Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Hauptsache anders!

Von Claudia Gürtler


Er konnte Sonntage nicht ausstehen! Gibt es etwas Langweiligeres als ein Nachmittag, an dem alle einträchtig beisammensitzen und eigentlich nichts zu tun haben? Sogar Allesegal, die Katze, knackte vor lauter Gähnen mit den Kiefern.
Er nahm Allesegal auf den Schoß und sie betrachteten sich zusammen ihre Familie. Und da sah er es plötzlich: alle hatten sie lange Haare, und erst noch aus Überzeugung! Mama hatte seit der Hippiezeit nie eine Schere an ihre Locken gelassen, und Papa schwärmte heimlich für Richard Gere. Opa hatte früher in der Oper gesungen, und Oma wäre arbeitslos gewesen ohne das kunstvolle Geflecht, das sich um ihren Kopf rankte. Und selbst die kleine Schwester war stolz darauf, sich auf ihre Zöpfe setzen zu können.
"Hauptsache anders!", rief er kämpferisch und marschierte ins Badezimmer. Die Familie hörte nicht hin. Sie war mit Beisammensitzen beschäftigt.
Hauptsacheanders probierte Papas Rasierapparat zuerst an Allesegal aus. Das Surren auf dem Kopf gefiel der Katze, und ihre Gähnanfälle hörten schlagartig auf. Dann schnitt sich Hauptsacheanders selber die Haare - vor allen an den Seiten und hinten. In der Mitte ließ er etwas stehen, das aussah wie ein einsames Gebüsch.
Es wurde still, als er wieder ins Wohnzimmer trat.
"Warum tust du mir das an?", rief Mama und brach in Tränen aus. Für sie waren Haare heilig, und sie hätte Papa auf keinen Fall geheiratet, wenn er eine Glatze gehabt hätte.
Papa schaute grimmig und sagte: "So geht es nicht weiter!"
"Da hast du's!", bemerkte Hauptsacheanders' kleine Schwester schadenfroh.
"Zu meiner Zeit...", begann der Opa, aber dann vergaß er, was er hatte sagen wollen.
Nur die Oma sagte besänftigend in das Durcheinander hinein: "Nun lasst ihn doch!"
Und so ließen sie ihn. Aber Hauptsacheanders war auf den Geschmack gekommen, und der Familie stand eine ereignisreiche Woche bevor.
Am Montag schlachtete Hauptsacheanders sein Sparschwein und kaufte einen Kessel schwarze Farbe, um sein Zimmer neu zu streichen.
"Krankenhäuser sind weiß und Bunker sind schwarz; aber Zimmer sind normalerweise....", sinnierte Zumeinerzeit, aber dann konnte er sich doch nicht erinnern, wie Zimmer sein sollten.
"Du könntest du schwarzen Wände als Hintergrund nehmen und große Blumen draufmalen", schlug Warumtustdumirdasan vor. Ihre Stimme war leise und unglücklich, aber Hauptsacheanders beachtete sie nicht.
Einzig Allesegal gefiel das Zimmer. Sie räumte ihren Platz auf dem Sofa und zog bei Hauptsacheanders ein.
Am Dienstag fegte Hauptsacheanders freiwillig den Schulhof, und sein Lehrer schenkte ihm dafür seine Stabheuschreckenzucht. Hauptsacheanders strahlte, vor allem, weil Warumtustdumirdasan gegen eklige Haustiere war. Stabheuschrecken sind Tarnkünstler, und obwohl Dahastdus bereitwillig suchen half, fanden sie vor dem Zubettgehen keine einzige wieder.
Am Mittwoch lud Hauptsacheanders nicht nur alle seine Freunde, sondern auch alle seine Feinde ein. In seinem schwarzen Zimmer prügelten sie sich mit Genuss. Dann plünderten sie die Küche, um in großem Stil ihre Versöhnung zu feiern.
"Prügeln macht hungrig und durstig", meinte Nunlasstihndoch. Sie brachte Warumtustdumirdasan dazu, einkaufen zu gehen, statt ihre Vorräte zu retten.
Dahastdus brüllte so laut vor der Zimmertür, dass sie sogar die Stereoanlage übertönte.
"Deine kleine Schwester würde gerne mitfeiern", bemerkte Nunlasstihndoch vorwurfsvoll, und Hauptsacheanders öffnete ihr zähneknirschend die Tür.
Am Donnerstag las Hauptsacheanders ein Buch über Australien. Danach war er ein Antipode. Er ging auf den Händen und sprach von hinten nach vorne. Er fand sehr viele Dinge, die sich auch anders herum tun ließen.
"Ist nicht schon Kolumbus nach Australien ausgewandert?", fragte Zumeinerzeit unsicher.
Warumtustdumirdasan hatte keine Lust, darüber nachzudenken. Sie war mit Hauptsacheanders beschäftigt.
"Es wird immer schlimmer mit dir", jammerte sie. "Sogehtesnichtweiter weiß kaum mehr, wo ihm der Kopf steht. Deinetwegen kommt er jeden Abend später nach Hause. Dabei sollte er endlich mal..."
"Als Junge war Sogehtesnichtweiter kein bisschen besser", warf Nunlasstihndoch ein. Sie musste es ja wissen, aber natürlich ist es schlecht für die Erziehung, so etwas zuzugeben.
Am Freitag war Hauptsacheanders von der anstrengenden Woche so müde, dass er beschloss, einmal ausgiebig zu schlafen. Wie Allesegal rollte er sich zusammen und ließ sich durch nichts und niemanden stören.
"Tu doch was!", jammerte Warumtustdumirdasan, aber Sogehtesnichtweiter konnte sich nicht entschließen. Es sei nicht einfach, meinte er, zwischen Krankheit und Faulheit zu unterscheiden. Und so ließen sie Hauptsacheanders schlafen.
Am Samstag kroch Hauptsacheanders aus seiner schwarzen Höhle. Er hatte einen Bärenhunger. Er aß Cornflakes, Gewürzgurken, Kirschenmarmelade und Würstchen. Er aß, was er finden konnte. Selbst Nunlasstihndoch schüttelte bekümmert den Kopf. Sie machte sich Sorgen um die Gesundheit von Hauptsacheanders.
"Als Junge hatte ich auch immer Hunger", grinste Zumeinerzeit fröhlich, aber Sogehtesnichtweiter fand nun gar nichts mehr lustig.
"So geht es nicht weiter!" brüllte er.
Dahastdus nickte mit dem Kopf, dass die Zöpfe wippten und meinte: "Genau, man muss ihn umtauschen!"
Warumtustdumirdasan protestierte zwar, aber Sogehtesnichtweiter fand die Idee großartig. Er rief das Waisenhaus an, und die Waisenmutter versprach, einen Eratz für Hauptsacheanders bereitzustellen.
Der Ersatz saß auf der Treppe, als sie ankamen. Es war ein Zwillingspärchen. Sogehtesnichtweiter war entsetzt, aber die Waisenmutter beteuerte, im Moment habe sie nichts anderes. Und als sie Hauptsacheanders sah, streckte sie abwehrend die Hände aus: "Der hätte mir gerade noch gefehlt!"
Sie nahmen die Zwillinge dennoch mit. Nunlasstihndoch fand sie süß, und Zumeinerzeit meinte, schlimmer als Hauptsacheanders und Sogehtesnichtweiter könnten sie auf keinen Fall sein.
Die Zwillinge hießen Machdochmit und Verkehrtherum. Am Anfang waren sie etwas schüchtern, aber schon auf der Rückfahrt im Auto tauten sie auf.
"Da hast du's!", meinte Dahastdus altklug, aber Nunlasstihndoch sagte sanft: "Nun lasst sie doch!"
Und während Zumeinerzeit am Steuer saß und sich halsbrecherisch durch den Verkehr schlängelte, saßen Warumtustdumirdasan und Sogehtesnichtweiter strahlend auf dem Rücksitz und drückten Hauptsacheanders ganz fest an sich. Nie im Leben hätten sie ihn hergegeben, vor allem jetzt nicht, da seine Haare begonnen hatten, nachzuwachsen.




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Eingereicht am 26. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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