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Das Traumtor

© Jelger Beckmer


An die bereits abgelaufenen Minuten der Spielzeit konnte ich mich nicht mehr erinnern. Was zählte, war allein dieser Augenblick unseres Angriffs. Es ging nach vorne in Richtung eines rostigen Stadioneingangs, der einmal den Namen Marathontor getragen haben könnte. Davor stand das gegnerische Tor.
Ich spürte den Atem meines Verfolgers in meinem Nacken. Der Ball kam von links außen, unsere Nummer Zehn hatte einen letzten Gegenspieler überlaufen und der Torwart versuchte nun, sich ihm verzweifelt in den Weg zu stellen.
Mein Gegenspieler schnaufte erbärmlich, fast zwei Meter hinter mir. Die Flanke war nicht geglückt, im Moment der Ballabgabe hatte das Standbein auf einem Stück rasenlosem Grün keinen rechten Halt gefunden. Der Ball rollte mir in Höhe des Elfermeterpunktes behäbig entgegen. Zwei gute alte Bekannte waren wir, da wir uns in den letzten neunzig Minuten schon mehrfach getroffen hatten. Er war nicht sehr schnell, schien ebenfalls ermattet und doch, er war zu weit weg. Ich müsste noch etwas zulegen, die berühmte Schippe drauflegen.
Ich rannte atemlos weiter. Dann fuhr ich mein rot bestutztes Bein aus, warf es so weit nach vorne als ob es sich vom Körper lösen sollte, dem Ball entgegen. Ich spürte das trockene gelbliche Gras auf meinen Schenkeln, während ich vorwärts rutschte. Ich spürte das Leder des Balles, wie es die Spitze meiner Fußballschuhe berührte und in eine neue Richtung gelenkt wurde. Houston - wir haben Kontakt!
Ich schaute dem mir nun entfliehenden Ball nach, spürte wie Rasen und vertrocknete Erde grünbraune Streifen auf meine nackte Haut und das längst nicht mehr strahlende Weiß der kurzen Hose zeichneten. Ich folgte dem Weg des Balles, der ein wenig der weißen Kreide aufnahm, bevor er vom Netz des Tores empfangen wurde. Dann sah ich, wie er das Tornetz verbeulte, das an dieser Stelle eine Welle schlug und mit den darüber liegenden Maschen eine LaOla in Richtung der Querlatte feierte.
Ich hatte es geschossen, das entscheidende Tor. Das Publikum schien außer sich vor Freude, ich wollte mir mein blaues Trikot vom Leib reißen und es in die tosende Menge werfen. Ich wollte mein Glück herausschreien. Schon spürte ich die Hand eines Mitspielers auf meiner Schulter. Ein wenig zu sanft erschien mir diese Berührung. Ich wollte zu Boden gerissen werden, unter einem Knäuel aus zwanzig befreundeten Fußballerbeinen begraben werden. Stattdessen rüttelte diese Hand vorsichtig, ja zärtlich gar an meiner Schulter.
"Was ist mir dir, Schatz? Wach auf! Du hast im Schlaf mit deinem rechten Bein gezuckt und danach angefangen selig zu lächeln."



Eingereicht am 24. August 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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