Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Die Kunst des Haarewaschens

Eine Kurzgeschichte von Katrin Ackermann


Die Hauptaufgabe meines ersten Lehrjahres als Friseurin bestand in erster Linie darin, Haare zu waschen. Das hört sich leichter an, als es tatsächlich ist. Es darf weder zu kalt, noch zu warm sein; das Wasser darf auf keinen Fall in die Augen oder Ohren laufen und der Kunde muss mit dem Nacken fest im Becken liegen, sonst ist er sofort bis auf den Rücken nass. Das ist mir mehr als einmal passiert, peinliche Angelegenheit, Trinkgeld verscherzt.
Die ersten Wochen hatte ich wirklich nichts zu lachen. Diverse blöde Witze musste ich über mich ergehen lassen. Meine netten Kolleginnen drapierten z.B. eine Riesenplastikspinne im Wäschekorb mit den Handtüchern (im besten Wissen über meine Phobie!!!), so dass ich voller Panik den ganzen Laden zusammenschrie.
Und selbstverständlich durfte ich erstmal nur den "Ekel"-Kunden die Haare waschen, die Null Trinkgeld gaben, von Schmerzzulagen ganz zu schweigen.
Da war die alte Frau Neumann, die alle vier Wochen zum Waschen und Legen kam, aber eben nur alle vier Wochen!!! Bevor ich da mal die Kopfhaut sehen konnte, ging ganz schön Zeit ins Land.
Oder Frau Schuster mit diversen Grützbeuteln auf dem Kopf. Beim ersten Mal dachte ich, sie hätte Dauerwell-Wickler vergessen raus zu drehen, doch soviel ich auch suchte.
Und nicht zu vergessen, Frau Michalski, der es, wie sehr ich mich auch bemühte, immer zu unbequem war und bei meiner Standardfrage: "Ist das Wasser so angenehm?", immer antwortete: "Nein, es ist kalt, eisekalt."
Sie mochte es heiß. Ich bin weiß Gott nicht temperaturempfindlich, doch bei ihr hatte ich das Gefühl, die Haut meiner Hände löst sich ab.
Die spendablen, netten, interessanten Frauen, die auch mal ein ordentliches Trinkgeld ins Schweinchen steckten (und das war wichtig bei einem Hungerlohn von 265 DM), die blieben natürlich meinen Kolleginnen vorbehalten. Abends, wenn es ans Trinkgeldzählen ging, schaute ich neidvoll zu Gaby, die eine Münze nach der anderen ans Tageslicht beförderte oder zu Peggy, die schnaufte: "Verdammt, ich krieg den Schein nicht raus!"
Ich konnte mich schon glücklich schätzen, wenn neben den Groschen mal was silbern blinkte!
Ungerechte Welt. Ich werde mich rächen, schwor ich mir.
Diese Rachegedanken retteten mich durch die nächsten Tage, machten mich glücklich und leider auch ein wenig unachtsam.
Eine ältere Kundin, die ich noch nicht kannte, betrat den Salon. Ich half ihr aus dem Mantel, bot ihr einen Platz an und fragte sie, was sie möchte.
"Soll ich hier etwa sitzen?", fragte sie etwas beleidigt.
Ich wusste nicht, was an diesem Platz auszusetzen war.
"Ich sitze immer dahinten."
Da hinten, damit meinte sie eine Art Nebenraum, wo nur selten jemand saß, weil es dort keine Waschbecken gab. Freitagnachmittags schon mal, wenn es rappelvoll war, saßen dort Kunden in der Warteschleife, aber sonst.
"Nun bleiben Sie mal hier sitzen, ich hole nur schnell ein Handtuch, dann geht's los", beschwichtigte ich sie.
Die Haare sollten aufgedreht werden, sagte sie mir. Ich schob sie auf ihrem Stuhl zum Becken. Sie guckte so komisch.
"Ist es Ihnen nicht gut?", fragte ich sie, nun ehrlich besorgt.
"Nein, ich wunder mich nur."
Mein Gott, ich hatte heute keine Lust, mich auf Altersverwirrtheit einzulassen.
"So, Kopf nach hinten."
Ich machte den Wasserstrahl an und als ich anfing, ihr die Haare zu waschen, löste sich auf einmal alles und ich hatte eine Perücke in der Hand. Um Gottes Willen, der Schreck fuhr mir in die Glieder. Sie hatte eine Glatze mit einigen wenigen Haaren darauf, grauenhaft und ich hatte nun diese Perücke im Becken liegen, die mittlerweile mit dem Schaum aussah wie ein Wischmopp. Ich verlor die Gesichtsfarbe, mir brach der Schweiß aus. Meine Chefin kam angetrabt, eine stattliche Frau mit einem lauten Organ. Sie brüllte sofort los, so dass auch wirklich jeder im Salon von diesem Schauspiel etwas hatte. Ich wusste irgendwie nicht mehr, was ich machen sollte, zauberte aus dem Handtuch einen sehr schicken Turban und schob meine Kundin - nun wusste ich ja, warum - in den Nebenraum.
Soviel ich mich auch zu entschuldigen versuchte, ich fand kein Gehör. Die Perücke war hin, ein Ersatz musste her, alles aufwendig und furchtbar peinlich.
Der restliche Tag war entsetzlich, keiner sprach mehr mit mir. Auf dem Nachhauseweg heulte ich und am nächsten Morgen holte ich mir erst mal einen Krankenschein, Magen-Darm!!!
Eine Woche ausruhen, das stand mir zu und meine blöden Kolleginnen konnten sich glücklich schätzen, dass meine Rache nicht härter ausfiel!




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Eingereicht am 24. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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