Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Ein Beitrag zum Kurzgeschichtenwettbewerb "Im Frisiersalon"

Was will man denn da schon schreiben..?

Eine Kurzgeschichte von Wolfgang Haggenmiller


Müde bist du, abgespannt, und doch ist es erst später Nachmittag. Dumpf hängen deine Gedanken dem nach, was der Tag so mit sich brachte; es war nicht dein Tag, es passierte zwar nichts Schlimmes, aber auch nichts Nennenswertes, ein Tag wie die meisten vorher, Routine, und müsstest du diesen Tag eine Woche später aus dem Gedächtnis protokollieren, du könntest es wahrscheinlich nur vage, wäre da nicht noch die Begegnung mit dieser freimütigen jungen Frau wieder gewesen. Eine Begegnung die du herbeigesehnt hattest!
Seit..?
Ja.., begonnen hatte das Ganze vor fünf sechs Wochen damit, dass deine Haare schon überlang waren, für deine Verhältnisse überlang; du magst es eben nicht, wenn die Haare zerzaust sind, gedellt vom kleinen Mittagsschlaf auf der Couch, das notdürftige Nassmachen der Problemzone, und doch sieht es aus, als wärst du eine nie ganz wache Trantüte. Kurz geschnitten, extrem kurz, gar dabei in den Verdacht geratend, der rechten Szene verbunden zu sein; nein, du machst dich nicht zum Depp deiner Gesinnung, du bist keine Glatze und alles Braune verdirbt dir den Appetit auf Diskussion, basta!
Jedenfalls, du hattest deinen Friseurtermin schon zu lange vor dir hergeschoben, und als du im Salon nach der Chefin fragst, heißt es dort, die sei für die nächsten vierzehn Tage im Urlaub; und du warst eigentlich schon wieder draußen, als dich dieser.., nein, traurig wäre die falsche Umschreibung für diesen Blick, der dich innehalten ließ, in deiner Absicht unverrichteter Dinge zu gehen, oder war es dieser Blick in Verbindung mit diesem lasziven Touch, und es war ja bestimmt nicht so gemeint, aber Männer wie du geben sich einfach hin, der Illusion, sie will dich! Natürlich wollte sie dich: da hin bugsieren, auf den Sessel vor dem Spiegel, in welchem wir uns dann.., nein, nicht intensiv, eigentlich nur eher verstohlen immer und immer wieder ansahen, besonders anfangs, als sie dir durchs schon leicht angegraute Haar strich, und du dachtest, du seiest in einem billigen Hollywood-Film gelandet. Warum auch nicht? Sie wollte dir beweisen, dass sie, der Chefin gleich, Hand an dich legen könnte, und das zu aller Zufriedenheit.
Ja, sie hatte diese ansprechende Art des Fragens, so zwischen devot und fordernd: ob sie, also sie! dir die Haare schneiden dürfe, eine Art, die bei dir ankam, wie ein Befehl, und dir blieb keine andere Wahl, als zu gehorchen. Sie führte dich zum Sessel, und wäre es das Schafott gewesen, du hättest es gleichermaßen riskiert, einfach um zu sehen, wie sie ist! Füllig ist sie, um Hüften und Schenkel, dazu eine monströse Oberweite, deren Wirkung sie leider kraft eines ponchoartigen Umhangs wohl zu kaschieren versucht, dennoch, sie kommt deinem Bild sehr, sehr nahe, das du mit dir herumschleppst, von der prallen Versuchung, die jeden Mann so mag, wie er ist.
Stromstöße der Verzückung wanderten über deine Haut, bei jeder Berührung, und sie ließ sich Zeit! Mit jedem potenziellen Schmiss des Rasiermessers um Ohr und Nacken kumulierte das Ganze dann letztendlich zum, zumindest für dich, sinnlichsten Haarschnitt aller Zeiten. Haarwachs zauberte sie dir abschließend ins Haar, vorne, dort wo man die Kopfhaut schon mehr sieht, als irgendeine Ansammlung von Haaren. Haarwachs in deinem Alter, und du hältst still, der letzten Berührungen wegen.
Im Handspiegel dann, den sie so ausrichtet, dass du dich im Spiegel vor dir von hinten siehst, erkennst du, sie hat den Normalwuchs deines Nackenhaares radikal verändert, aber du bist wie in Trance, und doch hat sie dich beschnitten, wie einen jungen Kapaun.
Die Müdigkeit fällt von dir ab, je näher du dem Salon kommst. Du bist aufgeregt, du, ein Mann mittleren Alters, der sich der Illusion hingibt, dass eine junge Friseuse…, Mensch mach dich doch nicht lächerlich! Andererseits, warum nicht..?
Du bist allein, eigentlich bist du allein, du hast zwar Freunde, Bekannte, ein ordentliches soziales Umfeld, aber du bist allein, und du sehnst dich nach Körperlichkeit. War das der Antrieb, kurz vor dem wohlverdienten Feierabendbier den Entschluss zu fassen dir noch schnell die Haare schneiden zu lassen, nein, also so nötig hast du es ja wirklich nicht; wobei, die Berührung der Kopfhaut, das behutsame Umklappen der Ohren beim Schneiden dieser Problemstelle, das Ausrasieren des Nackens, du wolltest es so bald wie möglich wieder spüren, bah.., schon beim Gedanken daran stellen sich dir wollüstig alle Haare.
Indes, seit nunmehr 20 Jahren lässt du nur die Chefin an dein merklich lichter werdendes Haar. Ob Männer monogam sind oder eher dazu neigen der Abwechslung zu frönen? Wer weiß das schon. Jedenfalls hast du das sonderbare Gefühl, gleich die eine Friseuse mit der anderen zu betrügen.
Du parkst, und schon von weitem siehst du, dass sie dich sehen, Dienstagnachmittag, offenbar ist nicht viel los um diese Zeit. Sie stehen nebeneinander, warum müssen sie jetzt, ausgerechnet jetzt nebeneinander stehen; unangenehm!
Wie Paris einst in der griechischen Mythologie kommst du dir vor, nur ohne Apfel, aber dafür mit einem denkbar schlechten Gefühl im Bauch, und die Zwei stehen da und lächeln dir entgegen.
Hallo, sagst du, und als wollte dir die Chefin aus der Klemme helfen, deutet sie an, sie stehe gerne zurück, lächelt verschmitzt und überlässt dich sanftmütig ihrer Kollegin. Wie gehabt; sie führt dich zum Sessel, und schon mit dem Anlegen der papierenen Halskrause empfindest du dieses wohlige Knistern des überspringenden Funkens, großartig! So wie das letzte Mal..? fragt sie, als sie dir durchs Haar fährt. Ja, würdest du am liebsten sagen, so wie das letzte Mal; sagst aber doch: Ja, aber… Das freundliche Lächeln via Spiegel erstarrt, weicht mehr und mehr einer Fratze.
Aber..? Was soll das heißen, aber.., quillt es fragend aus ihrem Blick. Und im gleichen Moment weißt du, du hast ein kränkendes - aber - benutzt, unverzeihlich! Ja, versuchst du zu erklären, dieses Moderne, Hochrasierte, du weißt nicht, ob das so passend ist, für einen doch schon älteren Mann.
Man ist immer so alt wie man sich fühlt, erwidert sie trotzig, und urplötzlich ist sie gekippt, die Stimmung! Sekundenlanges Schweigen. Dann ist sie scheinbar nur noch darum bemüht, dem ganz normalen Smalltalk-Auftrag ihrem Kunden gegenüber Genüge zu leisten, fragt freundlich nach diesem und jenem, dann auch nach deinem Job.
Du faselst etwas von Brotarbeit um überzuleiten zu.., als sie dich unterbricht, und meint, jetzt weiß ich was Sie sind: Sie sind Bäcker!
Bäcker.., du und Bäcker! Du bist entsetzt und je mehr sie spricht, umso mehr beginnt er zu schwinden, der Zauber der Berührung.
Gleichwohl nimmst du den Faden wieder auf: Nein, was du sagen wolltest: Parallel zu deiner Brotarbeit, würdest du auch schreiben.
Schreiben.., sinniert sie, schreiben muss doch schwierig sein, ihr würde gar nichts einfallen.
Im Prinzip ist es egal über was man schreibt, erklärst du ihr, man könne über alles schreiben, sogar über diese Situation, wie sie dir gerade die Haare schneidet.
Was will man denn da schon schreiben, poltert sie drauf los: Sie kommen rein, setzen sich hin, ich schneide die Haare, fertig, das gibt nicht einmal eine ganze Seite, oder..?
Na ja, sagst du entmutigt, und belässt es dabei. Sie schneidet fertig und du gehst; gehst auf ein Bier.
Und dann zuhause, ernüchtert, ob deiner trügerischen Hoffnung bei einer Jungen noch landen zu können, du surfst im Internet, blätterst auf irgendwelchen Literaturseiten, stolperst, …also das gibt es nicht..! stolperst über einen Autorenwettbewerb mit der Vorgabe: Im Frisiersalon. Abgabeschluss in einer Woche! Ob du das noch schaffst?
Plötzliche Leere im Kopf, Leere auf dem Papier, und du denkst, so unrecht hatte sie gar nicht, als sie sagte: Was will man denn da schon schreiben..?




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Eingereicht am 14. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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