Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Ein Beitrag zum Kurzgeschichtenwettbewerb "Im Frisiersalon"

Haare im Regal

Eine Kurzgeschichte von Henriette Junghans


Die Glocke über der Tür kündigt seinen Besuch an noch bevor er den Laden betreten hat. Die blanken Spiegel schneiden helle Höhlen in das verschwommene Halbdunkel. Schwerer Duft wölkt sich im Raum. Flieder, der in einer großen Vase auf dem Boden steht, Parfüm, Cremes, Haarwasser. Über allem dünstet der Geruch von Haar. Ein nussiger, fettiger, tierischer Geruch. Es riecht nach Mann und nach Frau. Seine Nasenflügel blähen sich. Deswegen kommt er her. Das macht ihn an.
Er schaut sich um. Er will sich ja bloß die Haare schneiden lassen. Bitte hinten ein bisschen weg und an den Seiten nicht zu kurz, das wird er sagen. Und benutzen Sie doch bitte diese Lotion, Sie wissen schon, die gleiche wie letztes Mal und dabei wird er dem Friseur durch den Spiegel entgegenlächeln. Dann wird er seinen Kopf zurückbiegen in das kalte, harte Becken. Er will sich ja bloß die Haare schneiden lassen.
Aus dem Hinterzimmer kommt der Friseur. Er lädt ihn ein, auf dem Stuhl Platz zu nehmen und mit der gleichen Geste wie immer bedeckt er ihn mit dem schwarzen Umhang. In seiner Erinnerung wird diese Geste zu einem Akt, einem unwiderruflichen Akt. Körperlos blickt ihm sein Gesicht aus dem Spiegel entgegen. Es hat begonnen.
Geradeaus starrt er in den Spiegel. Bloß nicht auffallen. Und benutzen Sie doch bitte diese Lotion, Sie wissen schon, sagt er, die gleiche wie letztes Mal und lächelt dem Friseur durch den Spiegel entgegen. Das ist seine Chance. Der Umhang umfließt ihn weich, darunter sitzt er steif. Ganz langsam lässt er das Lächeln ausklingen und ganz langsam lässt er seinen Blick zurückwandern durch den Spiegel, der das Halbdunkel hinter ihm erhellt und fast treffen sich seine Augen im Spiegel wieder, da hat er es entdeckt, rechts neben ihm, unter dem Nachbarstuhl. Ein faustgroßes Büschel. Eine mittelgroße Männerhand voll Haare im schönsten Kastanienbraun.
Voller Vorfreude schließt er die Augen, bevor noch sein Nacken den kalten Rand des Beckens berührt hat. Ist es so angenehm, fragt der Friseur. Natürlich. Jetzt hat er Zeit. Mit geschlossenen Augen zieht er die Luft ein. Ganz langsam. Da sind zuerst Shampoo und Haarwasser, der salzige Schweißgeruch des Friseurs und sein eigener stechender, hundert Düfte und ganz hinten, am Ende seines Atems, mehr im Kopf schon als in der Nase, hat er es. Und er lässt es nicht mehr los. Frauenhaar, das kann er sofort riechen. Ein Glückstag. Er erschaudert. Wie guten Wein zerkaut er den Duft. Ein strenges Kastanienbraun. Sie ist nichts besonderes, das kann er sagen. Nicht die, auf die er seit Jahren wartet, deren Duft er gespeichert hat, seit er denken kann. Ein Duft nach Feuer und Wasser und Erde. Etwas zartes, wie Melone, verbirgt sich hinter dem fettigen Talggeruch des Büschels. Wahrscheinlich ist sie nicht sehr schön. Aber sie ist rund und griffig, das sagt ihm der süßlich-herbe Geruch nach gebrannten Mandeln, den er aus ihren Haarspitzen heraussaugen kann. Sie wird zu dem Büschel schwarzer Haare passen, dem leicht gelockten, dem zweiten von links in der vierten Reihe, zu Hause in seinem Regal. Vielleicht wird er sie daneben legen. Beide haben diesen leicht melancholischen Geruch nach Weihrauch, der entstehen kann, wenn man sein Haar zu lange gebürstet hat. Er ist nicht enttäuscht. Irgendwann wird er sie finden. Er ist nicht enttäuscht. Er lächelt und der Friseur fragt noch einmal, ist es so angenehm. Oh ja.
Niemand hat etwas bemerkt. Er entspannt sich unter dem Umhang. Der Friseur wickelt ein Tuch um seine Haare und schiebt ihn mit leichtem Druck wieder nach vorne. Er öffnet die Augen und während der Friseur sein Haar kürzt, hält er den Blick gesenkt. Sein eigenes Haar fällt in weichen Wellen lautlos zu Boden. Mit einem geübten Schwung nimmt der Friseur den Umhang von seinen Schultern. Jetzt ist er wieder frei. Er lächelt sich im Spiegel an. Gefällt es Ihnen. Natürlich. Der Friseur verschwindet im Hinterzimmer, schaut auf die Preisliste, studiert sie umständlich, als sei es das erste Mal. Wie immer, darauf hat er gewartet.
Schon kauert er am Boden und schiebt die kastanienbraunen Haare in seine geöffnete Hand, steckt sie in seine rechte Manteltasche. Als der Friseur aus dem Hinterzimmer kommt, steht er am Kassentisch. Das ist für Sie und vielen Dank, sagt er, und schiebt eine Münze über die Theke. Der Friseur nickt und schaut ihm nach, wie er den Laden verlässt, ein wenig gebückt, mit eiligen Schritten, beide Hände in den Manteltaschen. Die Glocke über der Tür klingt leise aus. Der Friseur nickt noch einmal, dann greift er zum Besen.




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Eingereicht am 09. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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