Rapido-Sicherheits-Haarschneider nicht zurecht. Er verlangte nach einer anderen, einer ungewohnten Haltung. Die Zeit wurde knapp und sie musste sich etwas einfallen lassen. Und es fiel ihr etwas ein.
Mit einem kleinen, scharfen Küchenmesser schnitzte sie ein wenig an dem vermeintlich ausgedienten Haircut spezial von Lohner herum, während sich ihr Mann ergeben die dritte Tasse Kaffee zurechtmachte. Und dann passten die Spezial-Haarschneideklingen aus modernster Fertigung in den dreißig Jahre alten Haarschneider von Lohner.
Inzwischen war ihr Mann durch zuviel Coffein und zu lang strapazierter Geduld ein wenig zittrig geworden, sie aber schnitt sich mit ihrem aus Alt und Neu zusammengebastelten Haarschneider seelenruhig das Haar.
Erleichtert atmete ihr Mann auf, als er aus dem Badezimmer das Rauschen und Plätschern der Dusche hörte. Der Abschluss der Haarschneideaktion, um etwaige versprengte Haarreste vom Körper abzuspülen. Das gehörte einfach dazu.
Neue Duftwolken wehten aus dem Badezimmer und als die Dusche verstummte und das Heulen des Haarföns ertönte, da war klar: Nun konnte es nicht mehr lange dauern.
Und dann war sie auch wirklich fertig. Abschließend begutachtete sie ihr Werk im Spiegel. Das Mehr an Aufbau-Vitamin und die guten Meeresalgen hatten noch immer nicht gewirkt. Eine Aufsehen erregende Zunahme an Fülle und Kraft ließ sich nicht erkennen. Das war heute allerdings auch nicht das Ziel von Haarwäsche und -schnitt gewesen, sondern eine durchaus willkommene Ergänzung.
Das für ihren Mann nervtötende Warten war zu Ende. Gemeinsam bestiegen sie ihr Auto und traten, eingehüllt in eine Wolke von Shampoo- und Duschgel-Düften, den Weg in den Urlaub an.
Noch aber waren sie keine zehn Kilometer gefahren, da schluckte die Frau mit dem Duft nach Meeresalgen und Schaumkronen das erste Aspirin. Ein Migräneanfall. Das hinwiederum verwunderte ihren Mann nicht, denn auch das war eine obligatorische Zugabe für den Beginn einer Urlaubsreise.



Eingereicht am 03. März 2006.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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