Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
ISBN 3-9809336-0-1

www.online-roman.de

haarige Kurzgeschichten Haar Haare Frisur Friseur

Der Spaziergang.

Von Stefan Dangl


Der Himmel war hell und wolkenlos als ich einen Spaziergang auf eine Anhöhe, einem nahe gelegenen Aussichtspunkt machte. Ich ging erst auf der Landstraße, dann auf einer kleineren, noch geteerten Straße und später auf einem geschotterten Weg. Um das letzte Stück abzukürzen ging ich quer durch ein Waldstück. Von oben kam mir eine junge Frau entgegen und da ich, um ihr keine Angst einzuflößen, nicht direkt auf sie zugehen wollte machte ich einen Bogen nach rechts. Nun machte sie aber einen Bogen nach links und so trafen wir uns doch.
"Ich wollte mich gerade umbringen, mit einer Kordel", sagte sie.
"Mit einer Kordel", sagte ich, "warum willst du dich umbringen - ist dir ein Unglück widerfahren?"
"Nein, nein, kein Unglück, ich bin glücklich"
"Warum möchtest du dich umbringen wenn du glücklich bist"?
"Ich weiß es nicht, ich habe schon oft versucht mich umzubringen, immer in diesem Waldstück, immer mit einer Kordel", sagte sie.
Wir gingen aufeinander zu und drückten uns unwillkürlich, dann ging sie nach unten, ich nach oben, sie zu ihrem Fahrrad, mit dem sie berg ab nach Hause fuhr, ich zum Aussichtspunkt. Sie hatte gefärbte Haare, dachte ich. Die meisten Frauen haben gefärbte Haare, Männer haben nie gefärbte Haare, dachte ich. Es gibt auch Männer mit gefärbten Haaren, doch Frauen mit gefärbten Haaren, das ist normal, Männer mit gefärbten Haaren, das ist die Ausnahme. Früher gab es keine Farbstoffe und keine Bleichstoffe. Zumindest nicht in dieser Region. Solche Substanzen gab es vielleicht in Ägypten, vielleicht in Griechenland oder Rom, nicht aber hier, hier nicht. Ich stelle mir oft vor, wie die Frauen früher mit ungefärbten Haaren ausgesehen haben, man muss nur auf den Haaransatz schauen und dann sieht man, welche Farbe die Haare hätten wenn sie nicht gefärbt wären. Die meisten Frauen hier in Süddeutschland hätten schwarze Haare, aber nicht dunkle schwarze Haare sondern blasse, farblose schwarze Haare ohne Farbnuancen. Farbig sind die Haare heute, farblos waren sie früher. Schwarz, braun, rot, blond, grün, blau, orange sind sie heute, allenfalls leicht ins rötliche, leicht ins blonde, leicht ins braune oder schwarze gehend waren sie früher. Blitzrot, blitzblond, blitzschwarz, blitzbraun, blitzgrün, blitzorange, blitzblau sind die Haare heute, früher hatten alle fast die gleiche Haarfarbe. Mit diesem Gedanken setzte ich mich oben auf eine Bank und beobachtete die Menschen, die an mir vorübergingen. Die meisten sind wohl mit dem Auto hier, dachte ich, sind auf der Landstraße zum nahe gelegenen Parkplatz gefahren, um von dort einen Spaziergang mit ihren überall rumschnüffelnden Hunden zu machen.
Der blaue Himmel ist grau, die Sonnenstrahlen sind grau, der Schnee ist schmutziggrau, die Autos auf dem Parkplatz graue Punkte in verschiedenen Tonabstufungen und trostlos ist alles an diesem Tag. Ich stehe auf um nicht sentimental zu werden, laufe durch den Wald zurück zur Landstraße, die Landstraße entlang ins Dorf und dort zum Bahnhof. Ich steige in den nächsten Zug ein. Ich sitze im Abteil und schaue aus dem Fenster. Mir gegenüber sitzt ein Mädchen mit dunkler aber nicht ganz dunkler Hautfarbe. Sie hat eine olivgrüne, mit Kugelschreiber voll gekritzelte Stofftasche auf dem Schoß und raucht eine Zigarette. Draußen geht die Sonne unter und ich beobachte das Farbenspiel der untergehenden Sonne auf ihrer Haut. Es ist ein schaurig schönes Farbenspiel…




Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» "Haarige" Kurzgeschichten «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 25. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.