Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Ein Beitrag zum Kurzgeschichtenwettbewerb "Im Frisiersalon"

Mein Traum-Frisör

Eine Kurzgeschichte von Ilona Menck


Mit einem fröhlichen "moin!" betrete ich den "Salon du temps", einen stadtbekannten Frisörladen. Süßlicher Parfumduft umnebelt meine Nase, und ich überlege, ob ich es wirklich wagen soll, meinem Riechorgan solch eine Tortur zuzumuten. "Nun ja", denke ich schon nicht mehr ganz so munter "jetzt habe ich den weiten Weg auf mich genommen - was soll's also."
Ich sehe mich um: Überall grauer Marmor, der mit glitzernden rosa Strasssteinchen beklebt ist. Selbst der Fußboden ist mit diesen winzigen Stolpersteinchen bekleckert. Ob man dort wohl auch mit Stöckelschuhen drauftreten darf - oder besser gesagt: kann?
Die mit goldenen Rahmen versehenen Spiegel, die in Reih' und Glied an den Wänden und der Decke hängen, vervielfachen den Marmor-Strass-Effekt dermaßen, dass ich neben meiner Nase nun auch noch meine Augen schließen muss. Mir ist schwindelig.
"Ah, Sie sind Madame Schröter - oui? Bitte, nehmen Sie Platz. `ier, `ier - bitte", tänzelt mir aufgeregt ein junger Mann voraus zu einem Frisiertisch. "Ich `eiße Norbert. Aber Sie können mich einfach ‚Jaque' nennen. Vous acceptez?"
"Sie sind Franzose?" Was für eine lächerliche Frage...
"Mais non, ich bin Hamburger. ‚Jaque' ist mein Künstlername. In dieser Branche muss man eben etwas darstellen, etwas Poetisches, etwas..." Ich folge seinem Blick Richtung Decke. Sein Spiegelbild zeigt mir einen drahtigen, dunkelhaarigen Mittzwanziger, der theatralisch die Arme zum Himmel empor reckt. "Ähm, pardon", verlegen zupft Jaque an seinen Haarspitzen.
"Na, das kann ja heiter werden", murmel ich und fühle auch schon die feingliedrigen Finger von Norbert-Jaque auf meinen Schultern, die mit viel Kraftaufwand meinen Körper zum Sitzen zwingen. Nun gibt es kein Zurück mehr. Ich bin diesem Alain Delon-Verschnitt ausgeliefert.
"Ich werde Sie zauber'aft machen. Sie werden sich nicht wiedererkennen, das verspreche ich Ihnen, Madame Schröter."
Ich schweige. Mir ist es egal, dass er mich ständig mit "Schröter", statt "Schröder" anspricht. Das gehört wohl zu seiner Poesie - oder so.
"Oh, oh, Ihre Spitzen - und dann diese ‚aarfarbe, non, wir werden verändern." Mit geübten Fingern durchwühlt er meine Lockenpracht, zieht hier ein bisschen, dort ein wenig. Ich beginne, mich zu entspannen. Das tut gut!
"Madame Schröter?"
"Schröder", hauche ich.
"Pardon, wenn ich Sie muss stören, wollen Sie mir bitte folgen zum Waschbecken?"
Nein, ich will ihm nicht folgen. Ich will jetzt hier sitzen bleiben und seine Hände in meinen Haaren wurschteln spüren. Ich will...
"Madame, bitte!" Höre ich da einen quengeligen Unterton in Jaque's Stimme? Ich öffne die Augen. Nein, er lächelt mich immer noch an - als wenn ich die einzige und schönste Frau in seinem Leben wäre. Dabei fällt mir auf: Ich bin die Einzige! Jedenfalls in diesem Laden...
"Na gut", seufze ich und erhebe mich aus dem Sessel. Der Weg zum Waschbecken erweist sich als schwieriger Hindernis-Parcour. Per Pferdchensprung versuche ich den Strasssteinchen auszuweichen - einige Male knirscht es verdächtig unter meinen Schuhsohlen.
"Lächeln, immer nur lächeln", denke ich, "lass dir nicht anmerken, dass du gerade seinen Fußboden neu dekorierst."
"Bon, nun eine kleine Waschkur, ein paar Cremes und Lotions und Ihr Haar wird strahlen. Eine schöne Ochsteckfrisur, mit ganz vielen Margariten dort und dort", dabei bohrt er seinen Zeigefinger links und rechts in meine Kopfhaut.
"Ist das nicht etwas übertrieben? Ich wollte eigentlich nur eine einfache Kurzhaarfrisur. Etwas pflegeleichtes eben." Mein leiser - sehr leiser - Protest geht in Jaque's tänzelnder Darstellung seiner Frisurenkreation unter. "Madame Schröter, ich sagte ja schon, Sie werden nicht wiederzuerkennen sein..."
"Schröder!, Jaque, ich heiße Schrö-d-er!" werde ich lauter.
"Pardon? Schröder? Nicht Schröter? - Merde!"
Ich bin geschockt. Was, bitte schön, ist so schlimm daran, dass mein Name mit "d" geschrieben wird?
In diesem Moment öffnet sich mit leisen Klingeltönen die Salontür und eine mollige, kurzhaarige Dame betritt den Laden.
"Ah, Sie müssen Jaque sein, von dem mir mein Verlobter erzählte. Ich bin Frau Schröter", flötet sie, und mit ausgebreiteten Armen versucht sie leichtfüßig auf meinen irritierten Haarkünstler zuzugehen. Jaque's Augen, die vor Schreck bei ihrem Anblick herauszukullern schienen, verdüstern sich zornig. Deutlich, wie aus Hunderten Lautsprechern tönend, hört man ein Knartschen und Knirschen. Die Strasssteinchen!
"Miriam! Aufwachen! Miriam! Du musst aufstehen! Los, du kleine Schlafmütze, dein Frisör wartet auf dich!"




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Eingereicht am 12. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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