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Was ist denn passiert?

Eine Glosse zum Muttertag von Rosemarie C. Barth


Astrid saß auf dem hellbraunen Plüschsofa und tüftelte an einem Reisegewinnspiel. Ein grelles Telefonläuten schreckte sie aus ihrer Knobelei auf. Doch als ihr Mann Egon den Hörer abnahm, kümmerte sie sich nicht weiter darum, bis sie ihn plötzlich rufen hörte: "Astrid, für dich - Telefon, dein Sohn Harry!"
Erschrocken über das Wort Sohn sprang Astrid - in Sekundenschnelle mit weichen Knien und rasendem Puls - vom Sofa hoch, stolperte über ihre Hausschuhe, stützte ihre zitternden Hände an der Sessellehne ab und gelangte schließlich kreidebleich mit perlend nasser Stirn an den Apparat: "Harry, was... um Himmelswillen, was ist denn passiert?"
"Passiert? Wieso passiert?" fragte Harry verdutzt.
"So red' doch Junge, ich bin auf alles gefasst! Was ist los, bitte..." flehte Astrid beschwörend.
"Was soll denn los sein?"
"Harry, sag' - du rufst doch sonst nie an. Bist du etwa krank?"
"Nein, Mutter, warum soll ich krank sein? Übrigens, dein Sohn Gero steht auch neben mir."
"Gero? Wieso denn Gero? Was ist mit ihm?" Astrid verspürte eine zunehmende Schwäche.
"Mutter, was soll schon mit Gero sein. Er will dich nur mal anrufen."
"Anrufen? Niemals! Gero ruft nicht nur so an. Braucht er was? Oder hat er etwa - was ist ... Oh, mein Gott!"
Astrid hatte sich heiß geredet. Ein Riesenkloß schnürte ihr die Kehle ab. Sie schnappte nach Luft wie ein Karpfen, der zu ersticken drohte. Seit ihre Söhne aus dem Familiennest geflattert sind, überkam sie immer dieses seltsame ungute "Ist-was-passiert-Gefühl".
"Egon..." krächzte sie mit letzter Kraft. Egon griff nach dem Hörer und rief ein wenig verwundert: "Ja, Jungs, was ist denn passiert mit euch? Was meint eure Mutter? Sie ist ja völlig aufgelöst."
"Was soll passiert sein?" fragten Harry und Gero gleichzeitig in die Telefonmuschel. "Heut ist Muttertag und da wollten wir unserer Mutter mal DANKE sagen und uns entschuldigen, weil wir sonst kaum anrufen. Aber sie ist wohl heute nicht gut drauf, was?"
"Astrid, du - heut' ist Muttertag - hörst du, das wollten dir deine lieben Söhne nur sagen."
"Ach..." japste Astrid schmerzlich, "und es ist wirklich nichts passiert?"
"Nein, so glaub's doch endlich!"
Astrids schmales Gesicht nahm langsam wieder rosige Farbe an. "Dem hohen Himmel sei Dank", murmelte sie leise und ergriff laut aufatmend nach dem Telefonhörer: "Hallo, Harry, Gero - Jungs, he seid ihr noch dran?"
Tüüüt, tüüüt, tüüüt, tüüüt...



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Eingereicht am 03. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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