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Die Generation der Unverstandenen

Von Kathrin Zwetko


Leser, welche eine 14-jährige Tochter haben, werden vermutlich diese Geschichte überblättern, weil sofort ihr Selbsterhaltungstrieb einsetzt, oder weil sie sich einfach ihre derzeit gute Laune nicht verderben lassen wollen.
Es ist schon eigenartig: wenn diese besagten 14-Jährigen nicht in unmittelbarer Nähe sind, wird man zum Diplompsychologen, hat Verständnis für alle Probleme und die damit verbundenen Reaktionen und hat ein fertiges Konzept zur Lösung des nächsten Konfliktes schon im Kopf. Sobald die Betreffenden einem dann mit Elefantenschritten und Mundwinkeln, mit denen sie glatt die nächste Fußbodenreinigung übernehmen könnten, über den Weg laufen, ist das schöne Konzept vollkommen verschwunden, einfach weg.
Man muss sich jetzt voll darauf konzentrieren, diesem kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkan nicht noch mehr einzuheizen. Am besten, man rollt schnell den roten Teppich aus und öffnet alle Türen, welche vermutlich jetzt auf dem Weg des grollenden Donners aufgerissen werden. Ein paar tötende Blicke und einige Laute aus der Urzeit sind der Beweis, dass es diesmal nochmal gutgegangen ist.
Ganz anders zeigen sich die Hormone einige Zeit später, etwa beim gemeinsamen Abendessen. Wenn ich weitere zwei Kinder hätte, würde es, glaube ich, niemand bemerken, wenn ich mir tagsüber die Zunge abgeschnitten hätte. Meine vergeblichen Versuche, eine mitreißende Story aus meinem aufregenden Hausfrauen-Dasein zum Besten zu geben, wird abrupt abgeschnitten und mehrfach übertönt. Tiefgehende Ergüsse über gemeingefährliche Lehrer und minderwertige Klassenkameraden lässt man einfach über sich ergehen, Verständnis muss schon sein.
Aggressiver werden die Guten schon wieder, wenn's ans Eingemachte geht, wenn man nämlich die Ordnung (nennt man diesen Zustand so?) im kleinen Reich anspricht.
Die Wellensittiche, welche begurrt und geherzt und mit Liebesworten überschüttet werden, könnten gut infolge harten Trainings in einer Wüste überleben.
Nachrichten an den Teenager sowie kleine Notizen lassen sich gut in den Staub der Regale und Schränke schreiben.
Wenn man aber mal den Eindruck hat, man müsste doch mal neues Geschirr kaufen, sollte man doch erst mal an so einschlägigen Plätzen wie neben dem Teenie-Bett, unter bzw. im Nachttisch oder auch schon mal im Schreibtischkasten nachsehen. Da kann man schon manchen Euro sparen.
Dann diese Fingerchen! Diese Fingerchen, welche einen animieren, schnell einen Termin beim Orthopäden auszumachen, wenn man sie beim Halten des Staubsaugers oder ähnlichen uncoolen Dingen betrachtet, diese Fingerchen werden zum Meisterwerk der Akrobatik und Beweglichkeit, wenn sie die Tastatur eines Handys bearbeiten.
Und wen stört es schon ernsthaft, dass man sich schminken muss, ehe man den Abfalleimer raustragen kann. "So" kann mit im greisen Alter von 14 natürlich nicht mehr vor die Tür gehen.
Kritik und Verteidigung kann der kleine überforderte Mensch eigentlich kaum wörtlich formulieren. Zustande kommt dann die ständige Aufforderung anderer Menschen, etwas zu tun, was anatomisch unmöglich ist und mit einem mit Augenfunkeln begleiteten herausgepressten "Fuck" zum Ausdruck gebracht wird.
Klappt etwa die Verständigung mit dem eigenen ICH noch nicht so richtig?
Gerade eben hat mir meine 4-Jährige ein selbstkomponiertes Marathon-Stück auf dem Kinder-Keyboard vorgespielt.
Ich werde zusammen mit den Wellensittichen über ein One-Way-Ticket in die Wüste nachdenken.



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Eingereicht am 16. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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