Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Netti

Von H.M. Weisemann


Netti
HM. Weisemann
Die Polizei kam angefahren, ohne ta-tü, ta -ta, Frau Grimme war enttäuscht. Einmal in ihrem Leben hatte sie sich aufgerafft anzurufen, zum ersten Mal, und jetzt kamen sie ohne Sirene.
Sie winkte zaghaft vom Straßenrand, um ihnen den Weg zu zeigen.
Frau Grimme blieb vor dem Haus der Meiers stehen und wartete bis die zwei Polizisten ausgestiegen waren. Dann sprach sie den älteren an: "Ich habe Sie angerufen, Grimme mein Name."
"Also Frau Grimme, was war denn, was haben Sie denn genau gehört und gesehen?"
"Der Meier, das ist der Mann, der hier mit seiner kleinen Tochter, der Netti, lebt, kam wieder sturzbesoffen nach Hause und schrie so mit der Netti herum, dass es die ganze Straße hören konnte. Aber hier hört niemand was, und seit die Mutter tot ist, sind alle taub und blind."
Frau Grimme kam in Fahrt, das alleine Sein, die trüben Tage am Fenster, das schlimme Schreien von Meier, und seine Wutanfälle, wenn jemand mit ihm reden wollte.
Ihre aufgescheuchten Gedanken flogen aus ihrem Mund zum Ohr des Polizisten. Der, viel gewöhnt, holte Frau Grimme auf den Boden der Tatsachen zurück. "Also gute Frau Grimme, der Vater hat geschrieen, und dann?"
"Ich weiß nicht was geschehen ist, ich habe nur gehört, dass er die Netti eine verträumte, blöde Gans nannte und er ihr schon Dampf machen würde. Wissen Sie, Herr Wachmeister, die Netti hat so schöne, lange, blonde Haare und träumt immer davon, einen dicken Zopf zu haben, wie Rapunzel aus dem Märchen. Ihr Haar ist wirklich wie aus gesponnenem Gold, und jeder möchte ihr über den Kopf streicheln, weil es so schön ist."
"Ja, Frau Grimme, sie hat Haare wie aus Gold gesponnen, aber weiter."
Frau Grimmes versonnenes Lächeln verschwand und sie sagte: "Er schrie nach Schnaps und dass die Netti welchen besorgen solle. Die Netti war wohl nicht schnell genug, denn er schrie, ich hol die Schere und dann kannst du was erleben. Ich hörte Netti weinen und Meier schreien: "Du blöde Kuh, ich werde dir helfen, deine Haare schneide ich dir ab, damit die Träumerei aufhört - von wegen Prinz, der an deinem Zopf heraufgeklettert kommt und dich auf sein Schloss entführt. Die Fensterriegel habe ich schon abgeschraubt und den Zimmerschlüssel findest du nie. Wenn du nicht parierst, sperre ich dich hier ein, bis du verschimmelst." Dann lallte er unverständlich und polterte herum. Von der Netti war nichts zu hören. Auf einmal war es ganz still, und ich dachte, er sei eingeschlafen. - Plötzlich der Schrei von Netti, - Nein, nein, nicht meine Haare! Oh doch, oh doch, würgte der Meier heraus. Drüben klang es so als gäbe es ein Gerangel, dann ein leiser Schlag, dem ein lauter wie ein Sturz folgte, dann war es ganz still. Jetzt habe ich Angst, dass etwas mit der Schere oder so..."
Der Polizist rief seinen Kollegen: "Klingel mal bei dem Meier."
Der Polizist klingelte, klingelte Sturm, klopfte und rief. Nichts. Endlich, die Nachbarn waren inzwischen neugierig zusammengelaufen, hörte er schwere Schritte auf der Treppe. Meier torkelte fluchend herab, riss die Tür auf und plärrte: "Kann man denn nicht einmal in Ruhe schlafen?"
"Doch, Herr Meier, aber wir wollen nach der Netti schauen."
"Was heißt hier nach der Netti schauen? - Polizei - ich habe ihr immer Geld gegeben für den Schnaps; die musste nicht klauen."
Der Polizist horchte auf und sagte mit Nachdruck: "Herr Meier, wo ist die Netti?"
Widerwillig wich Meier zur Seite: "Oben ist sie, gehen Sie selbst rauf, ich hole sie Ihnen nicht runter, Sie Ruhestörer."
Der ältere Polizist ging als erster, der jüngere folgte. Sie kamen in einen kleinen, dunklen Flur und folgten dem Lichtschein, der durch die angelehnte Tür eines Zimmers fiel. Der Ältere schob die Tür auf, ganz erfahrener Vater, ein Kind zu trösten, und erstarrte bei dem Bild, das er vor sich sah.
Auf dem Boden lag Netti, ihr Haar, wie gesponnenes Gold, zu Flügeln aufgefächert. Die Schere und das Blut schimmerten auf dem dunklen Boden.
Rapunzel war tot.




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Eingereicht am 30. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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