Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Ein Beitrag zum Kurzgeschichtenwettbewerb "Im Frisiersalon"

Freds schwierigste Kundin

Eine Kurzgeschichte von Eva Markert


Daniela und Ruth kannten sich schon seit ihrer Schulzeit und waren gut miteinander befreundet. Sie trafen sich oft, telefonierten regelmäßig und hatten keine Geheimnisse voreinander.
Im Frisiersalon allerdings ließ Ruth nur Danielas Chef an ihre Haare, denn sie war der festen Überzeugung, dass - falls überhaupt jemand dazu in der Lage war - Fred und nur Fred wusste, wie ihr Haar richtig gepflegt, getönt, geschnitten, gefönt und frisiert werden musste. Sie schien zu glauben, er habe ein geradezu übernatürliches Gespür dafür, welche Farbtöne und welche Frisuren ihr gut zu Gesicht standen.
Ruth waren ihre Haare immer schon sehr wichtig gewesen. Pünktlich jeden zweiten Freitag nach ihrer Arbeit im Büro kam sie in den Salon. Sie musste das einfach tun. Sonst fühlte sie sich nicht wohl. Fred hatte nichts gegen Stammkunden einzuwenden - im Gegenteil! Und im Grunde hatte er auch nichts gegen Danielas Freundin - ganz und gar nicht! Dennoch unterdrückte er oft einen kleinen Seufzer, wenn Ruth eintrat. Zwar hing sie mit gläubigen Kinderaugen an seinen Lippen, wenn er den fachkundigen Blick des wahren Meisters über ihren Kopf gleiten ließ und dabei allerlei Weisheiten über Haarstruktur, Trendfrisuren und hochmodische Farbtöne von sich gab, aber sie war eine höchst schwierige Kundin und kaum zufrieden zu stellen. Man konnte fast sagen, sie war regelrecht besessen von ihren Haaren. Und in der letzten Zeit wurde es immer schlimmer mit ihr.
Schon bei der Haarwäsche fing es an. Das Shampoo brachte Ruth immer selbst mit, denn im Salon gab es keins, das den gesteigerten Ansprüchen ihres empfindlichen Haares genügt hätte.
Daniela war heilfroh, dass Fred auch das Waschen übernahm. Es war nämlich unmöglich, genau die Wassertemperatur zu treffen, die Ruth für angemessen hielt. Das Wasser durfte auf keinen Fall zu kühl sein, damit das Haar gründlich gereinigt und das Fett restlos ausgespült wurde. Es durfte aber auch nicht zu heiß sein, damit die Talgdrüsen in der Kopfhaut nicht zu sehr angeregt wurden. Die Prozedur des Haarewaschens dauerte bei ihr doppelt so lang wie bei anderen Kunden, weil Fred immer wieder den Hebel des Wasserhahns ein wenig mehr nach rechts legen musste, dann wieder nach links, noch mal nach links, und noch einmal eine Spur nach rechts und so weiter und so fort. Ruth hatte inzwischen eine geradezu hysterische Angst entwickelt, ihre Haare könnten fettig werden und riechen. Daniela kannte zwar den Grund dafür, sie fand aber trotzdem, dass Ruth hier gewaltig übertrieb.
Das Tönen der Haare glich immer eine Angstpartie. Es war tatsächlich schon mehrmals vorgekommen, dass Fred ein wenig die Hände zitterten, wenn er die Tönungscreme auswusch und die Haare anschließend trocknete. Ruth hatte blassgelbe, etwas strohige Haare, träumte aber von einer Art leuchtendem, sonnigem Blond. Doch obwohl Fred schon alles, aber auch wirklich alles, was an Blondtönen auf dem Markt war, an ihr ausprobiert hatte, war es ihm noch nie gelungen, genau den Farbton zu treffen, den sie sich vorstellte.
"Das Blond hätte noch ein bisschen heller ausfallen können."
"Ich hatte doch gesagt, dass meine Haare etwas dunkler werden sollten."
"Vielleicht hätten Sie das Produkt länger einwirken lassen müssen."
"Vielleicht war diese Tönungscreme nicht intensiv genug.
Solange es bei derartigen Äußerungen blieb, war die Sache ja noch harmlos. Aber in solchen Situationen konnte Ruth auch regelrecht hysterisch werden. Sie schimpfte dann laut und anhaltend und ohne Rücksicht auf andere Kunden, die sich noch im Laden befanden. Tränen waren auch schon in Strömen geflossen. Sehr peinlich war es Fred zum Beispiel gewesen, als sie ihn neulich als hoffnungslos unfähigen Versager bezeichnet hatte. Und nie würde er vergessen, wie sie vor vier Wochen geschluchzt hatte: "Was soll er bloß denken? - Was soll er bloß von meinen Haaren denken? - Diese Haarfarbe! Diese Frisur! - Was soll er bloß von mir denken?" Und dann war sie überstürzt aus seinem Geschäft gerannt.
"Hat sie einen neuen Freund?", hatte er Daniela damals gefragt.
Daniela nickte. Eigentlich sprach sie nicht über die Herzensangelegenheiten ihrer Freunde, aber hier war Ruth wirklich zu weit gegangen.
"Wer ist es denn?" Fred war neugierig geworden.
Daniela überging die Frage. "Jedenfalls scheint er, was ihr Äußeres angeht, sehr kritisch zu sein. So wie sie sagt, legt er vor allem viel Wert auf schöne Haare, und er liebt blonde Frauen."
Fred seufzte. Daher wehte also der Wind.
Am nächsten Freitag versuchte er, Daniela noch ein bisschen weiter auszuhorchen. Um ehrlich zu sein, Fred neigte dazu, immer alles ganz genau wissen zu wollen. Daniela antwortete ihm so ausweichend wie möglich.
Wie Ruths neuer Freund aussah, fragte er sie zum Beispiel.
"Ganz normal."
"Was ist er denn von Beruf?"
"Irgendwas Kaufmännisches."
"Und wo hat sie ihn kennen gelernt?"
"Am Arbeitsplatz."
Für Freds Geschmack waren all diese Antworten viel zu ungenau, aber für den Augenblick musste er sich damit zufrieden geben, denn es war kurz vor zwei, und Ruth war bereits im Anmarsch. Gerade überquerte sie die Straße gegenüber seinem Frisiersalon.
Fred grauste es, wenn er daran dachte, was auf ihn zukam. Heute würde es wahrscheinlich wieder besonders schlimm werden, denn es stand ein Haarschnitt auf dem Programm. Wenn Ruth eine neue Frisur wünschte, brauchte man nicht nur Kamm und Schere, sondern man hätte eigentlich auch Gerätschaften wie Winkelmesser, Millimetermaß, Wasserwaage, Lupe und dergleichen nötig.
"Am Wirbel auf dem Oberkopf fällt die Frisur wieder auseinander. Und es stehen auch noch ein paar kleine Haare hoch."
"Das Haar über dem linken Ohr ist etwas kürzer als das über dem rechten. Außerdem haben Sie mir die Spitzen nicht gleichmäßig geschnitten."
"Der Pony ist noch zu lang. - Vorsicht! - Oje! Jetzt ist er zu kurz geraten."
"Die Linie im Nacken verläuft nicht ganz gerade. - Aber nicht zu viel abrasieren!"
"Diese Strähne liegt falsch. - Nein, so geht es auch nicht!"
Man musste wirklich eine Menge Geduld aufbringen.
Freds Mut sank noch mehr, als Ruth gut gelaunt das Geschäft betrat und ihm zurief: "Heute müssen Sie sich besondere Mühe geben, Fred! Es ist nämlich ganz wichtig, dass ich heute Abend gut aussehe! Also strengen Sie sich an!"
"Als ob ich das nicht immer täte!", dachte Fred, während sich seine Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten. Schnell steckte er sie in seine Kitteltaschen.
"Was haben Sie denn vor?", erkundigte er sich höflich, während er ihr den Frisierumhang umlegte.
"Ich gehe aus!", erzählte Ruth stolz. "Und ich werde eine ganze Menge wichtiger Leute treffen."
Daniela seufzte. Auch sie würde froh sein, wenn dieses Ereignis endlich vorüber war und Ruth mal wieder von etwas anderem sprach! Langsam gingen ihr die Beratungen über Garderobe und Frisur und vor allem die Diskussionen, wie bedeutsam der Abend für die gesamte Beziehung war, ganz gehörig auf die Nerven.
"Er ist ja so anspruchsvoll!", seufzte Ruth häufig. "Aber das ist ja auch kein Wunder bei einem Mann in seiner Stellung!"
Ruth war von diesem Mann und seiner Stellung wie geblendet.
"Stell dir vor, die ganze Firma wird er mal erben!", sagte sie oft. "Natürlich braucht er da eine Partnerin, die etwas darstellt und die repräsentieren kann!"
Ruth hatte keine Zweifel, dass sie genau diese Partnerin war, vorausgesetzt - ja vorausgesetzt, dass Fred seine Arbeit ordentlich machte.
An diesem bedeutsamen Freitag wollte Ruth helle Strähnchen gemacht bekommen. Aber schon als Fred einzelne dünne Haarsträhnen durch die Plastikhaube zog und anschließend die Farbe auftrug, die er immer speziell für sie mischte, hatte er ein ganz ungutes Gefühl. Seine Befürchtungen verstärkten sich, als er ihr die Haare danach wusch und mit einem Handtuch trocknete. Auch Ruths Blick wurde noch ein wenig kritischer als sonst. Sie sagte aber noch nichts.
Die Frisur, die Ruth sich wünschte, beschrieb sie als "geometrische Gelfrisur". Dabei überließ sie es Fred, diesen Ausdruck zu interpretieren und umzusetzen. Aber schon während er daran arbeitete, beschlichen ihn wieder diese bösen Vorahnungen.
Während des Schneidens schloss Ruth zum Glück immer die Augen. Als er zum Fönen überging, beobachtete sie ihn jedoch scharf im Spiegel, und er glaubte zu bemerken, wie sich ihr Blick bereits leicht umflorte.
Noch beunruhigender wurde die Situation, als er mit Gel an den Fingern "Akzente setzte", wie sie es nannte. Ihr Atem ging schneller, und Entsetzen begann sich mehr und mehr in ihrem Gesicht abzuzeichnen.
Fred musste zugeben, dass sie nicht ganz Unrecht hatte. Heute war anscheinend nicht sein Tag. Sie hatte nach einem Frisörbesuch wirklich schon mal besser ausgesehen. Viel besser sogar!
Er hatte ihr zu viele und zu helle Strähnen gemacht, so dass ihr Haar insgesamt fast weiß erschien. Der Kontrast zu dem sonnenstudiogebräunten Gesicht war zu stark ausgeprägt. Die Haare hatte er ihr rundherum zu kurz geschnitten, und es war ihm wieder einmal nicht gelungen, den Wirbel auf dem Oberkopf zu kaschieren. Die Gelsträhnen standen wie Stacheln von ihrem Kopf ab, so dass sie aussah wie ein unglücklicher alter Igel.
Ruth starrte in den Spiegel. Ihre Lippen begannen zu zittern. Dann gellte ein Schrei durch den kleinen Salon: "Sie haben mich verunstaltet!" Und schon stürzten die ersten Tränen aus ihren Augen.
Daniela, die gerade einer alten Dame die Haare aufdrehte, wandte sich um. Sie hatte schon den Mund geöffnet, um ihre Freundin zu beruhigen, aber als sie Ruth sah, schloss sie ihn wieder. Ruth vergrub das Gesicht in ihren Händen und begann, hemmungslos zu schluchzen. Fred stand hilflos dabei. Die schwerhörige alte Dame las seelenruhig weiter in ihrer Frauenzeitschrift.
"Beruhige dich doch!", sagte Daniela beschwichtigend, als sie sich etwas gefasst hatte. "Morgen kann deine Frisur schon ganz anders aussehen."
"Morgen! Morgen ist es zu spät!", jammerte Ruth. "Heute will er mich seinen Freunden vorstellen! Aber so kann ich doch niemandem unter die Augen treten!"
"Die Frisur ist doch ganz pfiffig", sagte Fred wenig überzeugt.
"Er wird sich für mich schämen", weinte Ruth. "Und vielleicht verlässt er mich jetzt sogar."
"Wer könnte Sie denn verlassen!", sagte Fred, aber in der allgemeinen Verzweiflung verpuffte sein Charme völlig wirkungslos.
"Nun warte doch erst einmal ab!", sagte Daniela mit einer Spur Ungeduld in der Stimme. Sie fand zwar auch, dass Ruths Frisur alles andere als überwältigend war, aber es gab nun wirklich Schlimmeres. "Wer weiß", fuhr sie fort, "vielleicht gefällt ihm ja deine Frisur sogar."
Ruth sah auf die Uhr. "Ich muss mich beeilen", stieß sie unter Schluchzen hervor. "Mein ganzes Make-up ist ja auch hin." Tatsächlich lief ihr Wimperntusche in zwei schwarzen Rinnsalen die Wangen hinunter.
Fred hatte ein richtig schlechtes Gewissen, als er ihr für den seelischen Schmerz, den er ihr zugefügt hatte, auch noch Geld abnahm. Nur Augenblicke später verließ ein unglücklicher Igel den Frisiersalon, wo ein unglücklicher Frisör und seine ebenfalls unglückliche Angestellte zurückblieben. Nur die alte Dame fühlte sich in dem Salon wie immer rundum wohl.
Am Sonntagmorgen hielt Fred es nicht länger aus. Er rief bei Daniela an.
"Hast du was von deiner Freundin gehört?", fragte er.
"Ja. Sie ist abends wie geplant mit diesem Mann ausgegangen, und er hat sie seinen Freunden vorgestellt."
"Und?"
"Was 'und'?"
"Hat jemand was über ihre Haare gesagt?"
"Zunächst nicht."
"Was heißt das? Nun erzähl doch mal!"
"Zunächst hat Ruths Freund nichts gesagt. Dann hat sie ihn gefragt, ob ihm nichts auffiele. Ihm fiel aber nichts auf."
"Und dann?"
"Dann hat sie ihm erzählt, dass sie beim Frisör war."
"Du meine Güte! Und was hat er dann gesagt? Nun lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!"
"Er hat nicht viel gesagt. Es war wohl so etwas wie: ‚Oh, du warst beim Frisör? Das fällt gar nicht auf!'"
"Kaum zu glauben! Und seine Freunde?"
"Die fanden ihre Gelfrisur wohl besonders apart."
Jetzt fing Daniela an zu lachen, und Fred stimmte erleichtert mit ein.
"Für Ruth ist die Welt wieder in Ordnung.", sagte Daniela. "Freitag in einer Woche kommt sie wieder."
"Ich kann es kaum erwarten!", sagte Fred, "Und wenn ich es mir genau überlege, hätte ich für diese besonders aparte Gelfrisur eigentlich noch einen Zuschlag verlangen sollen."




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Eingereicht am 27. September 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.