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Mein neues Auto

Eine Glosse von Daniela Patsias


Ich werde ein neues Fortbewegungsmittel bekommen, schon bald. Das ist ja schon ungewöhnlich, da dies normalerweise ungefähr ewig dauert, trotz Wirtschafts- und Absatzkrise, trotz großem Geschrei aller Automobilisten, trotz Preisdruck- und Preislockverhandlungen auf allen Ebenen, trotz Aldi-Knebel-Syndrom bei den Zulieferern, trotz Verkaufsförderungsmaßnahmen, die den Händler gerade überleben lassen. Natürlich ist diese Bezeichnung eines Automobils als reines Hilfsmittel, um von einem Ort zum anderen zu kommen, typisch Frau. Ein Mann würde jetzt in schwärmerische Beziehungsbegriffe ausbrechen, die die besondere, intensive, liebevolle Dauerfreundschaft mit dem Blechhaufen in zärtlichster Weise darstellen.
Nicht, dass wir dies nicht süß finden, aber nachvollziehen können die vorsichtigen und sichereren (manchmal hat Statistik doch etwas für sich) Fahrer weiblichen Geschlechts die leuchtenden Augen bezüglich dieser Potenzhobel nicht wirklich. Denn wenn wir es genau betrachten, fahren die Jungens immer die großen Autos, die Mädels immer die kleinen und praktischen, höchstens mal einen Familienkombi oder Familienjeep, aber nie die PS-Superhobel, die flachen und teuren Megaflitzer oder die coolen Niemals-das-Feld-sehenden Ultrajeeps. Und die Außendienstler, die ebenfalls mit einem Kombi gestraft sind, kompensieren dies durch schnelles und sehr anschmiegsames Fahren, das anderen Verkehrsteilnehmern das Haarspray erspart, da sich die Nackenhaare und alle anderen gleich von selbst aufstellen.
Also zurück zum Großereignis Autokauf. Die meisten Frauen entsprechen dem Klischee der Frage nach der Autofarbe, der Rest ist egal. Der Rest ist auch schwer, da vor lauter Abkürzungen man sich wirklich andauernd mit dem Thema beschäftigen müsste, um den ganzen wichtigen Neuentwicklungen folgen zu können. Der Frauenanteil auf der IAA ist ja doch recht gering, vielleicht auch wegen der vielen bereits leicht bekleideten anwesenden Weibchen, die andere Klischees mit dem gewissen Quäntchen Wahrheit füttern.
Zunächst düst man stunden- und tagelang durch die Weiten des Internets - und kommt doch kaum voran. Irgendwann ein Xenon-Lichtstreif am Horizont. Man nähert sich der Marke, sprich DEM Hersteller, nur um festzustellen, dass sowieso alles irgendwie zusammenhängt und aufgekauft und undurchsichtig ist. Aber gut, man ignoriert dies und konzentriert sich auf den einen Namen. Dann folgt die Auswahl des Modells, denn einfach ein Auto kaufen geht nicht, es sei denn, man kauft ihn gebraucht und geht dann gefälligst diverse Kompromisse ein. Aber nein, diesmal soll es ein neues sein.
Créateurs d'Irritation! Was um Himmels willen will ich bloß? Ich weiß das nicht, aber die Männchen um mich herum erwachen zu nie erwartetem Leben und beraten mich halbtot. Und schon weiß ich, was ich will. Eigentlich wollte ich nur ein sicheres, nettes Auto, das mich nirgendwo stehen und mich einigermaßen schnittig fahren lässt und in Garage und Parkhaus passt. Auf Autosprech heißt dies State-of-the-Art-Sicherheitskonzept, Technologie10, bei der man nie weiß, wann sie aussetzt, Design allererster Güte und sogar Umweltbewusstsein, als ob Autofahren an sich nicht schon umweltschädlich genug wäre. Es gibt auch einen Haufen Assistenten im Auto, zum Bremsen, Wischen, Kapieren, was das Auto hat bzw. was ihm fehlt. Die Elektronik ist überall, Data fehlt. Selbst der Anschnallgurt hat einen höheren IQ als ich. Und man muss aufpassen, dass man nicht zum recyclefähigen Teil des Autos gehört, sonst ist man in 0 komma nix geschreddert und wiederverwertet.
Ich freue mich jedenfalls, dass ich ein Auto mit Charakter gefunden habe, da die Menschen einen solchen kaum noch aufweisen. Und das Design ist so schön, ich könnte heulen - wenn ich es verstehen würde. Natürlich ist auch an die Frauen gedacht, es gibt Spiegel mit Licht, viele spannende Fächer, lustige Knöpfe und verschiedene Farben. Ich weiß jetzt sogar um die Bedeutung eines verchromten Türgriffs, der aufgrund der Herstellungsfehlerquote einen ganz anderen Stellenwert in meinem Leben bekommen hat.
Und meine Bremsen sind so superschlau, die bremsen sogar die vielen Ventile, kW und PS aus. Ich bin so glücklich über ABS, ESP, USK, PRS, ASR und die 5 Sicherheitssterne und die vielen netten Kissen im Auto. Ich fühle mich so sicher und aufgehoben - in der Garage. Denn auf der Straße toben weiterhin der Kampf und der Wahnsinn. Da hilft keine Technik, da bedürfte es des Verstandes, der Weitsicht und ein wenig Rücksichtnahme, aber diese Fähigkeiten besitzt eher ein Auto, denn ein Fahrer und so weit sind wir in der Entwicklung leider noch nicht. Trotzdem besitzen wir brainfree entry, um ein Auto zu driven und die Mitmenschen nuts zu driven, wir können während der Fahrt 1.000 Spielereien ausführen, um bloß nicht auf den Verkehr zu achten. Wunderbar. Und alles klimatisiert und mit Musik.
Wer die Wahl hat, hat zunächst erst mal einen Haufen zu lernen. Und sich dann zwischen den ganzen Ausstattungs- und Designlinien sowie dem zahlreichen Zubehör und den endlosen Extras zu entscheiden. Aber man darf das Summieren nie vergessen, denn lustiges "Ach-ja-das-nehme-ich-auch-noch" macht in der Endsumme häufig die Urlaubsplanung der nächsten fünf Jahre mal eben zunichte.
Ich freue mich jedenfalls total auf jedes Detail - ich lerne schon fleißig die Vokabeln, um die Leute zu beeindrucken, Rückfragen sind jedoch nicht gestattet - mein Auto und ich, wir werden ein schönes Paar sein. Jetzt muss ich nur noch schnell ein Paar Schuhe, passend zu den Felgen, und einen Lippenstift, passend zur Farbe besorgen, ein wenig das elegante Ein- und Aussteigen üben, eine coole Haltung über dem hübschen Motor einstudieren und dann kann es ausgeliefert werden. Und vielleicht überlebe ich ja die lebenslange Mobilitätsgarantie. Wünschen Sie mir Glück. BON VOYAGE.



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Eingereicht am 12. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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