Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Kurz und schmerzlos

Eine Kurzgeschichte von Natacha Labrousse


Das Radio lief, während Tabatha nach dem Volumenschaum suchte. Eigentlich lief das Radio den ganzen Tag, aber nur selten nahm sie wahr, dass es so laut und aufdringlich war. Wenn sie bemerkte, wie dickköpfig dieses Gerät den ganzen Tag eigentlich plärrte, fragte sie sich, ob sie sich den richtigen Beruf ausgesucht hatte. Sie sah zu ihrer Kundin rüber, die die ganze Zeit schon verstohlen im Spiegel betrachtete, wie sich ihre Lippen um ihre Zigarette schlossen oder wie sie aussah, wenn sie in dem Magazin auf ihren Knien las.
Tabatha fand dieses Verhalten beschränkt. Aber sie verstand, warum sich die Menschen gerne selbst angafften: Sie wollten wissen, ob sie im alltäglichen Leben selbstbewusst rüberkamen. Das war so Vielen wichtig. Unsicherheit war ihnen ein Gräuel. Deshalb kamen sie auch zu ihr. Sie wollten gut aussehen, Souveränität ausstrahlen. Aber oft war da mit einem einfachen Haarschnitt nichts mehr zu machen. Sie bedauerte das zwar, aber es machte sie nicht wirklich betroffen, sondern eher stolz. Das Unvermögen, schwachen Leuten Stärke durch ihre Frisur zu verleihen, zeigte Tabatha, dass sie nur Diamanten schleifen, aber keinen Graphit pressen konnte. Sie war keine Stümperin. Sie war eine Virtuosin. Das verriet auch der Name ihres Salons
"Virtuosin losgelassen!".
Dabei musste sie sich unweigerlich an eine Kundin erinnern, die damals ganz aufgeregt am Telefon geklungen hatte: "Sie können mich auch wirklich noch am Dienstag in Ihren Terminplan einschieben?" Ja, das könne sie. "Prima, ich habe nämlich ein Vorstellungsgespräch, da will ich gut aussehen, wissen Sie?" Ja, sie wisse. Jeder wolle gut aussehen. Die Kundin räusperte sich. "Ich kann nur hoffen, dass Sie auch so virulent sind, wie ihr Name das verspricht!"
Sie hatte sich das Lachen verkneifen müssen. Virulent! Das war wirklich das Dümmste, was sie je gehört hatte! Abgesehen von den oberflächlichen Gesprächen über Söhne, Enkel, Ehemänner und Kleidung, war das mit Abstand die beschränkteste zur Schau Stellung von Halbwissen gewesen, das sie je unkommentiert gelassen hatte.
Neben Eitelkeit und Hochmut musste sie auch täglich mit Arroganz umgehen. ‚Ein hartes Los, ist man selbst doch bodenständig und klug.' Ein Gedanke, der sie tröstete, sie von ihren Kunden unterscheidbar machte.
Endlich hatte sie den Schaum gefunden. Sie schüttelte die Flasche, während sie vom Ekel und der Abneigung gegen ihre Kundin gepackt war. Als Tabatha hinter ihr stand, fing das eingebildete Bacchant gleich an, zu erzählen, wie sehr sie doch die Vorratspackungen von O. B. vermisse und wie hochstaplerisch sie die Regierung finde. Eine Bande von Verbrechern sei das, jawohl. Und sie finde, sie sei die einzige, die das merken würde, schließlich zahlten doch alle brav ihre Steuern an den vampiristischen Staat. "Sie geben doch auch Ihre Steuern an den Fiskus ab, ohne zu Murren, aber ich finde, dass genau das die falsche Einstellung ist. Man sollte protestieren, so wie wir das damals in den Sechzigern und Siebzigern gemacht haben. Heutzutage ist die junge Bevölkerung doch zu keinem Widerstand mehr bereit! Sehen Sie sich doch die Jungendlichen an! Eine Horde fauler, prinzipienloser Waschlappen, die nur das verstehen, was für sie bequem ist. Ich sag Ihnen, was ich Tag täglich erlebe, will ich Ihnen gar nicht erzählen!"
Erleichtert drehte Tabatha ihre Augen zur Decke, denn sie wollte es auch gar nicht wissen. Dann musste sie wieder ihr interessiertes Gesicht auflegen, denn die Kundin war anscheinend der Ansicht, dass Tabatha noch nicht richtig verstanden hatte:
"Die laufen rum und wollen sich schlagen, haben keine Ausbildung und kiffen sich die Birne zu. Vor allem die Türken, Russen und Afrikaner sind da ganz schlimm. Früher gab es so was noch nicht, sag ich Ihnen. Damit will ich nicht sagen, dass ich was gegen Ausländer habe, das nicht - eine Bekannte von mir kommt aus Äthiopien - aber irgendwie treffen die Vorurteile am Ende doch zu..."
Tabatha hatte kurz abgeschaltet. Sie dachte an ihren Sohn, der fünfzehn war. Weder war er prinzipienlos noch ein Waschlappen. Das machte wahrscheinlich seine haitianische Herkunft aus, die er ihr zu verdanken hatte. Sie lächelte kurz in den Spiegel, um der Kundin zu signalisieren, dass sie ihre Meinung voll und ganz teile, obwohl sie sich zu tiefst getroffen fühlte. Aber sie hatte ein Geschäft zu führen und war außerdem für ihre Freundlichkeit bekannt.
Die Unverschämte lächelte zurück. Sie wollte damit sagen, dass sie - um Gottes Willen - niemals etwas gegen Tabatha hatte sagen wollen. Tabatha lächelte erneut und machte eine wegwerfende Handbewegung, um durch diese Geste den Augenkontakt mit der dreisten Person so schnell wie möglich zu unterbrechen und weiterarbeiten zu können. Sollte sie doch um Kopf und Kragen schwätzen.
"Wissen Sie", die Kundin wollte einlenken, "Multikultur tut Deutschland gut. Man sieht es doch an Ihnen, Sie arbeiten, verdienen Geld und haben so ein nettes Wesen. In Ihrer Heimat haben Sie bestimmt von Kind auf gelernt, wie man mit anständigen Menschen umzugehen hat. Das sehe ich. Ich habe da ein geschultes Auge." Sie tippte mit ihrem Zeigefinger gegen ihren Augenwinkel.
"Eigentlich bin ich in Deutschland geboren." Tabatha hatte keine Lust, mit dieser Person über solche Themen zu sprechen.
"Ach wirklich? Na, dann haben Sie ja noch mal Glück gehabt. Mit der Arbeitserlaubnis und so. Das soll alles nicht so einfach sein, habe ich mir von Emalie, meiner äthiopischen Freundin, sagen lassen."
"Weiß nicht, ich brauche so was ja nicht."
"Natürlich nicht!"
Dieses Gespräch schien nicht enden zu wollen. Es war furchtbar, diesem dummen Gerede zuhören zu müssen. Tabatha klopfte das Herz bis zum Hals. Was wollte diese Frau von ihr? Konnte sie nicht einfach still sein und sich ihre Haare schneiden lassen? Sie beeilte sich mit dem Styling, um endlich Ruhe vor dieser Frau zu haben. Hätte sie schon zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass ihr die Frisur, die Tabatha ihr zurechtgeschnitten hatte, nicht gefallen würde, hätte sie das Weib schon jetzt aus ihrem Salon geworfen.
"Nein, nein, nein! Damit sehe ich ja alt aus! Da hat es mir ja vorher schon besser gefallen!" Die Kundin saß brüskiert auf dem Stuhl und stierte Tabatha böse durch den Spiegel an.
Tabatha hob ihre rechte Augenbraue. Sie erwiderte den Blick der Frau ohne zu blinzeln. Dabei sagte sie so ruhig wie möglich: "Ich habe genau das gemacht, was Sie von mir wollten. Ich kann nicht zaubern." Sie dachte an ihre Virtuosität, was sie noch selbstbewusster machte.
"Kann ja sein, Schätzchen, aber mir gefällt es eben nicht", sagte sie und betonte das ‚gefällt' ausgesprochen übertrieben hochnäsig. Dabei schürzte sie ihre Lippen und machte ein Doppelkinn. Sie sah Tabatha herablassend an.
Tabatha kochte innerlich. Sie überlegte kurz, bevor sie sagte: "Es tut mir leid. Wahrscheinlich habe ich Ihnen nicht richtig zugehört, als Sie mir Ihre Vorstellungen erklärt haben. Soll ich den Patzer berichtigen?"
"Nicht nötig! Ich habe ja gleich gewusst, dass Leute wie ihr nicht den deutschen Standard erfüllen könnt." Sie legte ein falsches Lächeln auf, das sagte: ‚Was willst du
jetzt
tun, du dreckiges Insekt?'
Tabatha, noch immer um ihre Fassung bemüht, sagte: "Hören Sie, es tut mir leid. Ich mache Ihnen einen neuen Schnitt und verzichte auf die Bezahlung."
"Das ist ein Wort, warum nicht gleich so!" Die Kundin ließ sich entspannt in den Stuhl zurückfallen. "Hinten etwas kürzer und die Vorderpartie etwas fransiger, ja!"
"Klar", sagte sie.
Tabatha nahm die Schere in die Hand. Sie war so angespannt, dass ihre Finger das Werkzeug umkrampften. Dann hatte sie eine Idee - kurz und schmerzlos!




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Eingereicht am 03. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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