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Träume, Wahrheiten, Lichter und Gestalten

© Antonia Stahn


"Wie lange dauert es denn noch? Mir ist schon langweilig!"
Nr. 10 steuert mit ruhiger Hand die winzige Raumkapsel durch das All.
Fasziniert betrachtet der Pilot den kleinen, blauen Planeten. Dort wollen er und sein CO heute landen. Die Wissenschaftler vom Trabanten XX haben diese blau schimmernde Weltkugel erst vor wenigen Tagen entdeckt. Nr. 10 ist stolz. Er darf zusammen mit Nr. 11 diesen neuen Planeten, genannt Erde, als Erster besuchen. Merkwürdige Wesen leben dort. Die Regierung von XX möchte mehr über sie erfahren. Der erste Wissenschaftler hatte auch gleich einen Namen für diese Zweibeiner parat: Menschen! Seltsames Wort. Kegel klingt doch viel hübscher.
"Sei nicht zickig, Nr. 11! Wir sind exakt 4 Minuten und zweiunddreißig Sekunden unterwegs. Da kann einem doch nicht schon langweilig werden! Schau aus dem Fenster! Die vielen Sterne. Sie leuchten heute besonders hell. Und die blaue Kugel, unser Reiseziel, sieht wunderschön aus. Du kannst jetzt alles klar machen zur Landung. In 28 Sekunden sind wir da. Wetten, die vom Nachbar-Planeten XS schaffen es nicht, mit ihren Fahrzeugen 300 Millionen Kilometer in so kurzer Zeit hinter sich zu bringen. Na, ja! Sie haben sich eben sehr viel langsamer als wir entwickelt. Wer fliegt denn heute noch in solchen altmodischen Raumschiffen durchs All?"
Nr. 11 verzieht die schmalen Lippen zu einem kurzen, spöttischen Lächeln. Dann setzt er zur Landung an.
"Ich glaube, das Navigationssystem funktioniert nicht richtig, Nr. 10! Dieser kleine grüne Fleck ist doch nicht unser Ziel!"
Verwundert sehen die zwei sich an. Zögerlich öffnen sie die Tür des gläsernen Raumschiffes, schauen sich ängstlich um.
"Der Zweibeiner ist aber klein. Er sieht auch völlig anders aus, als wir es studiert haben. Auf dem Info-Board wirkte er im Vergleich zu uns riesengroß", flüstert Nr. 11 aufgeregt.
Beruhigend nimmt Nr.10 seinen Bruder kurz in den Arm. "Sei nicht so nervös. Der kleine Mensch kann uns nicht sehen. Unser Licht ist bei diesem Sonnenwetter noch gar nicht sichtbar. Hören kann er uns nur, wenn wir das wollen. Wir warten bis es dunkel wird. Dann kontaktieren wir ihn. Lass uns die Zeit nutzen, den Kleinen gründlich anzuschauen.
Lernphase II beginnt in diesem Augenblick, Nr. 11!"
Aufmerksam beobachten die fremden Wesen einen etwa acht- bis neunjährigen Jungen.
"Essen ist fertig! Der Vater ist auch schon da. Komm bitte in die Küche, Bub!"
Der Junge legt seinen Ball aus der Hand und geht ins Haus.
"Darf ich nachher noch mit Sepp und den anderen auf der Straße Fußball spielen? Es wird noch lange nicht dunkel, Mama, bitte! Mein Trainer möchte, dass ich jeden Tag übe. Sonst kann aus meinem kleinen Talent kein großes werden, sagt er oft."
Der Vater streicht dem Jungen über das gewellte, dunkle Haar.
"Einverstanden. Bis 21.00 Uhr! Hast du deinen Peitschenkreisel wieder gefunden? Opa kommt morgen. Sicher fragt er danach. Dein Großvater legt großen Wert auf den pfleglichen Umgang seiner Geschenke. Jetzt iss nicht so hastig! Deine Freunde fangen sicherlich nicht ohne dich an."
Nach dem Essen sucht der Kleine ziemlich oberflächlich nach dem Spielzeug. Er findet es nicht.
"Egal. Später schaue ich unter meinem Bett nach. Sicher ist der Kreisel dorthin gerollt."
Nr. 10 und Nr. 11 sitzen wieder in ihrem Fahrzeug. Sie gleiten durch das Haus, schauen sich alle Räumlichkeiten an. Mit dem IS leuchten sie jedes Zimmer aus. Danach legen sie den Info-Stab an ihre Stirn. In Sekundenschnelle nimmt ihr Hirn die Botschaft auf. Jetzt wissen sie Bescheid. Die Menschen und deren Lebensart sind ihnen nun vertraut. Auch das Wort Fußball.
Pünktlich um 21.00 Uhr ist der Junge wieder da. Sehr verschwitzt. Sehr müde.
Im Zimmer ist es warm. Trotz seiner Müdigkeit kann der Achtjährige nicht einschlafen. Eine Weile steht er am Fenster. Allmählich verliert sich die Dämmerung in der Dunkelheit. Mit heißem Herzen wünscht sich der Kleine Sternschnuppen. Möglichst einen gewaltigen Schwarm.
Den braucht er schon. Eine winzige Schnuppe reicht sicher nicht. Der Wunsch ist allzu groß. Das Kind wagt kaum, ihn zu Ende zu denken. Nicht mal die Eltern wissen von seiner Sehnsucht.
"Guten Tag, Bub. Was stehst du da und träumst in die Welt hinaus? Lehne dich nicht zu weit aus dem Fenster. Hier sind wir! Auf deinem Nachtschränkchen. Komm her zu uns! Wir haben lange genug auf dich gewartet!"
Der Junge reibt sich die Augen, will nicht glauben, was sie sehen. "Das ist nur mein Kreisel dort auf dem Schränkchen", beruhigt er sich. "Mama hat ihn bestimmt dort hingelegt."
Merkwürdig! Geleuchtet oder gar gesprochen hat das Spielzeug bisher allerdings nicht.
Zaghaft versuchen zitternde Hände nach den Lichtpunkten auf der Konsole zu greifen.
"Lass es lieber bleiben! Unser Licht ist zu stark. Du könntest dich verbrennen. Komm, setz dich her zu uns. Wir müssen uns einander bekannt machen. Höflichkeit ist die erste Pflicht auf unserem Planeten."
Verwirrt starrt das Kind auf die beiden winzigen Gestalten. Ähnlichkeiten mit den Figuren in den Comic-Heftchen kann er nicht entdecken.
"Nein, nein! Du träumst nicht. Wir sind real. Mit deinen Heftchen haben wir nichts zu tun. Die Figuren sind nur erdacht. Wir nicht!"
Langsam verschwinden Unglaube und Ängstlichkeit. "Wer seid ihr? Wo lebt ihr? Warum seht ihr so anders aus?"
Nr. 10 wedelt mit den feingliedrigen Händen. "Sachte an Bub! Immer der Reihe nach. Also: Mein Bruder und ich leben auf dem Planeten der Geometrie. XX nennen ihn eure Astronomen. Sie haben uns diesen Namen gegeben. Erforschen wollten sie uns zum Glück nicht. Du, kleiner Bub, bist der erste und wahrscheinlich auch letzte Mensch, mit dem wir Kontakt aufnehmen. Eigentlich sollte unsere Raumfähre ganz woanders aufsetzen. Ein Fehler im Navi hat uns in deinem Garten landen lassen. Macht nichts. Wir sind auf der Suche nach neuen Gesellschaftsspielen. Auf der Erde soll es viele geben. Sicher kannst du uns einige nennen und erklären. Dazu kommen wir später! Weshalb wir so aussehen, wirst du schnell verstehen. Geometrie sagt dir vielleicht etwas. Unsere Kultur ist hoch entwickelt. Geistig stehen wir weit über den Menschen. Wir brauchen ihre Körperlichkeiten nicht. Jede Familie kann ihre äußerliche Form selbst bestimmen. Unsere Eltern mögen den Kegel sehr. Andere Familien bevorzugen quadratische, rechteckige, runde, also jegliche Figuren der Geometrie. Dein Kreisel ist auch ein Kegel. Er liegt übrigens tatsächlich unter deinem Bett! Hm. Was wollte ich sagen? Ach ja. Unser Unterkörper ist ein auf den Kopf gestellter Kegel. Füße brauchen wir nicht. Meistens schweben wir. Ansonsten gibt die Spitze Halt und Standvermögen. Unsere Gesichter unterscheiden sich kaum von den Menschengesichtern, denke ich." Nr. 10 ringt nach Luft. So viel und so lange hat er seit Kegelgedenken nicht mehr geredet.
"Namen gibt es bei uns nicht. Nur Nummern", fügt Nr. 11 schüchtern hinzu.
Flüchtig betrachtet der Junge sein Gesicht in der Fensterscheibe. Dann wendet er sich wieder den Fremden zu. Den Menschen ähnlich? Ganz sicher nicht! Nur die Augen, Nase und der Mund sind identisch. Der dreieckige Schädel der Winzlinge sieht schon merkwürdig aus. Lustig sind die Ohren. Wie kleine Windräder drehen sie sich. Mal langsam, mal sehr schnell.
Freundlich lächelt der Kleine seine phantastischen Gäste an.
"Toll, dass euer Raumschiff zufällig in unserem Garten gelandet ist! Wie lange dürft ihr auf der Erde bleiben? Können wir Freunde werden? Ich kenne eine Menge Spiele. Die sind schnell erklärt. Wieso sucht ihr ausgerechnet bei uns nach neuen Ideen? Die Bewohner des Planeten XX sind doch angeblich viel schlauer! Habe ich euch schon meinen Namen genannt?" Schneller als sich die Windradohren drehen können, sprudeln die Sätze aus dem Mund des Kindes.
"Halt! Stopp, junger Freund. Deinen Namen kennen wir schon. Er gefällt uns. Bub klingt sehr schön. Weich und warm hat ihn die Menschenfrau ausgesprochen. Ein Glück, dass wir bei dir gelandet sind. Du siehst sehr nett aus. Klug bist du wahrscheinlich auch. Schön und klug! Diese Kombination soll es nur sehr selten auf eurem Planeten geben - hat man uns informiert. Natürlich sind wir hochintelligent. Durch die Intelligenz leben wir. Manchmal ist das sehr anstrengend. Etliche Familien unseres Planeten sehnen sich häufig nach einfacher Beschäftigung. Unsere Spiele sind oft allzu be- und errechnet. Kaum jemand hat noch Freude daran. Etliche Planeten im Universum haben Nr. 11 und ich besucht. Überall dasselbe! Kalte, strenge Intelligenz. Freundliche Gesichter oder ein fröhliches Lächeln sind uns nie begegnet. Die Erde war und ist unsere letzte Station…,"
"Psst! Sei bitte still, Nr. 10! Meine Mutter kommt herauf. Sie will mir "Gute Nacht" sagen. Am besten, ihr versteckt euch draußen unter dem Fensterbrett. Mama glaubt nicht an Außerirdische. Das überlässt sie den Jungen-Phantasien, sagt sie immer."
Eine Viertelstunde später sitzen die beiden Leuchtkegel auf der Bettdecke des Jungen.
"Deine Mutter ist genau so lieb wie unsere", seufzt Nr. 11. Heimweh macht sich breit. Verlegen wischt sich der Kegel ein paar Tränen aus den riesigen Augen.
Schnell ist die Trauer vergessen. Konzentriert hören Nr. 10 und Nr. 11 ihrem neuen Freund zu. Augenblicklich haben sie die Regeln der Brettspiele verstanden. "Mensch ärgere dich nicht" gefällt ihnen besonders gut. Auch das Mogeln beherrschen sie fast perfekt.
"Morgen zeige ich euch noch mehr. Ich bin sehr müde. Leider haben wir noch keine Ferien. In der Schulzeit muss ich immer sehr früh aufstehen. Ihr könnt gerne in meiner Schublade hier übernachten."
Schläfrig deutet der Bub auf sein Nachtschränkchen.
"Wenn sie in der Früh noch da sind, habe ich wirklich nicht geträumt", murmelt er schläfrig.
Eine Weile lauschen die Kegelkinder den regelmäßigen Atemzügen des Jungen. Dann schauen sie sich noch einmal die Regeln der Spiele an. Mit dem Info-Stab nehmen sie Zeile um Zeile auf. Ein kurzes Tippen an die Stirn und schon ist das Wissen auf ewige Zeit gespeichert.
"Schade! Doch nur geträumt!"
Enttäuscht schiebt der Bub am nächsten Morgen die Lade wieder zu. In der Schule ist er nicht besonders aufmerksam. Immerzu denkt er an seine ‚Traum-Freunde'.
"Bist du taub? Du sollst heute mit zum Training kommen! Herr Oberleitner zählt auf dich."
Ganz schön schmerzhaft, so ein Stoß in die Rippen. Aber der Achtjährige ist seinem Freund Sepp nicht böse.
"Tut mir Leid, Sepp! Ich habe dich nicht gehört. Klar, komme ich! Holst du mich gegen 15.00 Uhr ab? Bis dahin bin ich mit den Schulaufgaben fertig. Vorher darf ich eh nicht raus. Du kennst ja meine Mama!"
Nachdenklich kaut der Kleine an seinem Füllfederhalter. Die letzte Rechenaufgabe. Acht mal neun - ist? So schwer kann das doch nicht sein!
"Zweiundsiebzig", wispert eine helle Stimme plötzlich.
Vorsichtig dreht der Bub seinen Kopf zur Seite. Sie sind wieder da! Nicht zu glauben. Fröhlich hüpfen die kleinen Wesen über das Rechenheft.
"Na, hast du nicht erwartet, dass wir wieder kommen!? Heute Nacht sind wir zu unserem Planeten zurück geflogen. Die neuen Spiele vorstellen. Alle haben sich gefreut und uns sehr gelobt. Der Ältestenrat hat nach dem Spiel der Spiele verlangt. Fußball wird es genannt. Du und niemand sonst sollst es uns beibringen. Kennst du dich denn gut aus im Fußball, Bub?"
Aufgeregt nickt der Junge. Er freut sich sehr über die Rückkehr der wundersamen Kerlchen. Selbstverständlich wird er ihnen sein Lieblingsspiel beibringen.
"Gleich muss ich zum Training, eh, Fußball-Training, mein ich. Ihr könnt gerne mitkommen. Sicher werdet ihr die Regeln in ‚null Komma nix' verstanden haben. Auf dem Fußballfeld sind viele Menschen. Hauptsächlich Freunde von mir. Dürfen die euch sehen? Verstecken kann man sich dort nämlich nicht."
Nr. 10 und Nr. 11 wackeln mit den großen, dreieckigen Köpfen.
"Kein Problem, mein Lieber! Außer dir sieht uns kein Mensch. Wir lassen die Leuchtkraft im Sonnenlicht untergehen. Wenn das Spiel beendet ist, setzen wir uns in deinen Turnbeutel, einverstanden?"
"Zu den Kleinen gehörst du ja nicht mehr. Wie alt bist du, mein Junge?"
"Acht, aber am elften September werde ich neun Jahre alt. Stolz reckt sich der Junge, schaut seinen Übungsleiter erwartungsvoll an.
"Ich denke, du spielst ab heute in der Gruppe der 9- bis 10-Jährigen."
Wohlgefällig schaut der Mann dem Jungen nach. "Aus dem Kurzen wird einmal ein Großer. Da bin ich mir sicher. Mittelfeld oder Abwehr. Beides wird ihm liegen. Sogar zum Libero reicht es. Schaunwermal! Ich gebe ihm das Trikot mit der Nr. 5. Er hat's auch im Kopf, nicht nur in den Füßen. Immer wenn ich das Kerlchen sehe, juckt mein rechtes Ohr. Und immer wenn mein rechtes Ohr juckt, weiß ich, dass mir ein Talent gegenüber steht. Auf mein Ohr kann ich mich jeder Zeit verlassen."
Springen, schweben. Ausgelassen turnen die Kegelkinder über die Bettdecke. "Mensch, Bub. Das war ein tolles Spiel! Danke, dass du uns mitgenommen hast. Schwer zu verstehen ist es auch nicht. Nur mit der Abseitsregel haben mein Bruder und ich noch Schwierigkeiten. Sicher hast du eine Spielanleitung. Die möchten wir gerne noch lesen, geht das?"
Eifrig klettert der Junge aus seinem Bett. Irgendwo im Bücherregal steht ein kleines Buch. "Fußball leicht gemacht", oder so ähnlich lautet der Titel.
Gebannt verfolgt der Bub den Info-Stab. Seltsam. Es sieht aus, als würden sich die Buchstaben von den Seiten spiralförmig in den bunten Stab drehen.
"So, fertig!"
Nur einige Sekunden wird der IS an die Stirn gehalten. Die Regeln sofort gespeichert.
"Weshalb machst du so ein trauriges Gesicht, Bub? Möchtest du auch so einen Stab? Leider beherrschen die Menschen diese Technik noch nicht. Es wird noch Jahrzehnte dauern bis sie etwas Vergleichbares erfunden haben. Ihr nutzt die Möglichkeiten der Wellen und Strahlen zu wenig."
Der Junge ärgert sich ein wenig über Nr. 10's selbstgefällige Miene. "Also, ganz so dumm sind wir nicht! Schließlich haben wir schon eine Menge technische Dinge erfunden. Mein Radio hier ist doch Klasse. Und seit einigen Jahren gibt es Fernseher. Sie können Bilder aus allen Ländern der Erde übertragen. Flugzeuge und Raketen haben wir schon lange. Eines Tages werden die Wissenschaftler auch Raumschiffe bauen, da bin ich mir sicher! Möglicherweise können wir damit bis zum Planeten XX fliegen. Wer weiß?!"
Vorsichtig streichelt Nr. 10 dem erbosten Kind die Wange.
"Tut mir Leid, Bub. Kränken wollte ich dich nicht. Du hast Recht. Alles können wir natürlich auch nicht. Keinem unserer Erfinder ist so ein spannendes Spiel wie Fußball eingefallen. Oder die Brettspiele. Schach gefällt mir ungemein gut. Komm, sei nicht mehr böse. Sag mir bitte, weshalb du vorhin so traurig warst? Ich möchte es wirklich wissen!"
Minutenlang bleibt es still im Zimmer. Ernst schaut der Kleine die Kegel an. Sein verlegenes Räuspern bringt die Freundschaft zu den Fremdlingen zurück.
"Also. Ach, ich weiß nicht! Nicht mal Mama habe ich von meinem Wunsch etwas gesagt. Ihr wisst ja jetzt, dass es in diesem Jahr eine Weltmeisterschaft im Fußball gibt. Alle vier Jahre wird um den Titel ‚Weltmeister' gekämpft. Leider bin ich noch viel zu klein. Klar, dass ich nicht mitspielen kann. Aber zusehen könnte ich. Die Reise in die Schweiz ist sehr teuer. Ebenso die Eintrittskarten. Also fällt Zuschauen auch aus. Heute ist das Endspiel Unser Land gegen die Ungarn. Stellt euch vor! Wir sind im Endspiel! Wir können Weltmeister werden! Schade! Oh, wie gern würde ich dieses Spiel sehen! Meine Eltern gehen heute ins Nachbarhaus. Dort steht schon ein Fernseher. Wir Kinder sind nicht eingeladen. Zum Glück darf ich mir das Spiel im Radio anhören. Traurig bin ich gar nicht mehr. Mit euch zusammen höre ich mir die Übertragung gerne an."
Wieder wackeln die dreieckigen Köpfe der Leuchtkegel. Sehr leise, sehr aufgeregt flüstern die Kerlchen miteinander. Schneller als ein Ventilator drehen sich die Windradohren.
"Entschuldige, dass wir dieses Mal in unserer Sprache geredet haben, Bub. Tun wir immer, wenn es um Wichtiges geht. Wann beginnt das Spiel? In einer halben Stunde? Dann sind wir wieder zurück. Warte auf uns!"
Gespannt sitzt der kleine Fußballspieler vor dem Radio. Er hört die Nationalhymnen. Der Radiosprecher schildert sehr anschaulich die Atmosphäre im Stadion. An die Außerirdischen denkt der Junge im Augenblick nicht.
Erschreckt schaut er sich um als Nr. 10 ihn mit einem enorm langen IS auf die Schulter klopft.
"He, bitte her sehen! Hier ist die Lösung deines Problems! Du wirst nicht nur hören, sondern auch sehen."
Nr. 10 und Nr. 11 schwingen gemeinsam den Info-Stab. Einige Sekunden lang sind die Lichtkreise an den Wänden und an der Decke zu sehen. Dann richtet sich der helle Lichtstrahl auf die Tür neben dem Bord mit dem Radio.
Nicht zu glauben! Auf der Türfläche erscheinen plötzlich sich bewegende Bilder.
Der Kleine sieht das Stadion in Bern. Gerade hat der Schiedsrichter das Spiel angepfiffen.
"So etwas gibt es nicht, weiß ich genau! Aber hinsehen muss ich. Wie haben die Kegel das nur gemacht? Ach, egal! Ich frage nicht!"
Stolz lächeln Nr. 10 und sein Bruder ihren Freund an.
Jetzt ist nur das Spiel noch wichtig. Zum Schluss feuern sie die Fußballer lautstark an. Sie überschreien sogar die Stimme des Reporters.
"Mensch, Rahn, hau rein, das schaffst du!", ruft Nr. 11.
Überglücklich liegen die drei sich in den Armen. 3:2! Ein kleines Wunder, Fußballwunder, sagt man später, ist geschehen.
Bis zum Abend sprechen die aufgeregten Kinder über das Spiel. Immer wieder beschreiben sie die mitreißenden Momente.
"Oh, ich glaube die Eltern kommen heim. Leider müsst ihr euch wieder verstecken. Nachher unterhalten wir uns weiter, OK?"
"Nein, wir müssen uns nicht verstecken. Noch heute wollen wir zu unserem Planeten zurück. Alle warten auf uns und das neue Spiel. Danke für deine Hilfe Bub! Mein Bruder und ich möchten dir eine Kleinigkeit schenken."
Nr. 10 drückt dem Jungen kurz den Info-Stab an die Stirn.
"Möge dich unser Licht stets beschützen. Es wird dir helfen, all deine Ziele zu erreichen."
Eine innige Umarmung und schon schwebt das gläserne Raumschiff durch die Nacht. Der Junge steht am Fenster. Traurig sieht er den immer kleiner werdenden Lichtpunkten nach.
Aus dem 'Buben' ist ein sehr erfolgreicher und in der Welt bekannter Fußballspieler geworden. Heute ist er 60 Jahre alt. Sein Leben nach wie vor mit dem Fußball verbunden.
Menschen, die ihn erlebt oder kennengelernt haben, nennen ihn selten bei seinem Namen. Sie nennen ihn 'Kaiser', oder wohlwollend 'Lichtgestalt'.



Eingereicht am 01. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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