Abenteuer im Frisiersalon. Kurzgeschichten aus dem Internet. Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  160 Seiten 10 Euro ISBN 3-9809336-0-1
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Ein Beitrag zum Kurzgeschichtenwettbewerb "Im Frisiersalon"

Haarscharf

Eine Kurzgeschichte von Simone Weizenegger


Zum Friseur gehe ich nicht besonders gerne. Und ich tue es auch nur, wenn mir im Grunde nichts anderes mehr übrig bleibt, weil ich in etwa so aussehe wie Jon Bon Jovi in früheren Zeiten. Diese Abneigung gegen Friseurbesuche hat auch ihre berechtigten Gründe. Wie oft bin ich aus einem Friseurstudio geschlichen, unter mühsamer Zurückhaltung der Tränen, mit verstohlenen Blicken nach rechts und links, bis ich endlich hinter irgendeiner Ecke verschwinden und die Pluderfrisur mit einem Haargummi im Nacken zusammenpfriemeln konnte. Ich wollte ja schließlich auch die Gefühle der Friseurinnen nicht verletzen, also wartete ich mit diesen Rettungsversuchen jedes Mal, bis sie mich nicht mehr sehen konnten, eilte nach Hause und hielt den Kopf unter die Wasserleitung. Vielleicht war diese Rücksichtnahme auch komplett überflüssig, weil sie vorher Wetten abschlossen, so nach dem Motto: "Mal sehen, ob die sich mit der Frisur in die Öffentlichkeit traut!" Früher habe ich es nie gewagt, den sogenannten "Hairstylisten" irgendwelche Vorschläge zu machen. Ich ging davon aus, dass Profis wie sie sofort anhand meiner Haarstruktur und meiner Gesichtsform erkennen würden, wie ich mein Haar zu tragen hätte, auf dass ich aussähe wie Julia Roberts. Von wegen! Obwohl ich noch nie zwei Mal in den gleichen Laden gegangen bin, schienen sich sämtliche Friseursalons der Umgebung abgesprochen zu haben. Ausnahmslos alle verpassten mir denselben kinnlangen Topfschnitt, mit einem Seitenscheitel, der knapp über dem rechten Ohr saß, während eine Föhnwelle meine linke Gesichtshälfte fast vollständig verdeckte. An den Spitzen natürlich rund nach innen geföhnt. Da meine bevorzugte Haarfarbe zu dieser Zeit rot und mein Gesicht immer ein wenig blass war, sah ich von weitem aus wie ein Warndreieck. Seit dieser Zeit nehme ich zu jedem Friseurbesuch ein ganzes Arsenal an Haarspangen mit. Der Schnitt war ja meistens gar nicht das Problem, aber diese voluminöse Hinföhnerei! Experimente wie Färben oder Strähnchen ließ ich erst gar nicht mit mir machen. Wer weiß, wie ich danach ausgesehen hätte. So viel also zu meinem Glück mit Friseurbesuchen. Aber die Zeiten ändern sich und irgendwann gab ich den Meistern der Haarkunst dann explizite Anweisungen, die sich in etwa so anhörten: "Unten bitte etwas gestuft, aber nicht zu stark, sonst sehe ich aus wie ein gerupftes Huhn, weil meine Haare so fein sind. Vorne den Pony etwas nachschneiden, aber keinen richtigen Pony, eher so Fransen, die seitlich am Gesicht runterhängen und nach unten hin immer länger werden." Diese Erklärungen untermalte ich mit anschaulichen Handbewegungen. Anscheinend konnte ich mich verständlich machen, denn es klappte immer, auch wenn ich nach jedem Friseurbesuch genauso aussah wie davor. Mit der Zeit hing mir auch diese Zottelfrisur zum Hals heraus und ich wünschte mir etwas komplett Neues. Inzwischen hatte ich auch begonnen, mich wieder sicher zu fühlen, und als der Entschluss gefasst war, wurde er auch sogleich in die Tat umgesetzt. Ich hängte mich ans Telefon um einen Termin im teuersten, und wie mir meine Freundin Andrea versicherte, besten Salon der Stadt auszumachen. Nach nur zwei Mal klingeln hob jemand ab. "Salon Haarscharf, mein Name ist Manuela, was kann ich für Sie tun?" flötete eine weibliche Stimme. "Guten Tag, hätten Sie denn noch einen Termin für Donnerstag Vormittag?" fragte ich aufgeregt. "Was machen wir denn?" erklang es vom gegnerischen Telefon. "Ähm, Waschen, Schneiden, Föhnen, bitte." "Das sieht schon ziemlich eng aus, wie ist denn bitte der Name?" "Oh, Entschuldigung, Ulrike Swantek." Für einen Moment herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann sagte Manuela hastig: "Okay, ich kann Sie am Donnerstag um halb neun dazwischenschieben. Wäre das in Ordnung?" "Klar, einwandfrei!" freute ich mich. "Bis Donnerstag dann!" "Ja, bis dann, Frau Swantek." antwortete Manuela in einem eigenartigen Ton. Ich legte etwas verwirrt den Hörer auf die Gabel. Irgendwie hatte sich das alles sehr merkwürdig angehört, beinahe, als ob ich den Termin nur bekommen hätte, weil sie meinen Namen kannte. Wir wohnten nicht gerade in einer Großstadt, und es gab außer mir auch keine Swanteks hier. Allerdings wusste ich nicht, woher ich eine Friseuse namens Manuela kennen sollte, obwohl irgendwas bei mir klingelte. Vielleicht war sie mal in einem anderen Haarstudio gewesen? Ich beschloss, mir darüber erst mal keine Gedanken mehr zu machen und einfach abzuwarten.
Am Donnerstag stand ich in aller Herrgottsfrühe auf und wusch mir die Haare. Ja, es klingt etwas daneben, sich vor einem Friseurbesuch die Haare zu waschen wenn man sowieso vorhat, sie dort waschen zu lassen, aber der Salon war so nobel, da wollte ich unbedingt einen guten Eindruck machen. Für alle Fälle hatte ich auch ein Foto meiner Traumfrisur dabei, es war exakt dieselbe, die Carrie-Anne Moss in "Matrix" trug, und die fand ich einfach spitze. Schwarz waren meine Haare schon, der Schnitt war zwar ziemlich kurz, aber mir war danach zumute, etwas zu wagen. Meinem Freund Alex, mit dem ich noch nicht lange zusammen war, würde es sicher gefallen, der stand auf toughe Frauen. Natürlich ist es auch etwas peinlich, ein Bild zum Friseur mitzunehmen. Die Friseuse schaut erst kritisch das Foto, dann mitleidig dich an und du weißt genau, was sie denkt: "So willst du also aussehen? Bei deinen Haaren kannst du froh sein, wenn daraus nicht der Mutter-Beimer-Look wird." Aber vielleicht bin ich auch einfach nur paranoid. An diesem Tag jedenfalls freute ich mich schon fast darauf, in einem dieser Frisierstühle zu sitzen während jemand professionell an meinen Haaren herumschnippelte. Als ich den Salon "Haarscharf" betrat, schlug mir schon gleich diese typische Geruch entgegen. Auch wenn ich mich immer dagegen sträubte, zum Friseur zu gehen, diesen Duft mochte ich unheimlich gerne, er war so gepflegt und versetzte mich in eine ganz wohlige Stimmung. An der Theke wartete ich, bis jemand Zeit für mich hatte. Schließlich kam eine junge Frau auf mich zu. "Guten Tag Frau Swantek, ich bin Manuela, wir haben telefoniert. Nehmen Sie doch einen Moment da drüben Platz, ich bin gleich für Sie da." Da staunte ich nicht schlecht! Ein Friseursalon, in dem man mich erkannte, obwohl ich noch nie hier gewesen war! Vielleicht hatte Andrea mich beschrieben? So viel Aufwand für eine neue Kundin? Nicht übel. Ich wartete geduldig und sah mich in aller Ruhe um. Manuela föhnte gerade ihre Kundin fertig und als das Meisterwerk vollendet war, starte ich fasziniert hin. Donnerwetter, das sah ja vielleicht toll aus! Wenn sie mich ebenso gelungen hinbürsten würde, hätte ich endlich den Salon und die Friseuse meines Lebens gefunden! Manuela selber sah auch super aus, wie es sich für eine Friseuse gehörte. Ihre Haare fielen ihr weit über die Schulter und hatten ein sehr schönes Haselnussbraun mit honigblonden Strähnen drin. So etwas würde mir auch gefallen. Aber mir standen nur Extremfarben, wie Schwarz und Rot. Blond dagegen überhaupt nicht. Aber das stand auch nicht zur Debatte. Endlich war ich an der Reihe. Manuela führte mich zu einem freien Stuhl, stellte sich hinter mich, hob meine Haarspitzen an und ließ sie wieder fallen. Dabei stellte sie die obligatorische Frage: "Was haben Sie sich denn so vorgestellt?" Ich kramte mein Foto aus der Handtasche. "Das würde mir gut gefallen, was meinen Sie?" fragte ich schüchtern. Ich rechnete damit, dass sie meinen Vorschlag sofort abschmettern würde. Sie sah sich das Foto so lange an, bis ich wirklich nervös wurde, musterte mich dann und meinte: "Das sieht sicher gut aus, Sie sind genau der Typ dafür!" Ich wuchs gut fünf Zentimeter und ließ mich erleichtert in den Frisierstuhl fallen. Nun war ich absolut beruhigt, von jetzt an würde ich Manuela vertrauensvoll machen lassen. Erst einmal wurden mir nun die Haare von einem Azubi gewaschen, während Manuela prüfend dabei zusah. Sie schien wirklich sehr nett zu sein und eine Menge Ahnung von ihrem Job zu haben. Trotzdem beschlich mich ein mulmiges Gefühl, das ich mir nicht erklären konnte. Es lag an der Art, wie sie mich ansah. Ich beschloss, es zu ignorieren. Niemand hier wollte mir was Böses, ich war eine Kundin und wurde doch auch sehr respektvoll behandelt, oder etwa nicht? Als auch das letzte Restchen von dem wohlriechenden, sicher teuren Shampoo aus meinen Haaren gespült und im Abflussrohr verschwunden war, schob Manuela meinen Stuhl wieder vor einen freien Spiegel. Dann warf sie mir einen Frisierumhang und ein Handtuch um und begann, mein Haar auszukämmen. Dabei machte sie Konversation. "Was machen Sie denn beruflich?" fragte sie mich. "Ich bin Empfangssekretärin in einem Hotel." antwortete ich und rutschte unruhig auf meinem Sitz herum. Himmel, ihre Art, mich anzusehen, machte mir wirklich langsam Angst! Sie hielt ihre eisblauen Augen die ganze Zeit unbeirrbar auf mein Gesicht gerichtet. Entspann dich, sagte ich zu mir selbst. Das ist einfach ihre Art, es hat nichts mit dir zu tun. Mein Blick fiel auf ihr Namensschild. "M. Rösner" stand da. Irgendetwas sagte mir das! Ich kam nur nicht darauf, was! Manuela unterbrach meine angestrengten Überlegungen mit einer weiteren Frage. "Macht Ihnen der Job Spaß?" Warum klang das so drohend? "Ja, schon, es ist nur sehr stressig. Viele Überstunden." brachte ich hervor. "Bleibt da überhaupt noch Zeit für Privates, Hobbies und Freunde und so?" bohrte sie weiter. "Nun ja, die meiste Zeit verbringe ich mit meinem Freund." Der Schweiß brach mir aus. "Wir machen viel Sport zusammen, gehen ins Kino, hören Musik und..." "Wie heißt Ihr Freund?" unterbrach sie mich. "Alexander Kögel." Ich flüsterte jetzt nur noch. "Alex Kögel." murmelte Manuela vor sich hin. "Alex Kögel." Ich war total verwirrt. Was ging hier vor? Kannte sie Alex? Manuela hatte sich in der Zwischenzeit ihre Schere geschnappt und machte sich mit einem Tempo und einer Aggressivität über meinen Schopf her, dass mir wahrhaftig Angst und Bange wurde. Eine Zeitlang herrschte Schweigen zwischen uns, nur das Geräusch der zuschnappenden Schere war zu hören. Ich wagte kaum, in den Spiegel zu schauen, und die paar Mal, die ich es trotzdem tat, sah ich nur Manuela, die sich mit grimmiger Entschlossenheit an meinen Haaren zu schaffen machte. Woher kannte sie mich? Ich hatte diese Frau noch nie in meinem Leben gesehen, obwohl mir ihr Name seltsam bekannt vorkam. Bei dem Versuch, mich abzulenken, fiel mein Blick auf die ältere Dame neben mir, die vergnügt in einer Klatschzeitschrift las und sich pudelwohl zu fühlen schien. Ihre Friseuse, ein dralles, sympathisches junges Mädchen, drehte währenddessen ihre spärlichen grauen Haare auf Dauerwellwickler, wobei sie fortwährend scherzte und lachte. In mir wallte der Neid auf. Schließlich befand ich mich in den Händen von Demi Moore in ihrer Rolle als Madison Lee in "Drei Engel für Charlie"! Als Manuela mich wieder ansprach, erschrak ich dermaßen, dass ich meine Handtasche auf den Boden fallen ließ. "Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, Ihre Haare blondieren zu lassen?" fragte sie mich mit gefährlich glitzernden Augen. Ich schluckte. "Nein, ich glaube nicht, dass mir das stehen würde." "Da können Sie allerdings recht haben," pflichtete sie mir kalt bei, "aber Ihre Haare sind so kaputt, dass man meinen könnte, Sie hätten kiloweise Blondierungscreme drauf geschmiert. Da müssen wir eine Kurpackung drauf tun, sonst kriegen Sie das nie in den Griff." "Wieso sollte ich mir die Haare blondiert haben wenn es mir erstens gar nicht steht und ich die Haare jetzt sowieso wieder schwarz trage? Ich dachte, blondierte Haare darf man gar nicht überfärben!" "Richtig," meinte Manuela ungerührt und irgendwie zufrieden, "darf man nicht. Soll ich die Kurpackung nun holen oder nicht?" fragte sie ungehalten. "Von mir aus!" seufzte ich resigniert, und Manuela verschwand in einem Raum, der durch einen Vorhang verdeckt war. Im Spiegel konnte ich sehen, wie sie in einem Regal nach etwas suchte. Sollte sie doch machen, was sie wollte. Ihr mysteriöses Getue ging mir langsam auf die Nerven. Vermutlich war sie einfach immer so daneben. Manuela kam wieder, in der Hand eine Schüssel, einen Spatel und eine Haube aus Folie. Außerdem hatte sie sich Plastikhandschuhe angezogen. "Wofür brauchen Sie denn die Handschuhe?" fragte ich sie misstrauisch. "So scharf kann die Packung doch wohl nicht sein, oder?" "Sie ist hochwirksam, ein ganz neues Präparat, und Sie bekommen sie sogar gratis!" versicherte Manuela mir überschwänglich. Auf einmal war sie wieder ganz die kompetente, beratungsfreudige und supernette Friseuse. "Die Packung riecht etwas unangenehm," machte sie mich freundlicherweise aufmerksam, "und nachher setze ich Sie dann unter die Wärmehaube, dann wirkt sie besser!" Das weiße Zeug roch in der Tat "etwas unangenehm", um nicht zu sagen, es stank barbarisch. Von so einer Kurpackung hatte ich noch nie etwas gehört! Während Manuela das kalte Zeug gleichmäßig auf meinem Kopf verteilte, hörte ich leise auf dem Fußboden meine Handtasche piepsen. Hörte sich an, als wäre eine SMS eingegangen, aber ich traute mich nicht, die Tasche aufzuheben. Manuela schien nichts bemerkt zu haben. Sie verschmierte die übelriechende Pampe weiter auf meinen Haaren und wirkte nun ganz ausgeglichen. Schließlich stülpte sie mir die Haube über den Kopf. Bevor sie die Wärmehaube über mich ziehen konnte, hob ich noch schnell meine Tasche auf. Manuela ließ mich mit der Wärmehaube auf dem Kopf allein und ich suchte mein Handy heraus. Tatsächlich, eine SMS von Alex! Anscheinend war er endlich aufgestanden und hatte meine Notiz gefunden, in der ich ihm mitgeteilt hatte, wo ich war. "Pass bloß auf, im Haarscharf arbeitet doch Manuela, meine Ex!" stand da. Und mir wurde plötzlich am ganzen Körper eiskalt, nur am Kopf nicht, dank der Wärmehaube. Natürlich, Manuela Rösner! Ich hatte ihr Alex nicht ausgespannt, er hatte mir versichert, die Beziehung sei schon in die Brüche gegangen, bevor er mich kennen gelernt hatte. Sie hatte ihn jedoch noch lange danach mit Kurzmitteilungen und Anrufen bombardiert, in denen sie ihn anbettelte, mit mir Schluss zu machen und zu ihr zurück zu kommen. Alex hatte nicht gewollt, und irgendwann hatte sie dann aufgegeben. Ich hatte schon gedacht, die Sache wäre ausgestanden, aber anscheinend hatte sie insgeheim Rachegelüste gehegt. Was zum Teufel hatte sie mir da auf den Kopf geschmiert??? Haarentfernungsmittel? Salzsäure? Sekundenkleber? Mir fiel ihre merkwürdige Frage von vorhin wieder ein. Ob ich schon mal darüber nachgedacht hätte, meine Haare blond zu färben? Na klar, sie hatte wissen wollen, ob sie mir nicht vielleicht doch einen Gefallen mit einer Blondierung täte! Mein Blick fiel in den Spiegel. Manuela war nirgendwo zu entdecken, dafür war der Blick auf den Raum hinter dem Vorhand nun frei und ich konnte das Regal sehen, an dem sie vorhin gestanden hatte. Da waren jede Menge Packungen mit - BLONDIERUNGSCREME! Oh nein! Noch Sekunden vorher hatte ich mich nicht getraut, etwas zu unternehmen, aus Angst, mich zu blamieren, doch nun sprang ich mit einem Schrei hoch, stieß die Wärmehaube beiseite, riss mir die Folientüte vom Kopf und raste zum nächstbesten Waschbecken um zu retten, was noch zu retten war. Alle Kunden und Friseusen standen stramm und sahen mir entsetzt bei meinem Treiben zu. Manuela stürzte aus einem Nebenzimmer herbei und sah fassungslos zu, wie ich die Blondierungscreme aus meinen Haaren wusch. "Manuela, was zum Henker haben Sie der Kundin da aufgetragen?" fragte eine herrische Stimme. Das musste die Chefin sein. "Ist alles in Ordnung?" wandte sie sich dann an mich. "Haben Sie vielleicht die Blondierung nicht vertragen, haben Sie Schmerzen an der Kopfhaut?" "Von wegen Blondierung!" fauchte ich. "Ich wollte nie blonde Haare haben, sie hat mir gesagt, es sei eine Kurpackung!" Manuelas Augen weiteten sich schreckerfüllt. "Aber nein!" versuchte sie sich zu verteidigen. "Frau Swantek wollte eine Blondierung!" "Ich bin doch nicht bescheuert!" brüllte ich sie an. Noch hatte ich jeden Blick zum Spiegel vermieden und mir zum Schutz vor neugierigen Blicken ein Handtuch um den Kopf geschlungen. Wahrscheinlich waren meine Haare komplett ruiniert! "Wenn ich mich kurz einmischen dürfte." sagte da eine ruhige Stimme hinter mir. Ich drehte mich um. Es war die ältere Dame, die neben mir gesessen hatte. "Ich habe eindeutig gehört, wie Frau Rösner die Kundin fragte, ob sie sich eine Blondierung vorstellen könne, und die Kundin hat es verneint. Also war es entweder ein Versehen - oder aber böse Absicht!" Alle sahen Manuela an. "Nun, Frau Rösner? Ich warte auf eine Erklärung von Ihnen!" kam es von der Chefin.
"D-d-das w-war ein V-Versehen." stotterte Manuela mit hochrotem Kopf. Im ersten Moment wollte ich lauthals protestieren, doch irgendwas hielt mich davon ab. Irgendwie - man höre und staune - tat sie mir leid. "Am besten, Sie gehen jetzt erst einmal nach Hause, bis ich entschieden habe, wie ich mit Ihnen verfahren werde. Vielleicht müssen Sie mit einer Anzeige rechnen. Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie den Ruf meines Salons aufs Spiel gesetzt haben? Selbst, wenn es nur ein Versehen war! Wie kann man denn eine Kurpackung mit einer Blondierung verwechseln? Kennen Sie beide sich eigentlich?" Dabei sah sie mich fragend an. Ich schüttelte verneinend den Kopf. "Jetzt schauen wir uns erst mal das Malheur an. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm." Mit diesen Worten zog mir die Chefin vorsichtig das Handtuch vom Kopf. Ich machte meine Augen lieber zu, solche Angst hatte ich vor dem Blick in den Spiegel. Einen Moment lang erwartete ich laute Schreie, Ausrufe wie "Oh mein Gott, wie grauenvoll!" und dass vielleicht die eine oder andere Kundin in Ohnmacht fiel, aber alles was ich hörte war ein erstauntes, einstimmiges "Oh!!!" und die Chefin, die erleichtert rief: "Das gibt es doch nicht, genauso schwarz wie vorher!" Ich riss die Augen auf und stürmte zum Spiegel. Tatsache! Immer noch ebenholzschwarz und glänzend! "Es scheint, als hätten Sie eine sehr gesunde Haarstruktur, die keine Blondierung annimmt. So etwas gibt es schon, aber meistens ist das für die Kundin eher ein Grund zum Verzweifeln." Die Chefin schüttelte staunend den Kopf. Dann fuhr sie Manuela an: "Und Sie gehen mir jetzt am besten aus den Augen! Sie haben wirklich mehr Glück als Verstand!" Nachdem Manuela heulend verschwunden war, schnappte die Chefin sich eine Rundbürste und einen Föhn und dirigierte mich zum nächsten Frisierstuhl. "Ich bin übrigens Frau Reinhardt, die Besitzerin des Salons!" stellte sie sich vor. "Es würde mir sehr leid tun, wenn wir Sie durch dieses dumme Missgeschick als Kundin verlieren würden. So etwas ist noch nie vorgekommen, Frau Rösner ist normalerweise so zuverlässig, alle Kundinnen lassen sich am liebsten von ihr frisieren!" Sie schüttelte wieder den Kopf, als könne sie es nicht fassen. Was ich ihr durchaus nachfühlen konnte. "Es ist ja noch mal gutgegangen," versuchte ich sie zu beruhigen, "vielleicht hat Frau Rösner irgendwelche privaten Probleme? Ich weiß, wie das ist, da baut man allerhand Mist, ohne es zu merken." Ich konnte kaum glauben, was ich mich da sagen hörte. Sie hatte versucht, meine Haare zu ruinieren und ich nahm sie in Schutz? "Da haben Sie wohl recht," meinte Frau Reinhardt nachdenklich, "Manuela hat sich von ihrem Freund getrennt und kurz davor ist überraschend ihr Vater gestorben. Das ist aber alles schon ein paar Monate her, und eigentlich dachte ich, sie hätte es inzwischen überstanden. Sie hat auch ganz normal weitergearbeitet, wollte keinen Urlaub nehmen. Und es ist ihr bis jetzt auch nie irgendein Fehler unterlaufen! Anscheinend ist sie doch noch nicht darüber hinweg. Ich hätte mich vielleicht mehr um sie kümmern sollen, dann wäre das nicht passiert." Nachdenklich saß ich auf meinem Frisierstuhl. Alex hatte das gar nicht erwähnt. Vielleicht hatte sie es ihm auch gar nicht gesagt? Wie würde ich wohl reagieren in so einer Situation? Kann man nie wissen, dachte ich. "Ich möchte Sie wirklich bitten, Manuela deswegen nicht zu entlassen." bat ich Frau Reinhardt inständig. "Ich werde ganz sicher weiterhin zu Ihnen kommen und Ihren Salon auch gerne weiterempfehlen. Und wenn alle, die heute dabei waren, dicht halten," hier hob ich die Stimme so an, dass mich alle Anwesenden hören konnten, "wird auch der Ruf Ihres Friseurstudios nicht darunter leiden." Nachdem alle Kunden und Angestellten dies versprochen hatten, beendete Frau Reinhardt erleichtert die Föhnprozedur. Ich sah in den Spiegel - und traute meinen Augen nicht! Kinnlang, Seitenscheitel, nach innen rundgeföhnte Spitzen - nur diesmal in schwarz und, immerhin, leicht gestuft. Das war zuviel. "Entschuldigen Sie," wandte ich mir beherrscht an Frau Reinhardt, "haben Sie Haargel?" "Aber klar, selbstverständlich," sie griff nach einer Tube, "soll ich Ihnen ein wenig davon..." Ich nahm ihr das Zeug aus der Hand, drückte eine ordentliche Menge in meine Hand, verrieb es, strich mir die Haare glatt nach hinten und machte somit die 20 Minuten Föhnarbeit von Frau Reinhardt zunichte. Alle Anwesenden standen da wie vom Donner gerührt. Ich wischte mir die Hände am Handtuch ab, grinste mein Spiegelbild an und sagte: "So hatte ich mir das vorgestellt. Jetzt gefällt es mir!" Nachdem ich den Friseursalon "Haarscharf" verlassen hatte, musste ich wieder grinsen. Haarscharf war es heute wirklich gewesen, aber immerhin hatte Frau Reinhardt kein Geld von mir nehmen wollen. Beschwingt lief ich nach Hause, schloss die Wohnungstüre auf und wurde bereits von Alex erwartet. "Hast du meine SMS gekriegt? Ich hab mir solche Sorgen gemacht, dass Manu dir vielleicht eine Glatze schert oder die Haare grün färbt..." Er verstummte kurz. "Wow, du siehst ja klasse aus! Wer hat dir die Haare gemacht? War Manu gar nicht da?" "Doch, war sie." sagte ich vergnügt. "Hat sie doch toll hingekriegt, oder?"
Obwohl meine Angst vor Friseurbesuchen seit diesem Erlebnis nicht gerade nachgelassen hat, habe ich mein Versprechen Frau Reinhardt gegenüber gehalten und viele meiner Freundinnen und Kolleginnen in ihren Salon geschickt. Bis jetzt waren alle total begeistert und keine hat den Salon unter Tränen oder mit unfreiwillig blondierten Haaren verlassen. Ich selber habe mich letztens auch wieder hingewagt, weil meine Haare es wirklich wieder mal nötig hatten. Manuela habe ich an diesem Tag nicht gesehen, sie arbeitet aber noch im Salon "Haarscharf". Erleichtert war ich schon, aber mit der Zeit macht es mir vielleicht nicht mehr so viel aus, wenn sich Manuela mal wieder um meine Frisur kümmert. Obwohl es für sie sicher auch leichter ist, wenn sie mich nicht "verschönern" muss. Mit meiner Stammfriseuse Jasmin bin ich sehr zufrieden, sie kennt mich und meinen Stil inzwischen ziemlich gut. Sieht so aus, als hätte ich endlich meinen Traumsalon gefunden!




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Eingereicht am 17. September 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.