Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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ohne Titel

Eine Kurzgeschichte von Rainer Pick


Wild mit den Füßen strampelnd wurde ich von den beiden Gesellen falsch herum in den Stuhl gesetzt. Ich wollte nicht! Aber Mutter ging mit mir zum Friseur. Meine flachsblonden Haare fielen mir beim Roller fahren überhaupt nicht in die Augen. Vor allem bergab flatterten sie hinter meinen Ohren und ich hatte klaren Blick nach vorn. Na ja, morgens beim Frühstück waren sie schon im Wege. Der schnelle Rundblick brauchte meinen Schüttelkopf oder beide Hände, die die Haarsträhnen schnell hinter den Ohren verschwinden ließen. Mich hat es nicht gestört! Aber Mutti wollte, dass ich ordentlich aussehe. Was sollten denn die Nachbarn sagen? So sagte ihr Blick, als sie mich an die Hand nahm und mit mir über die Straße ging. Laut brüllend und vor Wut weinend habe ich mich gewehrt. Angeschrien habe ich die Damen unter den vier Trockenhauben, die ihre Zeitschriften herunter nahmen um besser zuschauen zu können. Beinahe mit den Zähnen den Finger vom Meister erreicht, als er mich auf den Stuhl vor dem Spiegel setzen wollte. Immer noch voller Wut habe ich in den Spiegel gesehen. Da war ich nun. Rote, verheulte Augen, dunkle Tränenspuren über die Wangen und hinter mir nähert sich der Meister. Diesmal mit vorsichtigem Abstand. "Hast du eigentlich schon unsere alte Uhr gesehen?", fragt er mich und sagt weiter "Wenn du jetzt still hältst, dann erzähle ich dir was in der Uhr alles so passiert. Möchtest du?" Mit meinem grausamen Schicksal hadernd nicke ich ihm im Spiegel zu. Und während er mit Kamm und Schere beginnt, meine Haare vom Kopf zu holen erzählen seine Lippen unter dem schwarzgrauen Schnauzer diese Geschichte aus der Uhrzeit.
In der alten Uhr entspannte sich die große Messingfeder. Zuvor aufgezogen, hatte sie jenen Zustand erreicht, bei dem ein Mensch die Lippen fest zusammen presst, zuvor jedoch noch einmal schnell und tief, weil lebensrettend und leistungsmobilisierend, Luft geholt hat und nun mit hochrotem Kopf darauf wartet, eine große körperliche Leistung zu erfüllen. Vielleicht einen liegen gebliebenen PKW wieder anzuschieben, eine Braut über irgendeine Türschwelle zu tragen oder ein großes Gewicht aufzuheben, eine kleine Weile zu halten und nach dem Zeichen des Kampfrichters wieder zu Boden fallen zu lassen.
Die große Messingfeder hatte eine andere Aufgabe, wie jeder weiß. Sie trieb, alleine durch Entspannen, die vielen Rädchen und Räder an, die ein kleines Getriebe bilden, um den großen und den kleinen Zeiger dahin zu bewegen, die Zeit in Scheiben zu schneiden. Manchmal begleitet von einem Tickgeräusch, ein kleiner Klöppel oder sogar ein langes Pendel wird in seinem natürlichen, schneller werdenden Hin und Her, gehemmt, das macht "Klick-Klick". Und gerade dieses Geräusch war es, das dazu führte, dass sich alle Zahnräder begannen zu streiten. Worum ging es?
Alle hier waren sich einig, dass das Geräusch sehr wichtig sein musste, denn wenn es verstummte, kümmerte sich bald einer von den großen Gestalten da draußen um die Uhr. Sie hob die Uhr auf, nahm sie also in die Hände, schüttelte ein bisschen, machte dann ein schnarrendes Geräusch und schon kurze Zeit später klickte es wieder. Aber nun beschäftigten sich alle mit der alten Frage: Wer ist wichtig, ja wer ist wichtiger als alle anderen? Da stritten sie sich wie die Kesselflicker. Die großen Zahnräder quietschten fast im Chor den kleinen entgegen, dass nur sie dieses Geräusch bewirken würden. Die Kleinen hingegen behaupteten steif und fest: "Nein, nur weil wir euch erlauben, von uns die Drehkraft abzunehmen, nur deswegen könnt ihr euch drehen!" Auch die Lager mischten sich nun ein. "Was meint ihr wohl, wenn wir trocken laufen und euch einfach anhalten? Nix ist dann mehr mit drehen." Die Hemmung versuchte beruhigend einzuwirken. "Hört doch mal, so geht das doch nicht, ihr dürft euch nicht streiten, es läuft nur, wenn wir alle miteinander und zusammen arbeiten." Da knarrte sogar die alte Feder los: "He ihr doofen Blechteile, was meint ihr wohl, wenn ich nicht immer so schön gespannt wäre, wo ihr dann bleibt? Stille stehen würdet ihr, nichts mehr würde klickern, also bin ich die wichtigste Sache hier in unserer Welt!" Da konnten die Zeiger, der kleine und der große nicht mehr an sich halten: "Nun hört es aber wirklich auf! Was wäret ihr denn wert, wenn wir hier draußen nicht genau anzeigen würden, dass es weiter geht mit der Zeit?" Ach, es war schon ein großes Durcheinander und Gezetere in der alten Uhr. Unlustig pendelte das Pendel hin und her und überlegte dabei für sich, was es wohl machen könnte, um wieder Frieden zu bekommen. Und plötzlich, so von eben auf jetzt, schwang das Pendel aus und hielt in der Mitte an, die großen Zahnräder ächzten bei dem Versuch alles wieder in Gang zu bringen, aber es half nichts. Die Uhr stand still. Nur die kleinen Zahnräder hatten es noch geschafft den großen zuzurufen: "So, das habt ihr jetzt davon!", dann standen sie auch still. Mit dem Stillstehen der Uhr erstarb auch das Zetern und Streiten im Gehäuse, die beiden Zeiger, der große und der kleine, wussten nicht so richtig was sie davon halten sollten und schielten sich seitlich an. Es war eigentlich wohltuend ruhig. Wohltuend ruhig? Der Mensch, der die Uhr betrachtet und auch das Geräusch hören und verstehen kann, erkennt dann, dass Zeit vergeht. Nur wird sie jetzt nicht mehr gemessen und angezeigt. Kurzerhand nimmt er die Uhr von der Wand. Ach so, die Feder ist abgelaufen. Schnell ist sie mit dem Schlüssel wieder aufgezogen. Und still vergnügt pendelt das Pendel wieder von links nach rechts und zurück und wieder von vorne. Die Zeigen umkreisen sich wieder und in der Uhr herrscht ein schnurriges, emsiges Surren. Alle. Ja auch die dicke Feder haben es eingesehen, das Wichtigste? Das Wichtigste ist, dass sie geht.
"So und nun kannst du auch wieder gehen.", lächelnd hebt mich der Meister aus dem Stuhl heraus. Der Blick in den Spiegel zeigt meinen noch immer sehr roten Kopf und die hellen Stellen darauf, die von der Sonne noch nicht erreicht, noch ein paar Tage von der erlittenen Schmach künden werden. "Wirst du beim nächsten Mal auch wieder solch ein Gezetere beginnen?", fragt Mutter mich. Nein, ganz sicher nicht. Vielleicht erzählt der Meister mir beim nächsten Mal von dem was in dem lauten, heißen Luftwerferding so alles passiert?




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Eingereicht am 09. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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