Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Hattrick

© MiG


Die Nachricht kam per E-Mail und las sich interessant:
"Hallöchen, habe grade durch Zufall die Anzeige gefunden und dachte mir ich meld mich einfach mal! Meine Zwillinge haben beide überschulterlange Haare und tragen sie meistens zum Zopf. Wir haben schon mehrfach darüber gesprochen, das wir uns alle drei die Haare bis auf Schulterlänge abschneiden lassen würden. Immerhin kommt jetzt der Sommer und andersrum sind sie auch leichter zu pflegen. Außerdem wachsen sie ja wieder nach! Kämen wir evtl. als Haarmodel in Frage? Wir wohnen in Oberhausen!
Mit freundlichen Grüßen Bea"
Es war eine Antwort auf eines jener Angebote, die ich verschiedentlich im Internet auf diversen Sites laufen ließ und in denen ich kostenlos meine Dienste als Haarschneidespezialist anbot. Es gingen noch mehrere Nachrichten und einige Referenz-Fotos über die Datenautobahn, bevor ich schließlich zu einem vorher vereinbarten Termin am Stemmers Berg im Oberhausener Ortsteil Sterkrade von der Hauptstraße abbog. Kurz darauf stand ich vor einem der ehemaligen Zechenhäuser, aus denen hier die komplette Siedlung zu bestehen schien.
Auf mein Läuten hin öffnete ein ungefähr 15-jähriger Teenager in Fransenjeans und ärmellosem Top. Das weißblonde, offenbar sehr feine Haar fiel dem Mädchen in einem lockeren Zopf über die Schulter. "Hallo, sind Sie der Friseur? Ich bin die Claudia … und das ist Andrea", stellte sie ihre Schwester vor, die hinter ihr auftauchte und mich neugierig musterte. Zwillinge, wie angekündigt, und sogar eineiige, denn sie glichen sich buchstäblich bis aufs Haar. Ich nannte ebenfalls meinen Namen, trat ein und folgte den Mädchen in die Küche des Hauses, wo die Mutter uns erwartete. Sie stellte sich als Beatrix vor und war diejenige, die mit mir Kontakt aufgenommen hatte. Beatrix - "Sag einfach Bea zu mir, das tun alle" - hatte dunkleres, wesentlich üppigeres Haar als ihre Töchter. Es wies einen leicht rötlichen Schimmer auf und fiel ihr in leichten Naturwellen fast den ganzen Rücken hinunter. Sie kam mir für eine Mutter halbwüchsiger Töchter sehr jung vor, ich schätzte sie allenfalls auf Anfang Dreißig.
"Wie sollen wir es machen?", fragte ich und sah mich in der Runde um. In der Mail war von Abschneiden auf Schulterhöhe die Rede gewesen, was bei den Zwillingen eine Ernte von gut einem Drittelmeter am Stück bedeutet hätte, bei der Mutter auch etwas mehr. "Wir sind zu allem bereit, nur gut aussehen muss es hinterher", antwortete Bea zu meinem Erstaunen. Doch eine ihrer Töchter schränkte sofort ein: "Claudia und ich haben uns geeinigt, dass sie vorne mindestens kinnlang bleiben sollen!" Das musste also Andrea sein, ich konnte die zwei nicht auseinander halten. In diesem Moment kam mir eine Idee. "Wenn ich das garantiere, gilt dann, was eure Mutter zugesagt hat?" Die Zwillinge schauten einander an und nickten gleichzeitig: "Okay, abgemacht!" "Was willst du denn frisurtechnisch mit uns machen?", wollte eine von beiden wissen. Ich aber hatte beschlossen, mit der Mutter anzufangen. Bea war begeistert und - wie sie nochmals betonte - für alles offen.
Also stellte ich ihr auf dem Kachelboden der Küche einen Stuhl zurecht und legte ihr mein fliederfarbenes Cape um. "Hast du auch diese Papierhalskrausen?", fragte Claudia. "Sonst jucken die Haare so auf der Haut!" Das musste ich verneinen. Daraufhin stand Bea auf und nahm sich das Cape wieder ab. "Dann gehe ich mich mal rasch umziehen!" Sie verließ den Raum und verschwand die Treppe hinauf ins obere Stockwerk. Kurz drauf erschien Bea wieder, bekleidet lediglich noch mit einem knapp sitzenden orangefarbenen Bikini, der ihre jugendlich erhaltene Figur vorteilhaft zur Geltung brachte. Ich schluckte, legte ihr das Cape wieder um und striegelte ihre langen Wellen letztmalig durch. Dann band ich sie mit einem lindgrünen Samtband am Oberkopf ab. "Bist du sicher, dass sie kurz werden sollen?" Ein Nicken war die Antwort. Also holte ich die große "Zöpferschere" aus der Materialtasche, führte die viertel Meter langen, extrem scharf geschliffenen Klingen oberhalb des Gummis durch und drückte zu - zweimal, und der hübsche, leicht gelockte Pferdeschwanz von Bea war Geschichte. Ich legte ihn beiseite. Ihre Haare fielen in einer steil ansteigenden Linie, gingen ihr halb über die Ohren, reichten vorn noch fast bis auf die Schultern. Ich legte die Riesenschere weg, nahm ein glänzendes, wesentlich handlicheres Exemplar aus der Materialtasche und kürzte die vorderen Strähnen auf Mundwinkelhöhe. Im Anschluss flachte ich den Winkel ab, in dem die Seitenlinie nach oben zum Hinterkopf verlief. Dort schuf ich rund um den Wirbel ein regelrecht abstehendes "Nest", so dass durch die jetzt stärker zu Tage tretenden Naturlocken ein sehr flippig-gewagter so genannter "A line Cut" entstand. Den Nacken rasierte ich mit dem Clipper bis in halbe Ohrhöhe aus. Ich führte Bea ins Bad, damit sie sich im Spiegel anschauen konnte, und hielt ihr einen Handspiegel hinter den Kopf. "Wie gefällt es dir?" Sie betrachtete ihr neues Selbst und nickte. "Sieht klasse aus!" Das fand ich auch, es gab ihr eine jugendlich-freche Note, die gut zu ihr passte.
Die Teenager-Zwillinge hatten sich inzwischen ebenso umgezogen und die ganze restliche Zeit über mit wachsender Faszination zugeschaut. Nun tastete eine nach dem Zopf, der an ihrem Hinterkopf begann. "Kann das bei uns auch so werden?" Ich schüttelte den Kopf. "Eure Haare sind glatt und haben weniger Fülle, aber in den Grundzügen könnte ich euch eine ähnliche Frisur machen." "Au ja! Das wär's doch, oder, Andrea?" Mich freute die Reaktion, denn sie kam meinen Plänen sehr entgegen. Andrea nickte, und Claudia griff nach der Haarschere, die ich auf der Arbeitsplatte abgelegt hatte. "Deinen oder meinen zuerst?", fragte sie ihre Schwester, griff nach ihrem Zopf und wollte schon die Schere ansetzen. "Stopp!", forderte ich. Vier veilchenblaue Augen schauten mich fragend an. "Dürfen wir nicht selber … Hätte ich aber echt Bock drauf!" Das war Claudia, Andrea nickte bestätigend. "Dagegen ist ja grundsätzlich nichts zu sagen - aber doch nicht so! Erstens sind eure Zöpfe zu weit unten angesetzt, und zweitens habe ich da eine andere Idee." "Und welche?" Zwei Stupsnasen kräuselten sich, es sah aus wie bei mümmelnden Kaninchen. "Ich würde mit euch gern eine ganz besondere Aktion machen. Und den Ablauf stelle ich mich folgendermaßen vor …" Ich schilderte den Mädchen mein Vorhaben und erntete die erhoffte Begeisterung: "Da sind wir dabei!"
Zunächst löste ich bei Andrea und Claudia die eher lieblos gefochtenen Zöpfe im Nacken auf. Die weißblonden Mähnen aus den für ihre Naturfarbe typischen sehr feinen Haaren reichten den Zwillingen jeweils bis weit über den Rücken. Ich nahm aus meiner Materialtasche einige Haargummis von relativ geringem Durchmesser. Dann band ich zunächst Claudias Haare mit pinkfarbenen Gummis schräg über den Ohren in zwei Schwänzen ab, flocht sie zu nicht allzu festen Zöpfen und sicherte die Flechten zehn Zentimeter vor dem unteren Ende mit zwei giftgrünen Gummis. Mit Andreas Haaren verfuhr ich auf dieselbe Weise, nur tauschte ich die Farben der Haargummis. "So", wandte ich mich dann an die beiden Teenies, "wer will den Anfang machen?" Die Schwestern tauschten einmal mehr einen Blick, dann nickten sie unisono. Andrea schaute zu mir: "Meine zuerst!" Daraufhin trat Claudia in Aktion. Wie zuvor mit den Mädchen besprochen, ergriff sie die Zöpferschere, langte nach dem linken Zopf ihrer Schwester und schnitt ihn mit einem Ritsch direkt unter dem Haargummi ab. Dann tauschten die beiden die Plätze. Andrea erhielt die Zöpferschere und setzte sie bei dem rechten Zopf ihrer Schwester ebenfalls direkt unter dem Gummi an: Ratsch! Bea hatte inzwischen einen Fotoapparat geholt und machte ein Foto ihrer Töchter, die sich dafür so neben einander aufstellten, dass jede außen noch einen langen Zopf präsentieren konnte, während sie an den jeweils der Zwillingsschwester zugewandten Seite nur noch ein kurzes, abgeknabbert aussehendes Stummelschwänzchen ihr eigen nannten. Den jeweils der Schwester abgeschnittenen Zopf hielten sie dabei locker in der Hand, legten sie aber anschließend auf die Arbeitsplatte neben den Pferdeschwanz ihrer Mutter. Dann legte ich Andrea ein schwarzes Nyloncape um und widmete mich ihrer linken Seite. Die vorderen Haare kürzte ich auf Kinnhöhe, ließ dann eine steile Seitenlinie bis zum Nacken hinauf laufen, den ich aber einstweilen nur mit dem Clipper auf 4 Millimeter schor. Anschließend schnitt ich das Ohr zusätzlich frei, so dass die Kreole zum Vorschein kam, die Andrea dort trug. Anschließend schuf ich an Claudias rechter Seite ein exaktes Spiegelbild von Andreas neuer Frisur. Bea lachte: "Endlich sind sie zu unterscheiden, die zwei - und nicht nur für mich! Können wir es nicht so lassen?" Mir gefiel die Idee auch, aber Claudia und Andrea waren offenbar anderer Ansicht. Claudia hatte binnen Sekundenbruchteilen die Zöpferschere in der Hand und säbelte mit einem einzigen Schnitt den rechten Zopf ihrer Schwester ab, den sie mir mit triumphierendem Grinsen zuwarf. Andrea ließ sich mehr Zeit und hielt Claudias Zopf noch ein paar Augenblicke lang in der Hand. Sie schaute versonnen darauf, legte ihn aber dann auch zwischen die großen Klingen, drückte zu - und reichte mir anschließend die weißblonden Flechten. Somit blieb mir, noch zweimal exakte Abbilder der bereits kreierten Halbfrisuren zu schaffen.
Als Lohn erhielt ich dankbare Blicke aus drei Augenpaaren und eine große Tafel "Merci" Schokolade. Ich dankte, obwohl ich lieber neben den beiden mir bereits überlassenen Zöpfen auch den Rest der frisch geernteten Prachtmähnen mitgenommen hätte, doch die wollten meine drei Modelle selbst behalten. Dafür aber versprachen sie mir, jeder interessierten Freundin meine Handynummer weiter zu reichen. Damit hatte sich die Aktion doch jedenfalls gelohnt …



Eingereicht am 28. April 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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