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Menschliches Recycling

Von Philipp Nehrenheim


Wer kennt sie nicht, die schöne Zweisamkeit? Wer sie im Moment nicht spürt, dem fehlt das Gefühl der Geborgenheit, der Liebe, verschollen im Weltraum.
Wer es kennt, dem sind auch die Augenblicke des Schreckens sehr bekannt, wie oft kommt es vor, dass auf der einen Seite A gesagt wird und mit Glück nebenan ein B verstanden wird. Dabei ist es doch sehr einfach, oder sollten alle Männlein und Weiblein einen Wiederholungskurs der ersten Klasse besuchen um die Bedeutung von Buchstaben und Wörtern neu zu deuten und zu lernen? Wie sonst soll man es lernen, wie kann man es versuchen zu verstehen, dass die Frau auf der anderen Seite plötzlich ein C versteht, dementsprechend hysterisch und aggressiv reagiert, sich wie ein Chamäleon zu vergrößern versucht und das andere Ende mit einem Furcht erregenden Blick zu durchlöchern droht.
Wie viele Bücher sind schon darüber geschrieben worden, in denen sehr treffend das Missverstehen der anderen Seite erklärt wird. Nach einem intensiven Nach(t)studium, nach einem langen Arbeitstag, wird von ihm das gemeinsame Nachtessen zubereitet und der Familie serviert, der allerliebsten Freundin und Sklaventreiberin der Espresso mit einem erstklassigen Grappa, gerade rechtzeitig zum Start der TV-Soap, serviert, die Küche in Ordnung gebracht wurde, nachdem er dreien der fünf Kinder den Po vom Mittagessen befreien musste, allen Kids die Zähne gebürstet hat sowie den Kindern aus reiner Freude die Nägel feilen durfte. Schlussendlich eine halbstündige Geschichte erzählt und das liebe Drachenmonster gerade einen Englischkurs besucht, und dabei auf die für sie normale innere Stimme hört, die sagt, dass die Kids von nun an zweisprachig zu erziehen sind, darf das Ganze noch in Englisch wiederholt werden.
Das alles ist mit einer riesen Freude verbunden. Nach getaner Arbeit ist es an der Zeit sich mit dem Ehepartner zu beschäftigen, nur wenn gerade der erste Teil fertig ist oder die Werbung eine Session hat. Es darf dann gefragt werden, ob es vielleicht noch ein Prosecco sein darf. "Kekse mein Schatz, oder gar was Salziges, ein wenig Sex?"
"Eine Flasche Prosecco vier Gläser, Salzgurken und das Telefon!" Klar doch, wenige Minuten später sind die drei besten Freundinnen der Sklaventreiberin angekommen und wünschen auch noch was Kleines zu speisen. Heißt soviel wie Bügeleisen ausschalten, die nasse Wäsche in Trockner schmeißen, den Geschirrspüler vom gereinigten Geschirr befreien, die Schürze überziehen, hinter dem Herd stehen und mit dem Kochen beginnen, für die lieben Freundinnen.
Natürlich darf nicht vergessen werden auf die schlanke Blonde Rücksicht zu nehmen. Sie ist gerade schwanger. Die Brünette hat ein paar Kilos zu viel um den Bauch und wünscht das Futter kalorienarm. Dies obwohl sie nach dem Essen üblicherweise einen Joint raucht, eine Fressattacke erleidet, und das frisch zubereitetes Tiramisu zu sich nimmt -schon wieder ein klein wenig fetter wird.
Eins zu null für ihn.
Es ist spät. Das Ganze für heute leider schon vorbei. Die armen Mädels müssen am nächsten Morgen früh dem Wichtigsten überhaupt nachgehen, dem Kindererziehen. Natürlich brauchen sie im angetrunkenen und bekifften Zustand zwei drei Stunden mehr Schlaf.
So geht auch die allerliebste Ehefrau schon zu Bett. Nur, wie üblich möchte Sie noch Sex im Wohnzimmer. Nach 3 Minuten ist auch dieser wunderbare Moment bereits zu Ende, so dass die Allerliebste leider schon zu Bett geht.
Voller Freude und Elan werden am Boden die toten Kippen eingesammelt, die leeren Prosecco-Flaschen in der Glassammelstelle im Keller entsorgt, das Bügeleisen wieder eingeschaltet.
Die Sklaventreiberin und ihre Tage, wie es aussieht wird die Modeschau am nächsten Morgen etwas länger dauern. Anyway, ist wohl besser die Armanis, Guccis,... einfach alle Kleider mit dem Bügeleisen zu bearbeiten. Es darf doch wegen Kleider zu keinen Unstimmigkeiten kommen. Nicht doch.
Endlich vorbei. Diese über den ganzen Tag aufgebaute Spannung, vermischt mit der Neugierde endlich von den nötigen Zeichen im Buch erlöst zu werden, lässt beinahe Stimmung des Hochmutes aufkommen. Vorfreude, unendliche Freude zeichnet sich ab, genau so wie an den 100 vorhergehenden Nächten.
Irgendwo muss doch aus diesen Zeichen etwas Sinnvolles zu deuten sein.
Die Psychiaterin hat es in der letzten Sitzung einmal mehr gepredigt, der Sklaventreiberin richtig zuzuhören, keine falsche Interpretation zuzulassen und sie wo immer möglich, beim täglichen Leben zu unterstützen.
Es sei ein langer Weg zurück zur Harmonie, sagte sie auch noch, zugleich habe sie den Eindruck gewonnen sie seien auf dem richtigen Weg, nach 94 Sitzungen sei dieser Fortschritt auch zu erwarten gewesen.
Die Termine für die Sitzungen werden glücklicherweise von ihm gewählt und Dank des Entgegenkommens seiner blonden, großbusigen Chefin konnten sie immer morgens abgehalten werden. Das ist wichtig so, denn wie sonst hätte er Abends länger arbeiten können, die gazellenhafte Blondine zu den wöchentlichen, Abend-Meetings in den Luxushotels begleiten sollen.
Ein Geschenk Gottes sind nicht nur die von ihr gehaltenen Sitzungen sondern auch ihre wegweisende Gabe Bücher zu schreiben. Alle ihre Werke sind in der IKEA Wohnwand im Wohnzimmer und werden täglich gehegt und gepflegt. Solche Literatur sei mehr Wert als ein Goldschatz, pflegt die Sklaventreiberin zu sagen.
Üblicherweise wissen die fünf kleinen sich zu benehmen und so sind die Freunde mit den zwei Stunden Babysitten ganz gut bedient. Doch niemand liest die genialen Werke in der IKEA Wohnwand, es sei reine Wortverdreherei sagen die einen, die anderen finden das Verhalten der anderen Seite einfach mehr als nur merkwürdig und können sich deshalb nicht vorstellen, dass ein paar Zeichen in einem Buch Abhilfe schaffen können. Im Gegenteil, sie lesen immer selbst so merkwürdig klingende Bücher wie "Schlage endlich zurück, du Niete", "Das unmenschliche Verhalten der Frauen", "Liebe, Freude Eierkuchen", oder jenes mit dem wohlklingenden Titel "Unsichtbare Gifte".
Das Eigenartigste von allen aber ist "Back to the roots". Weit ausgeholt wird da, geht zurück bis zu den Affen, und irgendwie macht es beinahe einen Sinn, was darin geschrieben wird. Die Affen, sie leben in einer Sippe in der jedes Mitglied seine Aufgaben übernehmen muss, ohne groß darüber zu palavern. Dass es funktionieren soll, überrascht ein wenig. Ohne zu palavern, unvorstellbar!
Es scheint, dass die Unterschiede des Denkens und des Fühlens bei den zwei Geschlechtern so weit auseinander liegen, dass es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist den Partner richtig zu verstehen.
Es könnte aber auch sein, dass solche Aussagen die perfekten Entschuldigungen sind, wenn es um das eigene Versagen geht. Sind wir ehrlich, wie viele Male wollte man den Partner falsch verstehen, man hatte gerade keine Lust und hörte deshalb lieber das einfachere B. - Faulheit, Egoismus, Aggressionen, Verlust des gegenseitigen Respekts mögen die Gründe hierfür sein.
Einen Schritt weiter, und es kommt die Erkenntnis, dass Vieles absichtlich falsch verstanden wird. Werden die guten Eigenschaften des Partners zu Beginn einer Beziehung nicht geschätzt? Allmählich werden sie zur Gewohnheit, gehören wie der Mond zur Erde.
Der innere Teufelchen kann sie mit gutem Gewissen über die ganze Beziehung unbemerkt entfalten, einschleichen als langsam wirkendes Gift. So kommt es, dass auch die besten Psychiater, die klügsten "versteh mich richtig Bücher" den Lauf der Dinge nicht stoppen können.
Schleichend kommt das Ende und aus der Vielfalt der schlechten Gefühlen entseht jene explosive Mischung, die sich schlussendlich als Aggressivität getarnte Gegenreaktionen offenbart. Lasst euch gehen, der Stärkere wird gewinnen. Den persönlichen Freipass gibt man sich selbst. Es darf absichtlich verletzt, geschrieen und geschlagen werden. Die Wunden verarztet und verbunden werden, Gutes wird versprochen und alsbald wieder gebrochen werden.
Geschieden, vorbei, Geschichte sind die schönsten Erinnerungen, als die gemeinsamen Stunden noch im Sekundentakt vergingen. Bis zum nächsten mal, sagt das Teufelchen - das moderne Recycling unserer Zeit.



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Eingereicht am 21. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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