Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1


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Krisenmanagement im Badezimmer

© Julia Hofmann


Alles scheint aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Unangenehme Veränderungen nehmen zu, schöne dagegen proportional dazu leider ab. "Mach dir nichts draus!", versuche ich mich zu beruhigen und werfe meinem Spiegelbild ein aufmunterndes Lächeln zu. "Wann freundest du dich endlich mit dir selbst an?" und "Du musst dich mögen wie du bist." Weiß doch jeder.
Nur wer sich selbst liebt wird auch von anderen geliebt. "Du bist attraktiv."
Aber irgendwas an der ganzen Sache ist faul.
Schuld daran, dass alles aus dem Lot gerät, hat zweifellos das Alter.
Rückblickend würde ich sagen: Wenn du die Dreißig erst überschritten hast, musst du dich auf wirklich unangenehme Dinge gefasst machen. Und das Gemeine daran ist, dass sämtliche Veränderungen sich schleichend, wenn nicht sogar heimlich hinter deinem Rücken einstellen. Ich zupfe mit der Pinzette die Haare zwischen meinen Augenbrauen weg. Mit diesen Störenfrieden kämpfe ich schon seit frühester Jugend, darüber bin ich bestimmt nicht mehr böse. Das ist überhaupt das einzig Gute. Dass man sich mit den Jahren und Jahrzehnten um einst gehasste körperliche Eigenheiten und Veränderungen gar nicht mehr schert. Wenn sich ein paar verirrte Härchen ins angeknackste Selbstbild integrieren lassen, warum also nicht ein paar mehr? Wo liegt nur mein Problem? "Ich bin attraktiv."
Ich finde nur manchmal und das immer häufiger, dass der Arbeitsaufwand in keinem Verhältnis zu meiner vermeintlichen Attraktivität steht - in gar keinem. Ich kriege nämlich so langsam das Gefühl, der Großteil der Seniorinnen verbringt den Lebensabend damit, sich ihres über den ganzen Körper verteilten überschüssigen Haarkleides zu entledigen. Ich verbringe viel zu viel Zeit mit meinen Haaren anstatt mit meinen Kindern oder meinem Mann. Da haben wir's doch! Ich muss ja attraktiv sein! Hätte ich sonst einen Partner? Gar Kinder? Die Haare sind also unschuldig. Aber doch nur, weil ich ihnen in frühester Jugend den Krieg erklärt habe. Und jetzt bin ich sauer, weil ich spüre, dass ich den verliere. Endgültig. Nicht etwa, weil ich mir die Massen an Rasierklingen nicht mehr leisten könnte. Nicht, weil mein Selbstwertgefühl es nicht zulässt, dass ich moderne Verfahren der Epilation in Anspruch nehme. Nein. Einfach nur, weil es so unaufhaltsam immer mehr Haare werden und ich nicht endlich abstumpfe wie meine Rasierklingen. Sie sind überall. Ekelig ist das. Pervers. Schlimmer, mein Mann muss pervers sein. Meine arme Tochter! Vielleicht betrachten die mich ja gar nicht als Ehefrau und Mutter, nicht mal als Menschen, sondern vielmehr als ihr lieb gewonnenes Haustier und nennen mich heimlich "Puschel"? Ich gehöre ins Tierheim!
Ich hab sie nicht alle, schon klar. Aber dafür umso mehr widerliche Härchen. Das ist schon wieder untertrieben. Widerliche Borsten. Alle paar Jahre ein scheußliches Muttermal mehr im Gesicht. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier und plötzlich wachsen mindestens fünf dieser unheimlichen Art aus einer Pore! Das kann doch gar nicht sein! Ich werd noch wahnsinnig.
Und das ist bei weitem nicht alles, wenn ich schon beim Thema bin. Niemand vermag sich vorzustellen, wie meine Beine aussähen, würde ich sie nicht ständig mit Werkzeug malträtieren. Ganz zu schweigen von den Verletzungen innerhalb der letzten Jahrzehnte. Auch hier begnügt sich nicht eine Pore mit einem Haar, nein, die kriegt den Rand ja nicht voll: Es wachsen bis zu drei Haare aus dieser winzigen Stelle und das über das gesamte Areal meiner Beine! Das ist nicht witzig! Mit dem Wort Bikinizone kann ich auch wenig anfangen. Das ist keine Zone. Das ist ein Riesenareal, das sich anschickt, sich bis zur Innenseite meiner Knie auszudehnen. Bäh! Eine Heidenarbeit ist das! Vor dem Duschen bekomme ich schon langsam Versagensängste.
Ich sollte eine Psychotherapie machen, dringend! Na ja, ich hoffe, die meisten wissen nicht wie es sich anfühlt, wenn die Rasur nicht mehr ganz frisch ist. Meines Erachtens kann das für andere lebensgefährlich sein. Es würde nur wenig mehr Schaden anrichten, wenn man versucht einen Stacheldraht zu durchlaufen.
Was wäre eigentlich, wenn ich den Mut hätte, sämtliche Köperhaare einfach auswachsen zu lassen? Das wäre doch äußerst selbstbewusst. Gegen diesen ganzen Nacktheitswahn anzuschwimmen, geradezu revolutionär! Mich erkennt doch eh keiner. Das ruft den Tierschutzverein dann aber wahrscheinlich wirklich auf den Plan. Ich befürchte, ich wäre in der Steinzeit besser zurecht gekommen. Immerhin hätte mein Stamm Felle an mir sparen können.
"Jetzt is aber gut! Du bist attraktiv!"
Ja, ja, sicher. Selbst mein Mann belustigte sich schon über das eine oder andere Haar, das vorwitzig aus einem Muttermal lugt. Allerdings: Wer im Glashaus sitzt, sollte lieber nicht mit solchen Geschossen um sich werfen.
Was sich am Kopfe langsam rar macht, sprießt nämlich nun an seiner Nase.
Nicht in der Nase, auf der Nase. Arme und Beine sind nicht diskussionswürdig. Nur eines: Diesen Konkurrenzkampf verliere sogar ich.
Aber bei Männern ist das ja kein Problem. Versuche einmal als Frau einen Mann zu bitten, sich der hässlichen Haare auf dem Rücken zu entledigen! Da ist nichts zu machen. Sie tragen ihre Pracht mit Stolz und Eifer.
Ich sollte mich um meine eigenen Probleme kümmern. Nur gut, dass Fasching ist. Ein Kostüm kann ich mir sparen. Da, am Kinn ist noch eines. Noch weich, aber viel zu lang. Wie sieht das denn aus im Profil? Unappetitlich. Wird nur borstiger, wenn ich … auch egal. Eines mehr oder weniger.
Nach einer halben Stunde habe ich dich Sache endlich wieder so einigermaßen im Griff. Make-up, die neue Jeans. Passt doch.
"Hey, gut siehst du aus!" Mein Mann ist nach Hause gekommen. Wir sind bei Freunden eingeladen. Er drückt mir einen Kuss auf das Gesichtsfell. "Du bist wirklich ziemlich attraktiv - für deine Vierzig."



Eingereicht am 20. Januar 2006.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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