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Yggdrasil

Von Antonia Stahn


Es ist Abend. Auch heute braust wieder ein starker Wind um die alte Villa.
Der zwölfjährige Lucas sitzt mit seiner sechsjährigen Schwester Laura in der Fensternische der Bibliothek.
Im Kamin prasselt ein gemütliches Feuer.
Dennoch haben sich die Kinder in wärmende Decken gehüllt. Lucas erklärt Laura die Sternzeichen, die am heutigen Abend besonders gut erkennbar sind.
Laura hört sehr aufmerksam zu.
"Und was ist das für ein Stern, der da fast über unserem Haus, Lucas?"
"Dieser Stern wird Venus genannt; manche Menschen nennen ihn auch Abendstern!" antwortet der Bruder.
Mit den Sternen kennt er sich prima aus. Er hat schon viel über sie gelesen.
Über den Abendstern aber macht er sich besonders häufig Gedanken
- seit er sich für die Sternenkunde begeistert.
Steht der zweite Planet im Sonnensystem östlich der Sonne - so ist er der Abendstern. Doch bei westlichem Stand der Sonne ist er der M o r g e n - s t e r n
"Aha", sagt Laura und lächelt listig "dann ist der Name des Planeten eigentlich eine Ansichtssache, je nach dem auf welcher Seite der Welt die Menschen leben und ihn ansehen!"
"Das ist ein lustiger Gedanke, aber ob du richtig gedacht hast, weiß ich nicht ..." antwortet Lucas.
"Wenn du möchtest, Laura, erzähle ich dir eine Geschichte über diesen bemerkenswerten Stern. Ei sind es meine Träume. Mit diesen Träumen werde ich jeden Morgen wach!" ‚Jaaa", freut sich Laura, "du weißt doch, wie gerne ich deine Ge schichten mag. Traumgeschichten sind mir am liebsten!!!" Erwartungsvoll lehnt sie sich an Lukas und kuschelt sich noch ein wenig mehr in ihre Decke.
"So wie uns beiden macht es vielen Menschen auf dieser Erde Freude, den Abendstern zu betrachten", beginnt Lucas seine Erzählung...
Und genau wie wir, können sich die Menschen ihre Freude und ihr Erstaunen nicht so richtig erklären
Die neugeborenen Kinder aber könnten es. Da sie jedoch noch nicht sprechen können, bewahren sie ihr Wissen in ihren Träumen, von denen sie zu Beginn ihrer Erdenzeit begleitet werden.
Die Fähigkeit, sich an das "Leben" vor der Geburt zu erinnern, verliert sich dann bedauerlicherweise mit dem Älterwerden. Daher weiß bis heute niemand, woher wir kommen - und wohin wir gehen werden
Schon ‚unsere Vorfahren - die Germanen - haben sich viele Gedanken über die so hell strahlende Venus gemacht. Sie glaubten an einen riesigen Baum, den sie W e l t e s c h e nannten.
Sie sollte sich aber angeblich auf einem anderen Planeten befinden. Der Sage nach wuchs die Weltesche auf dem Planeten Venus. Bezeichnet wurde dieser Riesenbaum "Yggdrasil".
Mit den Bäumen, die uns bekannt sind, ist er nicht zu vergleichen. Sein wuchtiger Stamm - die unzähligen Äste und Zweige - selbst die so kräftigen Wurzeln, die den Planeten durchdringen, sind aus Kristall
Dieses Kristall glitzert und strahlt so hell, dass wir sein Licht mit bloßem Auge von der Erde aus sehen können.
An jedem Ast, auch am kleinsten Zweig, hängen winzige - g l ä s e r n e Körbchen. Sie werden durch einen leichten Wind stets in einer sanften Schaukelbewegung gehalten.
In jedem dieser Körbchen liegt ein winziges, zartes Wesen. Herrliche Musik, die von einem sehr weit entfernten Planeten herüber klingt, begleitet es in seinen Träumen. Der Schlaf der kleinen Wesen dauert meistens t a u s e n d Jahre. Aber dieses bedeutet im Weltall nicht allzu viel. Zeit spielt dort keine Rolle. Allein sind die kleinen Wesen aber nicht. Jedes hat ein helles Licht an seiner Seite. Wenn es erforderlich ist, kann dieses Licht jede beliebige Form annehmen. Seine Größe zu verändern oder auch die Gestalt eines Menschen oder Tieres anzunehmen, bereitet ihm keinerlei Schwierigkeiten.
Manchmal haben Menschen ein solches Licht in ihrer Nähe wahrgenommen. Sie nannten und nennen es immer noch E n g e l. "Sicher sehen sie wie unsere Weihnachtsengel aus", meint Laura aufgeregt.
"Das kann ich dir nicht sagen; im ersten Traum habe ich nur das Licht gesehen. Aber lass mich jetzt weiter erzählen: Du weißt doch, Traumbilder verschwinden sehr schnell!" erwidert Lucas
Also, die so genannten Engel kümmern sich besonders liebevoll um die Wesen, bei denen es sich um (die) Seelen handelt, wie du dir sicherlich vorstellen kannst..
Unter dem Baum Yggdrasil sprudeln drei Quellen. Die erste heißt Hwegelmir. Sie ist die Quelle des Urwerdens.
Die zweite wird Mimirs Brunnen genannt. Der Brunnen der Weisheit und des Wissens.
Die dritte Quelle trägt den Namen Urd und bedeutet Schicksal. Mit einem goldenen Becher holen die Engel jeden Morgen Wasser aus diesen Quellen - für ihre Schützlinge. Natürlich immer in der richtigen Mischung. Leider muss ich sagen: Fast immer. Genau wie bei den Menschen werden auch manches Mal von Engeln Fehler gemacht. Sie mischen den Morgentrunk nicht sonderlich gewissenhaft - oder schöpfen das Wasser aus n u r einer Quelle. So manch kleines Wesen, dass nur Wasser aus der Quelle Urd zu trinken bekam, hatte dann auf der Erde ein schweres Schicksal und sein Schutzengel reichlich Arbeit.
"Kann ich dich etwas fragen, Lucas?"
"Ja klar, vergiß deine Frage nicht. Ich muss mir erst 'mal etwas zu trinken holen, mein Mund ist vom Reden ganz ausgetrocknet." Als Lucas zurückkommt, reicht er Laura eine große Tasse mit heisser Schokolade.
"Danke, Lucas - aber jetzt verrate mir bitte, wie die kleinen Wesen zur Erde kommen, denn dort sollen sie doch wohl hin.." "Das ist ziemlich einfach", stellt Lucas fest...
Entsteht auf der Erde ein neues Menschenleben, löst sich ein Körbchen vom Baum und gleitet dann langsam durch das All zur Erde.
Aus der Quelle Hwegelmir steigt dann auch sofort ein neues Wesen im gläsernen Korb auf, um die leere Stelle zu besetzen. Selbstverständlich werden die kleinen Seelen nicht schutzlos auf die weite Reise geschickt: Sie werden von ihren Lichtern - also den Engeln - begleitet.
Beinahe jede Seele, die den Baum verlässt, kennt ihr Ziel auf der Erde. Manche will den gläsernen Baum daher gar nicht verlassen.. Einige der Wesen schlafen Iän als tausend Jahre. Sie bekommen dann nur noch aus der Quelle der W e i s- h e i t und des W i s s e n s zu trinken.
Daher gibt es immer wieder Menschen, die uns mit ihrem Ideenreichtum, ihren Erfindungen, ihren Anregungen und positiven Phantasien - und anderen Dingen mehr, Lebensfreude bereiten.

Der Bote
Mehr als tausend Jahre schläft die kleine Seele namens P a u l nun schon in ihrem Körbchen.
Es wird Zeit aufzuwachen. Der Seele Schutzengel, kein geringerer als M i m i r, streichelt ihr zärtlich die Wangen - bis sie die Augen öffnet.
"Aufwachen, kleiner Freund, du hast nun lange genug geschlafen!" Die kleine Seele streckt und reckt sich. Eigentlich möchte sie nicht wach werden. Sie träumt gerade so schön. Leicht benommen setzt sie sich in ihrem Körbchen auf, reibt sich die Augen und blinzelt Mimir an.
"Oh hallo Mimir, da bist du ja," lächelt Paul. "Ist etwas geschehen, warum weckst du mich?"
Du hast nun schon über tausend Jahre geträumt - h e u t e wird deine große Reise beginnen!"
"Wann geht es denn los; muss ich allein zur Erde reisen?" fragt Paul sehr aufgeregt und gleichermaßen ängstlich.
"Natürlich werde ich dich begleiten, ich werde stets in deiner Nähe sein. Lange müssen wir nicht mehr auf unsere Abreise warten. Seit einiger Zeit sehe ich ein starkes Licht mit großer Geschwindigkeit auf unseren Planeten zukommen
Es ist der Bote vom Glücklichen Planeten. Sobald er uns die Aufgabe deiner Erdenszeit mitgeteilt hat, können wir den gläsernen Baum verlassen." - "Da ist er schon!" sagt Mimir mit ehrfurchtsvoller Stimme, verbeugt sich tief und begrüßt die lichte Gestalt: " Willkommen auf unserem Planeten ..."
"Seid gegrüßt, Engel Mimir Ich habe eine Botschaft für die Seele mit dem Namen Paul. Ist sie schon aufgewacht und in der Lage, mir zuzuhören?"
Paul bringt vor Anspannung kein Wort heraus. Mit großen Augen starrt er den Boten an. 'Ich habe Mimir für schön gehalten' denkt er, Aber der Bote ist wohl der schönste Engel im All'.
Große, blaue, dichtbewimperte Augen - ein braunes ebenmäßiges Gesicht und langes, lockiges Silberhaar sehen schon sehr beeindruckend aus. Der Bote trägt ein goldenes Kleid aus Seide. Es ist über und über mit Diamanten bestickt.
Als Paul genau hinschaut, stellt er fest, dass die Stickerei die zwölf Sternzeichen darstellt.
"Ich bin es nur! Wach auf, Paul!" sagt der Engel freundlich. Er lächelt Paul an und schaut ihm dabei in die Augen. Dieses Lächeln dringt ganz tief in Pauls Seele. Er weiß nicht, dass es die Liebe ist, die ihm ein so gutes, wohliges Gefühl gibt.
Der Engel erkennt genau, dass Paul sehr angetan von ihm ist Er kann sich aber nicht lange aufhalten; er muss noch viele Botschaften überbringen. In seinen schönen Händen hält er eine Papyrrusrolle. Langsam entrollt er sie, liest mit angenehm tiefer Stimme den Text der Botschaft vor:
"Paul ist dazu ausersehen, d i e Liebe, die ihm in reichlichem Maße geschenkt wurde, in seinem Erdenleben weiterzugeben!"
Seine Erdzeitbegleiter darf Paul sich selber auswählen. Die Gabe, den Menschen ins Herz schauen zu können, wird ihm helfen, seine Mission zu erfüllen. Hat Paul auch nur wenige Erdlinge von der Liebe überzeugt, ist sein Auftrag ausgeführt
Nach seiner Zeit auf der Erde darf er dann auf dem leichten Weg zu der Unendlichkeit des glücklichen Planeten zurückkehren. "Es ist wirklich nicht einfach, aber du wirst deine Aufgabe meistern! Mimir wird im übrigen immer in deiner Nähe sein.
Hast du alles verstanden, Paul?"
Paul nickt dem schönen Engel zu, da er vor Aufregung immer noch kein Wort herausbringt.
Nun vernichtet der schöne Bote die Rolle; er zerreibt das Papier und tausend winzige Sternchen fliegen ins All.
Laura kuschelt sich noch dichter an ihren großen Bruder. "Sicherlich haben die kleinen Sterne wie die Silvesterraketen ausgesehen, die Papa für uns in die Luft gefeuert hat." glaubt sie. Bevor Lucas antworten kann, kommt Mama ins Zimmer: "Jetzt ist aber wirklich Bettzeit, auch für Sternengucker"
"Oooh, bitte Mama, ich möchte nur noch wissen, ob der kleine Paul endlich auf seine Reise geht. Es dauert doch wohl nicht mehr lange
- oder Lucas?"
Höchstens noch zehn Minuten, Mama. Ich bringe Laura dann auch ins Bett und achte darauf, dass sie sich die Zähne putzt." verspricht Lucas.
Die Mutter weiß, dass sie sich auf Lucas verlassen kann. Sie gibt den Kindern einen Gute-Nacht-Kuss und geht zum Vater ins Wohnzimmer.
"Achte gut auf Paul!" wendet sich der Engel an Mimir. Mit diesen Worten setzt Lucas seine Traumgeschichte fort.
"Gute Reise wünsche ich euch!" sagt der Bote und ist plötzlich verschwunden.
Paul und Mimir sehen seine lichte Gestalt nur noch in weiter Ferne und bedauern sein Verschwinden.
Mimir löst das Körbchen vom Zweig und bewegt es ruhig und sicher vom gläsernen Baum ins All. Die Reise beginnt...
"So, wir werden jetzt dein Bett ansteuern, Schwesterherz "Erzählst du mir morgen, wie es weitergeht?" fragt Laura schläfrig. Lucas verspricht es ihr gerne. Er liebt seine kleine Schwester sehr.
Die Reise
Mit beiden Händen hält Paul sich am Rand des Körbchens fest. "Mimir, sieh nur wie schön die Sterne leuchten - zum Greifen nah..." "Ja, schau dir nur alles an. Ich habe dies alles schon so oft gesehen, aber es macht auch mir immer wieder große Freude" antwortet Mimir und weist Paul auf die Sternzeichen hin. Er erklärt, dass die Srecke, auf der sie sich befinden Milchstrasse genannt wird. Milchstrassen werden auch Galaxien genannt.
Mimir befragt Paul, ob er mehr darüber erfahren möchte. Natürlich möchte er sehr gern mehr über die Sterne und das Weltall wissen. Er richtet sich gemütlich in seinem Körbchen ein und lauscht aufmerksam Mimirs Worten:
In den Galaxien gibt es etwa eine Billion Sterne. Von den Galaxien wiederum gibt es fast zehn Millionen im All. Wir sind jetzt auf einer davon. Diese Galaxie gehört zum Planeten Erde. Auch das für die Erde wichtige Sonnensystem ist Teil dieser Milchstraße Um sie herum, in einer inneren und äusseren Bahn kreisen kleinere Planeten. Zu ihnen zählt die Venus, von den Menschen A b e n d s t e r n genannt. Die Erde, zu der wir jetzt unterwegs sind, ist der drittnächste Planet zur Sonne - einhundertundneunundvierzig Mio. Kilometer von ihr entfernt
Nur noch die Sterne hören Mimir zu. Paul ist inzwischen eingeschlafen. Mit Zahlen und Systemen kann er noch nicht viel anfangen. In seiner Schulzeit muss und darf er sich später mit diesen Dingen auseinandersetzen.
Auch Mimir wird ein wenig müde. Viel Schlaf brauchen Engel nicht, es reichen ein paar Sekunden.
Doch jetzt hätte er beinahe einige Sekunden zu viel geruht. Das Zischen vorbeisausen der Metereoiten schreckt ihn auf. Mit Kraft und Geschick lenkt er das Körbchen durch diese Gefahr. Weder er, noch Paul, noch das Körbchen sind von den heißen Steinchen getroffen worden..
Paul hat diesen Beinahe-Unfall glücklicherweise verschlafen. Er wacht auf, als sich die Fahrt des Körbchens verlangsamt und Mimir einen Mini-Planeten ansteuert.
"Engel müssen wohl ganz schön stark sein", stellt Laura fest, die wieder mit Lucas in der Fensternische der Bibliothek sitzt. "Aber da Mimir noch etliche tausend Kilometer vor sich hat, ist eine Ruhepause auch für ihn wichtig, Laura. Kannst du dich noch an das dünne Buch erinnern, welches ich Dir vorgelesen habe, als du mit Grippe im Bett gelegen hast?"

Die Reise
"Meinst du die Geschichte von dem fremden Jungen, der in der Wüste einen Mann getroffen hat, Lucas?"
"Ja, genau diese Geschichte meine ich. Nur war das keine Phantasiegeschichte - der Mann hat diesen kleinen Kerl wirklich kennen gelernt. Papa hat erklärt, dieser Mann sei im letzten großen Krieg ein hervorragender Pilot gewesen. Das stimmt; er war aber ein noch besserer Schriftsteller. 1943 ist er mit seinem Aufklärungsflugzeug über einer Wüste abgeschossen worden. Tagelang wartete er auf seine Rettung. In dieser Zeit ist ihm der fremde Junge begegnet. Nach seiner Rettung hat er sehr bald von dieser Begegnung geschrieben. Die Menschen glaubten ihm aber nicht. Ja, dieser Antoine de Saint-Exupery, meinten sie, jetzt sei wohl die Phantasie mit ihm durchgegangen. Sie sagten das nicht unfreundlich, da sie seine Geschichten sehr mochten. Aus diesem Grunde werteten sie seinen Bericht über das Kind in der Wüste auch als Märchen." Lucas genehmigt sich eine kurze Sprechpause und sagt dann zu Laura: Eigentlich ist er gar kein richtiger Planet, nur ein Asteroid - auf dem der Engel Mimir sanft das gläserne Körbchen aufsetzt. Ein türkischer Astronom hat diesen Asteroiden vor Jahren entdeckt. Wegen seiner Winzigkeit hielt er ihn für sehr unbedeutend, hat ihn deshalb ohne viel Aufhebens mit der Bezeichnung B 612 in
eine Liste eingetragen und vergessen.
"Dürfen wir denn diesen Planeten betreten?" fragt Paul.
"Ich denke schon", erwidert Mimir, "während meines letzten Aufenthaltes habe ich hier niemanden angetroffen. Nur eine dunkelrote Rose unter einem Glassturz. Ich habe versucht mit ihr zu reden. Aber sie hat mich nicht wahrnehmen wollen. So konnte ich leider nichts über diese kleine Welt erfahren.
"Vielleicht ist ja heute jemand da" sagt Paul hoffnungsvoll und klettert vorsichtig aus seinem Körbchen.
Der einsame Junge
Zum ersten Male verlässt Paul sein Reisegefährt Das Gehen bereitet ihm aber keine Schwierigkeiten.
"Hier ist ein Loch in der Erde!" ruft er erstaunt.
"Das ist kein Loch, sondern der Krater eines erloschenen Vulkans", sagt eine helle, zarte Stimme plötzlich hinter ihm. Erschrocken dreht Paul sich um. Ein kleiner Junge, etwa in der Körpergröße eines Zehnjährigen, steht vor ihm
Der Junge hat ein blasses, aber hübsches Gesicht. Die hellblonden Haare sind ziemlich lang. Um den Hals hat er sich einen gelben Schal gewickelt. Sein grünes Gewand fällt bis zu seinen Füßen. Schuhe benötigt er wohl nicht. Der Boden des kleinen Planeten ist ziemlich warm.
"Ich habe euch zwar nicht eingeladen, heisse euch aber dennoch in meiner Welt herzlich willkommen", sagt er höflich. Freundlich gibt er Mimir und dann Paul seine Hand. Eine leichte Röte der Freude oder gar Aufregung überzieht sein blasses Gesicht. Mit einladender Geste bittet er die Fremden näher zu kommen. "Schaut euch nur alles an. Das ist meine kleine Welt, in der ich inzwischen sehr glücklich lebe."
Er zeigt ihnen seine beiden tätigen Vulkane: "Es ist sehr wichtig, sie jeden Tag zu kehren; dann brennen sie immer sanft und regelmäßig. Auch den erloschenen Vulkan fege ich immer gründlich aus - man weiß ja nie ... ", sagt er. Sein kleines Gesicht bekommt bei diesen Erklärungen einen wirklich wichtigen Ausdruck.
"Leider habe ich nur einen Stuhl, nehme jedoch an, dass du dich etwas ausruhen möchtest, Mimir!? Sicher erfordert es viel Kraft, so ein Körbchen durch das All zu manövrieren! Während ich mit Paul noch ein wenig herumgehe, kannst du dir die Sonnenuntergänge ansehen", schlägt er Mimir vor, der dankbar Platz genommen hat. "Wenn ich traurig bin, sehe ich mir gleich mehrere Sonnenuntergänge an. Dazu verrücke ich den Stuhl nur etwas - und schon sehe ich einen anderen Sonnenuntergang. Auf diese Weise habe ich an einem Tag schon mal dreiundvierzig betrachtet." "Dann warst du sicherlich sehr traurig an diesem Tag", vermutet Mimir. Der Junge erwidert nichts. Er hat immer noch nicht gelernt, auf Fragen und Mutmaßungen Erwachsener Antwort zu geben. Doch manches Mal, wenn die Frage längst vergessen ist, kommt die Antwort. Leider hört dann aber niemand mehr zu.
Erwachsene denken einfach nicht darüber nach, dass Kinder für ihre Antworten viel Zeit brauchen. Da Erwachsene nahezu immer in Zeitnot sind, haben sie für die langsame und auf Ehrlichkeit bedachte Denkweise der Kinder wenig Verständnis. Sie geben sich also mit dem zufrieden, was sie gerade hören.
Nur die Wahrheit fragt sich sehr häufig, weshalb man ihr überhaupt einen Namen gegeben hat...
Doch darüber wollte der Junge jetzt nicht grübeln. Hand in Hand geht er mit seinem neuen Freund Paul durch sein winziges Reich. "Welches Ziel hat deine Reise?"
"Ich bin auf dem Weg zum Planeten Erde. Dort habe ich eine wichtige Aufgabe zu erfüllen", antwortet Paul und etwas Stolz ist in seiner Stimme zu hören.
"Was soll denn deine ach so wichtige Aufgabe sein?" Paul spürt den leichten Spott in dieser Frage sehr wohl. Mit seiner Antwort lässt er sich dann auch viel Zeit.
"Na, sag' shon drängelt das Kind.
"Ich soll den Menschen die Liebe entgegenbringen", sagt Paul leise. "Oh, das ist wirklich keine leichte Sache!" Entschuldigend nimmt der einsame Junge Paul in den Arm und drückt ihn an sich.
"Aus ähnlichem Grunde war ich vor einiger Zeit auch auf der Erde. Aber ich bin vor meiner Liebe weggelaufen."
Vor der schönen Rose und dem Glassturz bleiben sie stehen. "Da siehst du sie, meine Liebe. Lange Zeit bin ich mit ihrer hochmütigen Art nicht zurecht gekommen. Ober ihre Worte habe ich mich oft geärgert, aber ihr Tun nicht verstanden. Oder einfach nicht wahrgenommen. Um Trost oder Freunde in einer anderen Welt zu finden, habe ich sie verlassen - und bin zu den Menschen gegangen. Doch die haben mich gar nicht beachtet. Ich bin lange durch die Welt gelaufen und ich habe nicht erlebt, dass irgendjemand für irgendwen etwas getan hat.
Heute weiß ich, dass meine Rose immer etwas für mich tut: Sie blüht das ganze Jahr nur für mich. Wir teilen uns gern die Freude, die sie uns damit bereitet." Der Junge schaut Paul freundlich an und spricht weiter: "In einem großen Sandmeer habe ich dann doch noch einen netten Menschen getroffen. In recht kurzer Zeit sind wir Freunde geworden. Er hat mir auch klargemacht, dass meine Rose mich liebt und ich zu ihr zurückkehren müsse.
Schau her, er hat für mich eine Kiste gemalt, in der ein Schaf lebt. Das Schaf frisst die Affenbrotbaumsprösslinge, die ich sonst jeden Tag ausziehen müsste."
Der Junge und Paul hören Mimir rufen.
Traurig umarmt der Junge seinen neuen Freund und wünscht ihm alles Glück der Welt für seinen Aufenthalt auf der Erde. Mimir bedankt sich für die Gastfreundschaft und erklärt, dass er gerne immer wieder Station auf dem kleinen Planeten machen werde.
Lange winkt Paul seinem Freund. Irgendwann sieht er nur noch den gelben Schal im Winde flattern.
Paul ist es nicht gewohnt, so lange wach zu sein. Bald schläft er ein. Er nimmt nicht wahr, dass die Fahrt zur Erde immer mehr Tempo bekommt. Er schläft tief und fest.

Die Landung
"Meinst du, er sieht seinen neuen Freund jemals wieder?" fragt Laura.
Es ist Nachmittag. Die Geschwister sitzen vor dem Kamin in der Bibliothek.
"Ich glaube schon", antwortet Lucas, "irgendwann möchte auch Paul zu dem glücklichen Planeten; da kommt er vielleicht wieder an dem kleinen Asteroiden vorbei!"
"He, ihr zwei, habt ihr Lust, mit mir in die Stadt zu fahren?" Mit diesen Worten öffnet Mama die Tür. "Ich habe einige Dinge zu erledigen und muss auch noch an meiner Schule vorbei - nach dem Rechten sehen. Ihr könntet euch doch in der Zeit die Schaufenster und die neue Weihnachtsbeleuchtung ansehen; sie soll in diesem Jahr sehr schön sein. Wir waren eigentlich schon lange nicht mehr zusammen unterwegs."
"Och Mama, tut mir leid, aber Lucas erzählt mir gerade eine so schöne Traumgeschichte und Papa hat auch extra für uns den Kamin angemacht - außerdem ist es heute so gemütlich hier. Draußen ist es mir sowieso zu kalt - dir doch auch Lucas, oder?!" "Na, das muss ja eine spannende Geschichte sein", sagt Mama lächelnd, "dann fahre ich, wenn ich alles erledigt habe noch zur Tante Andrea. Da seid ihr eh nicht so gerne."
"So gern ist nicht ganz richtig", meint Lucas, "Tante Andrea ist immer so langweilig, und in ihrer Wohnung darf man sich kaum bewegen. Sie hat Angst, wir könnten etwas kaputt machen. Aus diesem Alter sind wir doch längst raus. Das hat sie noch gar nicht bemerkt, glaube Ich."
"Im Gegenteil, s i e steckt immer noch drin", kichert Laura. "Na, na Schätzchen", schmunzelt Mama, "sag' so etwas aber nie, wenn ihr doch 'mal wieder einen Besuch bei ihr machen möchtet!" "Also bist du nicht böse, dass wir hier bleiben wollen?" Lucas schaut seine Mutter fragend an.
"Ist schon in Ordnung, ich freue mich ja, dass ihr zwei es hier so gemütlich habt. Die Packung Domino-Steine kommt euch sicher gerade recht. Ich habe sie auf den Tisch gelegt."
"Ja klar, danke, Mama." Lucas lächelt Mama an. Dabei stellt er fest, dass er das immer wieder gerne tut. Mama sieht so hübsch aus mit ihren großen blauen Augen - Sternengefunkel wie Papa oft sagt. Die dicken roten Haare trägt sie immer noch zu einem Pferdeschwanz gebunden - genau wie Laura. Eigentlich sehen Mama und Laura gleich aus, fast wie Zwillinge, nur Zeit versetzt.
"Tschüss, ihr Träumer, bis heute Abend! Denk' an deine Schachpartie mit Opa, Lucas."
Laura kuschelt sich wieder an Lucas, nimmt sich einen Domino-Stein und schaut ihren Bruder erwartungsvoll an
"Heute werden Mimir und Paul die Erde erreichen", beginnt Lucas:
Es sind nur wenige Kilometer, die sie von der Erde trennen, als plötzlich, ein eisiger und kalter Wind aufkommt.
Durch das Brausen und die Kälte wird Paul aus seinen Träumen gerissen. "Was ist los, Mimir?" fragt er erschrocken. "Wir haben unser Ziel fast erreicht, müssen aber noch ein Hindernis überwinden. Leicht wird es nicht, aber wir beide schaffen das schon!" sagt Mimir zuversichtlich.
Zwischen all den funkelnden Sternen ist ein großer schwarzer Fleck zu sehen. Mimir macht Paul darauf aufmerksam. Dort, auf dem schwarzen Planeten ist das Böse zu Hause, erklärt er dem etwas ängstlich schauenden Paul. Die bösen Geister, die diesen Planeten beherrschen, versuchen jede Seele, die zur Erde will, für sich zu gewinnen. Zuerst wollen sie es mit Gewalt. Sie schicken den kräftigen, eisigen Wind. Der soll uns zu ihrem Planeten treiben. Dieses wird ihnen aber nicht gelingen. Ich kann sehr gut gegensteuern. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich eine solche Schwierigkeit während einer Reise erlebe. Kann der Wind nichts ausrichten, gaukeln sie uns wunderschöne Bilder von ihrem Planeten vor - hauptsächlich dir, Paul! Davon darfst du dich aber nicht beeindrucken lassen, a u c h n i c h t von den glockenreinen Stimmen, die eine fast himmlische Musik begleitet.
Es ist alles nur Schein.. Haben sie dich in ihren Fängen, kann ich dir nicht mehr helfen. Du bist verloren. Deine Botschaft tauschen sie durch eine andere aus. Du musst für sie das Böse auf die Erde bringen - und wirst ewig ihr Sklave sein...
"Wie kann ich mich denn gegen den Angriff der bösen Geister schützen?" fragt Paul aufgeregt.
"Schließe die Augen und halte dir fest die Ohren zu. Versuche dich mit aller Kraft auf deine Botschaft zu konzentrieren; denke an nichts anderes!"
Der kalte Wind dreht sich, wird zu einem starken Sog. Langsam aber sicher treibt das Körbchen in Richtung s c h w a r z e r P l a n e t. Paul hält sich genau an Mimirs Rat. Er hört und sieht nichts, spürt aber, mit welch großer Kraft Mimir gegen den Sturm ankämpfen muss. Nach unendlicher Zeit, so scheint es Paul, fühlt er Mimirs Hand auf seiner Schulter. Paul öffnet die Augen und nimmt die Hände von den Ohren.
"Wir haben es geschafft, Mimir!" ruft er glücklich.
"Ja, kleiner Freund, es hat wieder einmal geklappt!" freut sich auch Mimir. "Jetzt dauert es nicht mehr lange, bald haben wir unser Ziel erreicht."
"ist dir schon 'mal eine Seele verloren gegangen, Mimir?" "Mir ist das noch nicht passiert, aber einigen Schwestern und Brüdern der Schutzengelgemeinschaft."
"Sind sie deswegen bestraft worden?"
"Nein, Paul, natürlich nicht! Sie haben ein ganzes Menschenleben lang versucht, diese Seele für das Gute zurück zu gewinnen. Einige haben es sogar geschafft. Doch diejenigen, die nicht so erfolgreich waren, haben für einige tausend Jahre keine Seele mehr auf ihrer Reise begleiten können."
Nachdenklich schaut Paul seinen Enge 'an: "Warum ist das Gute so weit von der Erde entfernt und das B . ihr so nah. Kannst du mir das erklären, Mimir?"
"Darüber habe ich auch schon oft nachgedacht. Leider kann ich dir diese Frage nicht beantworten, obwohl mein Name Mimir ist. Durch meine Erfahrungen, die ich während meiner Erdzeitbegleitungen gemacht habe, weiß ich, das Böse hat es immer einfacher und bequemer bei den Menschen als das Gute."
"Aber jetzt, da wir dagegen gekämpft und gesiegt haben, kann mich das Böse nicht mehr einfangen, Mimir, oder...?"
"Nein, jetzt nicht mehr. Du hast in diesem Kampf dein Gewissen bekommen. Es wird dich durch deine Erdenzeit begleiten und vor dem Bösen schützen. - Nun halte dich fest, kleiner Freund, wir landen in wenigen Augenblicken: Dort, wo die vielen Lichter scheinen - in der großen Stadt am Fluß."
Es ist Nacht, aber in der Stadt herrscht reges Treiben. Paul kommt aus dem Staunen nicht heraus.
Mit seinen Antworten kann Mimir den schnell sprudelnden Fragen Pauls gar nicht nachkommen.
"In deiner Erdenszeit wirst du dieses alles leben und begreifen lernen", unterbricht er den Fragefluß Pauls, "du darfst bitte nicht ungeduldig werden. Komm wir suchen einen Platz, an dem wir das Körbchen unterstellen - und uns ausruhen können!"
Nach nur kurzer Zeit finden sie in einer stillen Straße ein altes leer stehendes Häuschen.
"Hier bleiben wir in deiner ersten Nacht auf der Erde!" bestimmt Mimir. Paul ist einverstanden.

Der erste Erdentag
Gut ausgeschlafen erwacht Paul an seinem ersten Morgen auf der Erde. Er ist angespannt und voller Tatendrang.
"Gehen wir jetzt los, meine Erdzeitbegleiter suchen?" fragt er. "Damit lassen wir uns noch Zeit", antwortet Mimir, "zunächst sollst du das Leben auf der Erde etwas besser kennen lernen. Gefällt es dir überhaupt nicht, dürfen wir jeder Zeit zum g l ä s e r n e n Planeten zurück."
"Oh nein, nochmals tausend Jahre Schlaf halte ich bestimmt nicht aus. Ich möchte j e t z t die Erdzeit erleben, egal was auch geschieht!"
Er klettert aus seinem Körbchen und nimmt Mimirs Hand. "Gehen oder schweben wir? Was ist für dich einfacher, Mimir?" "Gehen, schweben oder fliegen ist für Engel nicht schwer. Ich meine aber, wir sollten gleich heute mit dem Laufen beginnen. Es ist eine gute Übung für dein Erdzeitleben."
"Können die Menschen Paul und Mimir sehen?" fragt Laura neugierig. "Eigentlich sind Engel unsichtbar. Aber sie können sich zu jeder Zeit sichtbar machen, wenn es sein soll. Der kleine Paul hat noch keinen festen Körper. Er sieht wie eine winzige, filigrane und doch schon menschliche Gestalt aus", erläutert Lucas seiner Schwester. "Sensible Menschen spüren manchmal sehr deutlich, sobald sich solche Lichtgestalten in ihrer Nähe aufhalten." "Hast du schon 'mal einen Engel gesehen, Lucas?"
"Bisher noch nicht - aber häufig von Engeln geträumt. Ich denke, sogar Mimir im Traum gesehen zu haben. Doch wenn ich aufwache, weiß ich leider nie, wie er aussieht."
Deshalb hast du ihn mir noch nicht beschrieben. Vielleicht fällt dir ja irgendwann wieder sein Aussehen ein; dann kannst du mir sicher erzählen, wie seine Gestalt und sein Gesicht aussehen", antwortet Laura.
"Die Domino-Steine schmecken dir aber bestens! Meinst du, ich darf auch einen?"
"Oh, tut mir leid, Lucas, ich habe gar nicht bemerkt, dass sie fast alle weg sind", entschuldigt sich Laura. "Hier - die zwei letzten sind für dich!"
Mit ihrem Schokolade verschmierten Mund, den roten Bäckchen - und den um Verzeihung bittenden Sternen Funkelaugen sieht Laura so niedlich aus, dass Lucas sie schnell 'mal zärtlich drücken muss.
Das kleine Haus, erzählt Lucas dann weiter, steht weit vor der Stadt. Es ist noch früh und wenig Bewegung auf der Straße. Doch je näher sie auf die Stadt zu kommen, um so lebhafter wird der Morgen. Paul staunt und staunt. Mimir kommt den vielen Fragen Pauls gar nicht nach. Gut, dass er solch ein ruhiger, gelassener Engel ist.
An der ersten S-Bahn-Haltestelle bleiben sie stehen. "Dürfen wir damit auch fahren?" Aufgedreht zeigt Paul auf die gerade anhaltende Bahn.
"Ja natürlich, uns sieht doch niemand!"
Die Türen des Waggons öffnen sich. Schnell steigen Paul und Mimir ein. "Die rast tatsächlich schneller als mein Körbchen!" ruft Paul voller Begeisterung. Voller Spannung rutscht er auf seinem Platz hin und her. Langsam gewöhnt er sich aber an das Fahren in der S-Bahn. Mit großem Interesse schaut er sich im Waggon um. Er sieht sich die anderen Fahrgäste an. Vielleicht ist einer darunter, der für ihn wichtig sein könnte.
Er bemerkt einen gut gekleideten Herrn, der in die Morgenzeitung vertieft ist. Der Mann ist groß und schlank. Es ist erkennbar, dass er viel für seinen Körper tut. Er hat sehr kräftige Arme. Die starken Muskeln kann Paul sogar durch den Stoff der Anzugjacke erkennen. Zwei Reihen hinter dem Muskelmann sitzen ein Mann und eine Frau. Beide haben sehr schwarzes Haar und dunkle Hautfarbe. Sie halten sich an den Händen.
Manchmal guckt sich die Frau ängstlich um. Dann flüstert der Mann ihr etwas zu und sie sieht wieder einigermaßen beruhigt und zufrieden aus.
In der nächsten Reihe sitzen zwei Frauen, die sich wohl ziemlich viel zu erzählen haben. Das erkennt Paul an den nicht zur Ruhe kommenden Mündern der beiden Damen.
Es sind wirklich noch nicht viele Menschen an diesem frühen Morgen unterwegs, denkt Paul.
In der letzten Reihe, auf einer breiten Bank, sitzt ganz für sich ein schlecht angezogener Mann. Der Stoppelbart und die Zahnstumpen im leicht geöffneten Mund und die schmutzige Kleidung wirken recht abstoßend. Auch sein Haar ist schmutzig und ungekämmt. Dennoch lehnt der Mann seinen Kopf an den Sitz.
Er ist wohl sehr müde, denkt Paul. Wenn er nicht aufpasst, fällt ihm gleich die Flasche mit der klaren Flüssigkeit aus der Hand. Einige Plätze weiter sitzt noch eine ältere Dame.
"Die ist aber nett anzusehen", sagt Paul zu Mimir. Die ältere Dame heißt Frau Böhme. Sie neigt zur Rundlichkeit, ist aber sauber und adrett angezogen. Ihr dichtes graues Haar hat sie zu einem Knoten
gebunden. Jeden Morgen fährt sie mit der S-Bahn zu ihrem Kiosk, der sich in der Nähe des Hauptbahnhofs befindet.
Nach etwa 10 Minuten Fahrt stoppt die S-Bahn an der nächsten Haltestelle. Wieder öffnen sich die Türen automatisch. Eine Gruppe junger Männer steigt ein. Auf den ersten Blick könnte man sie für Vierlinge halten. Sie tragen ihr Haar sehr kurz geschoren. Die schwarzen Bomberjacken und hoch gekrempelte Jeans bis zum Rand schwerer Springerstiefel mit weißen Schnürbändern - und der dicke Schlagstock in den Händen geben ihnen ein gefährliches, aber auch uniformiertes Aussehen.
Ohne Rücksicht auf die anderen Fahrgäste unterhalten sie sich sehr laut über ihre Erlebnisse der gerade vergangenen Nacht.
Ihr Reden macht Paul und den anderen Fahrgästen Angst. Es klingt prahlerisch - auch ziemlich bösartig.
Das junge Paar mit den schwarzen Haaren wird ganz klein auf seinem Sitz. Die beiden unaufhörlich schwatzenden Frauen sind plötzlich still. Der sportliche Herr in dem feinen Anzug senkt seine Zeitung, wirft einen knappen Blick auf die jungen Leute, zieht arrogant eine Augenbraue hoch und liest anscheinend unbeeindruckt weiter.
Der Penner in der letzten Bank stiert die Jugendlichen mit trüben Augen an. Er bekommt vor Aufregung einen heftigen Schluck-Auf. Diese Typen kennt er. Sie haben ihm einmal, auf dem Weg zu seinem Nachtquartier unter der Brücke, aufgelauert - einen Parasiten genannt und furchtbar zusammengeschlagen. Er hofft, dass sie ihn n i c h t wieder erkennen. Auch er versucht sich winzig, möglichst unsichtbar zu machen.
Nur die ältere Dame nicht. In aller Ruhe strickt sie an ihrem Pullover weiter.
Das Reden der Burschen klingt immer aggressiver. In der letzten Nacht haben sie bei einer Prügelei im Hafenviertel ordentlich einstecken müssen. Sie haben sich in Rage gebracht, suchen nun nach einem Opfer, an dem sie ihre Schmach abreagieren können. Suchend schaut sich einer von ihnen um. Natürlich hat er sofort das junge Paar mit der dunklen Hautfarbe entdeckt.
"Ach nee, wieder sonn Ausländerpack", ruft er. Langsam - seinen Schlagstock mit der rechten immer kurz in die linke Hand schlagend
- geht er auf das ängstliche junge Paar zu.
"Steht 'maI ganz schnell auf, ihr Zwei, sonst muss ich euch Beine machen!!" droht er lautstark. "Es reicht euch wohl nicht, uns die Arbeit und die guten Wohnungen weg7"nehmen - nein - ‚ jetzt müssen es auch noch die Plätze in der S-Bahn sein!!"
"Aber es sind doch noch so viele Plätze frei." antwortet der dunkle Mann mit zitternder Stimme.
"Habt ihr das gehört? Der wird doch tatsächlich auch noch frech!!" brüllt der Junge seinen Freunden zu. "Dem müssen wir erst maI ein ordentliches Benehmen beibringen!!"
Seine drei Gefährten bauen sich nun ebenfalls vor dem angespannten Paar auf.
"ihr seid nur geduldete Gäste in unserem Land!" sagt Lolly, der Anführer der Gang. Leicht schlägt er mit dem Schlagstock auf die linke Schulter des Mannes.
"Bitte Mimir, tu etwas, diese Menschen sind böse. Ich habe in ihre Herzen gesehen, sie sind fast schwarz!"
"Keine Sorge, kleiner Freund, gleich gibt es Hilfe", beruhigt Mimir seinen Schützling.
Der schmutzige alte Mann und die schwatzenden Damen verhalten sich still. Der durchtrainierte Herr zieht die Zeitung ein wenig höher vor die Augen. Diese Sache interessiert ihn nicht:
Diese Leute hat niemand gezwungen, in unserem Land zu leben. Wären sie in ihrer Heimat geblieben, hätten sie diese Probleme nicht. Somit ist der Fall für den Herrn erledigt!
Für die nette Frau Böhme ist die Angelegenheit ganz und gar nicht erledigt. Bedächtig legt sie ihr Strickzeug zur Seite, steht langsam auf und greift nach ihrer großen Handtasche. Zielstrebig steuert sie auf die gereizten und immer nervöser werdenden Jungen zu. "Mensch, L o l l y, was erzählst du denn da... ", fragt sie entrüstet. Sie kennt Lolly schon seit seiner Kinderwagenzeit.
"Dir hat doch bis heute noch niemand die Arbeit wegnehmen können! Du willst ja gar nicht arbeiten! Bis jetzt hast du auf Kosten deiner Eltern - und von kleineren Diebstählen gelebt. Dein Benehmen lässt hier zu wünschen übrig, - lass bloß die armen Leute in Ruhe! Sie haben dir nichts getan oder weggenommen!" Beschwichtigend sieht sie Lolly an. Doch der will echten Ärger: "Komm Alte, schleich dich, von solchen Dingen verstehst du nichts!!" Grob stößt er die alte Dame zurück. Jetzt r e i c h t es, denkt Frau Böhme.
Wut entbrannt haut sie Lolly mit erstaunlicher Kraft die große Tasche um die Ohren. Die vor Schreck leicht blöde grinsenden Kumpel werden die Begegnung zwischen Handtasche und Ohren sicher nicht so schnell vergessen. Schützend halten sie die Hände vor ihr Gesicht. Sich gegenseitig fast umstoßend versuchen sie, im Rückwärtsgang die Ausgangstür zu erreichen.
"Davon verstehe ich wirklich nichts!" schnauzt die ältere Dame. "Aber was mit euch los ist, weiß ich sehr genau; habt ihr vergessen, wie oft ihr in meinem Kiosk ein wenig Geborgenheit gesucht - und auch gefunden habt.. Etliche Male, wenn eure Eltern wieder nicht zu Hause waren, habe ich euch die Tränen -ja, sogar den Schnott aus dem Gesicht gewischt.
Ich hatte immer Zeit für Euch. Ob es gerade passte oder auch nicht. Nun muss ich leider feststellen, dass es mir wohl nicht gelungen ist, euch etwas Anstand oder gar Toleranz zu vermitteln...!" Traurig klingt ihre Stimme als sie die Jungen so zurechtstutzt.
Ein Glück, dass die Bahn in diesem Augenblick anhält. Schnell springen die vier Grobiane aus dem Wagen. Eine so aufgebrachte Frau Böhme hatten sie noch nie erlebt. Sie haben richtige Angst vor ihr. Das sollen sie auch, denkt die couragierte Frau. Sie atmet einmal tief durch, geht zu ihrem Platz und strickt weiter als sei nichts geschehen.
"Danke, viel danke, ehrwürdige Dame." So verbeugt sich der junge Ausländer vor ihr. "Keine Ursache, mein Freund. Ich denke, du hättest mir in deinem Land auch aus der Patsche geholfen!" wehrt sie freundlich ab. Sie glaubt, trotz des eben Erlebten, unerschütterlich an das Gute im Menschen. An der nächsten Haltestelle steigt sie aus.
Auch Paul und Mimir verlassen die Bahn. Sie haben ihr heutiges Ziel
- den Hauptbahnhof- erreicht.

Paul sieht!
Mimir lässt Pauls Hand nicht los. Es ist so viel Betrieb in dem Bahnhofsgebäude. Eine gute halbe Stunde sehen sie den ankommenden und abfahrenden Zügen zu. Viele Menschen steigen ein und aus. Einige Leute sehen sehr verschlafen aus, andere eher mürrisch. Der verkniffene Gesichtsausdruck wird sie wohl den ganzen Tag begleiten. Paul sieht viele Augen ohne Leben. Aber hin und wieder tauchen auch ein paar fröhliche Gesichter in der Menge auf. Er sieht zwei große und zwei kleine Erdmenschen. Inzwischen weiß Paul, dass die großen Menschen Eltern oder Vater und Mutter genannt werden. Die kleinen Menschen nennt man Kinder. Alle zusammen sind dann eine Familie, hat Mimir ihm erklärt. Diese Familie geht zielstrebig auf einen wartenden Zug zu. Der Vater schleppt zwei schwere Koffer. Die Kinder tragen Rucksäcke. Die Mutter trägt schwer an einer riesigen Reisetasche Der Zug fährt von Hamburg nach Salzburg...
"Endlich!" seufzt der Vater und stellt die Koffer in den Zug. "Wir wollten doch gar nicht so viel mitnehmen. Ich bin mir sicher, dass wir nure in e Woche Urlaub in Österreich verbringen wollen - nicht die Weltreise, von der wir oftmals träumen", sagt er mit einem lustigen Augenzwinkern.
Wenn er lächelt, vertiefen sich die Augenfältchen. Das macht ihn noch viel netter, denkt Paul.
Die Mädchen fangen an zu kichern. Sie befinden sich gerade im Kicheralter - können also nicht anders. "Es sind fast nur Mamas Sachen, sie will im Urlaub jeden Tag chic sein", rufen sie übermütig. "Ja, ja Frauen und Koffer sind und waren schon immer ein gewaltiges Rätsel. Bisher hat es auch niemand lösen können. Da ich Urlaub habe, werde ich ganz bestimmt nicht nach der Lösung suchen. Es ist einfacher das Gepäck von A nach B zu tragen!" erklärt der Vater seinen Mädchen. " Bitte jetzt einsteigen, meine lieben Damen, sonst fährt der Zug noch ohne uns nach Salzburg."
"Dieser Vater ist recht stolz auf seine Damen, nicht wahr, Mimir?" "Ja stimmt. Kann er auch sein. Die Mutter mit ihren großen, dunklen Augen und dem lockigen Haar ist sehr hübsch - aber ihr Lächeln ist das Schönste an ihr", antwortet Mimir.
Die Mädchen verwirren Paul durch ihr gleiches Aussehen. Ihr dunkles, lockiges Haar haben sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Der dichte Pony ist gerade geschnitten, lässt aber den Augenbrauen noch Platz. Er unterstreicht sehr vorteilhaft den Kontrast von Augen und Haarfarbe.
Die blauen - stets lustig funkelnden Augen - haben sie vom Vater. Auf der winzigen Stupsnase hat jedes Kind exakt, in gerader Linie, sechs Sommersprossen.
"Solche Menschen nennt man Zwillinge' stellt Mimir fest. "Diese hier sind besonders niedlich. Ihre Eltern werden immer Freude an ihnen haben."
"Ich weiß, Mimir, ich habe nur Gutes in ihren Herzen gesehen." Der Zug rollt langsam aus dem Bahnhof. Die Zwillinge lehnen sich aus dem Fenster und winken in die Menschenmenge. Kaum jemand winkt zurück. Sie können leider nicht sehen, dass P a u l ihnen nachwinkt.
"Wie werden m e i n e Eltern sein?" fragt Paul.
"Das weiß ich nicht. Aber wenn du sie gefunden hast, sind es auch die richtigen. Du wirst es sofort wissen", versichert ihm Mimir. "Laß uns jetzt in die Bahnhofshalle gehen. Dort lernst du noch viel mehr Menschen kennen!"
Paul schaut und schaut. Vieles, von dem was er sieht, gefällt ihm nicht.
Verwahrlost aussehende Kinder mit harten Gesichtern und kalten Augen halten sich in Ecken und Nischen auf.
Zwei kleine Jungen rempeln einen älteren Herrn an Der schimpft laut über die unerzogene Jugend, merkt aber nicht, dass ihm jetzt seine Brieftasche fehlt. Schnell verschwinden die Jungen in der Menschenmasse...
Ein wenig später sieht Paul die beiden wieder; sie liefern die Brieftasche bei einem nicht gerade freundlich aussehenden Erwachsenen ab.
Ein Herr in mittleren Jahren gesellt sich zu der Gruppe Mädchen. Eine Weile spricht er mit ihnen. Dann steht eines der Mädchen auf und geht mit dem Mann zum Bahnhofsausgang.
Nach einer halben Stunde ist das Kind wieder zurück. Die Gesichtszüge scheinen jetzt noch härter, die Augen wirken fast eisig. Doch mit einem breiten Grinsen schwenkt es einen Geldschein: "Auf, auf, meine Damen, ich lade euch zu einem kleinen Schüsschen ein!!" "Echt dufte, Rosi!" freuen sich die anderen Mädchen. Schnell sind sie im Bahnhofsgetümmel verschwunden.
"Haben diese Kinder keine Eltern?" fragt Paul. "Wieso kümmert sich keiner um sie?"
"Wir nennen sie die verlorenen Kinder. Sie haben in ihrem kurzen Leben leider nie Liebe oder Geborgenheit erfahren. Ihre Gruppe, in der sie sich zusammengefunden haben, nennen sie jetzt i h r e F a m i l i e. Sie versuchen, sich selbst die Liebe und den Schutz zu geben; Dinge, die ihnen keiner entgegenbringt", tröstet Mimir seinen Schützling.
Immer wieder sieht Paul Männer und auch Frauen, die dem Mann mit der Flasche ähneln. Einige schieben alte Einkaufswagen, andere schleppen große Tüten, in denen sich ihr ganzer Besitz befindet. Aber - Gott sei Dank - sieht Paul auch viele freundliche Menschen. Die Schulklasse mit den fröhlich plappern den Kindern und den leicht genervten Lehrern möchte er sehr gern in die Ferien begleiten. Am Ausgang de Gebäudes hat eine Blumenfrau ihren Stand aufgebaut. Paul ist entzückt von der Arten - und Farbenvielfalt. Davon werde ich meinem neuen Freund auf dem Asteroiden B 612 erzählen - nimmt er sich vor.
Die Stadt mit ihren riesigen Häusern, den vielen Geschäften, dem brausenden Verkehr und den sich immer in Eile befindenden Menschen beängstigt und beeindruckt Paul zugleich. "Die Menschen haben es alle so eilig, Mimir. Wenn sie alle so rennen, sehen sie doch nichts. Schau 'mal, keiner hat diese hübsche Taube bemerkt." Er hockt sich hin und "streichelt" der Taube vorsichtig über das Gefieder: "Ach, den Menschen sind wir nur lästig!" gurrt der Vogel. "Sie nennen und die Ratten der Luft! Hast du schon einmal eine Ratte gesehen, kleiner Mann?" "Nein, leider noch nicht - ich bin erst einen Tag auf der Erde", entschuldigt sich Paul.
"Na, dann kannst du auch nicht wissen, wie beleidigend dieser Vergleich für uns ist. Aber du darfst mich gerne noch etwas streicheln, mir gefällt das sehr. Gestern habe ich den ersten Preis im Schönheitswettbewerb gewonnen", erzählt die niedliche, freundliche Taube. "Ich will nicht eingebildet sein, aber ein so schönes Gefieder wie ich es habe - das sieht man nicht jeden Tag. Fast schneeweiß, mit braunen Flügeln! Meine Mitbewerberinnen waren ganz schön neidisch." "Ja, du bist wirklich sehr hübsch. Was für einen Preis hast du denn bekommen?" will Paul wissen.
"Eine große Scheibe Brot hatten die Herren der Jury besorgt. So etwas hatte ich schon lange Zeit nicht mehr - war 'ne echte Abwechslung. Normalerweise lebe ich von den Abfällen der Würstchenbude dort hinten. Oft sind sie viel zu fett. Verstehe eigentlich nicht, aus welchem Grunde tagtäglich so viele Menschen sich dort ihr Essen kaufen. So richtig scheint es ihnen auch nicht zu
schmecken, sonst würden sie nicht so vieles davon auf den Boden werfen, sagt mein Freund. Doch uns kann das nur recht sein. Unser Tisch ist immer gedeckt. In der letzten Zeit kommen immer mehr Tauben in die Stadt. Manches Mal muss ich mich beeilen, noch ein paar Brocken abzubekommen.
Jetzt muss ich euch leider verlassen - ich habe eine Verabredung! Danke für die Komplimente und die "Streicheleinheiten". Vielleicht sehen wir uns irgendwann einmal wieder.. Ciao, und viel Glück für deine Erdzeit !!"
Liebevoll stupst die Taube Paul an die Nase und fliegt davon. "Wie heißt du eigentlich?" ruft Paul. Aber die schöne Taube hört ihn nicht mehr..
"Für heute hast du genug gesehen, Paul, laß uns zum Häuschen gehen. Dort werden wir uns ausruhen und Kraft für deinen nächsten Erdentag sammeln", sagt Mimir.
Verständnisvoll lächelnd nimmt Mimir Paul auf den Arm; langsam schweben sie über die große Stadt zu ihrem Nachtquartier..
"Ich bin auch etwas müde, Laura, Geschichten zu erzählen ist manchmal anstrengend, obwohl es mir Freude macht." "Als du von dem Würstchenstand erzählt hast, bin ich sehr hungrig geworden, Lucas. Ich gehe jetzt zur Martha in die Küche. Mal sehen, was sie zum Abendbrot vorbereitet..
Danke für den schönen Nachmittag, Lucas! Erzählst du mir morgen, wie es mit Paul weiter geht?"
"Ja klar, Laura! Jetzt gehe ich erst 'mal nach oben: Schach spielen. Opa wartet sicherlich schon."

Im Zimmer des alten Mannes
"Lucas, wer hat gestern die Schachpartie gewonnen?" möchte Laura wissen. Es ist Freitagabend, fast 20.00 Uhr. Die Geschwister sitzen in den Fensternischen der Bibliothek und schauen den wirbelnden, dicken Schneeflocken zu.
"Es sieht aus, als wollten die Schneeflocken die dunkle Nacht hell machen - stimmts, Lucas?"
"Ja, sieht so aus. Wäre jetzt Vollmond könnte es ihnen auch gelingen... Die Partie hat Opa gewonnen, um deine Frage zu beantworten."
"Weil du es wolltest - oder weil Opa wirklich gut war?" Ein belustigtes Lächeln huscht über Lauras Gesicht. Sie kennt ihren Bruder schon fast sechs Jahre und weiß, wie gern er anderen Menschen Freude bereitet.
"Na ja, Opa war echt gut - vielleicht weil ich es ein wenig wollte", räumt Lucas ein.
"Gestern Abend war es wieder einmal sehr gemütlich, nicht wahr, Lucas?"
Papa und Mama kamen pünktlich zum Abendessen aus der Stadt zurück Kaum zu glauben, dass Papa so früh zu Hause sein konnte. Heute müsste der Verlag 'mal ohne ihn fertig werden, hatte er Laura und Lucas erklärt. Ab und zu wolle er seine Kinder auch im Wachzustand, nicht immer nur schlafend im Bett liegend, sehen. Er hatte neues Holz im Kamin aufgeschichtet - und bald brannte wieder ein schönes Feuer.
Wie stets hatte Laura beim Monopoly gewonnen. Anschließend haben sie noch "Ich denke an einen bestimmten Menschen..." gespielt. Irgendwann ist Laura auf der Couch eingeschlafen. Lucas hat sich noch lange mit seinen Eltern unterhalten. Sie haben auch über den kommenden 4. Advent-Sonntag gesprochen. Seit Lucas zur Schule geht, darf er zu diesem Tag Freunde aus seiner Klasse einladen. Da Lucas keinen der Mitschüler ausschließen will, kommt eben die ganze Klasse.
Es ist schon merkwürdig, während dieser Feier gab es nie Streit, hat Mama überlegt. Die größten Rüpel aus der Klasse waren handzahm. Niemand meckerte über die "altmodischen Spiele"; keiner wollte fernsehen oder am Computer spielen. Selbst die k l e i n e Laura wurde akzeptiert. Die älteren Mädchen spielten gern mit ihr. "Das liegt sicher an Lucas' netter Art, er kann wirklich prima mit anderen Menschen umgehen", sagte Mama später zu Papa.
"Ja, ich denke auch, dass unser Lucas ein ganz besonderes Kind ist. Erklären kann ich dieses Denken nicht. Ist dir schon mal aufgefallen, dass dieser Junge uns bis heute noch nie Ärger gemacht hat?!"
Hand in Hand - sich glücklich anlächelnd - sind die Eltern auch nach oben und ins Bett gegangen. Vorher hatten sie Lucas noch eine Gute Nacht gewünscht.
"He, Lucas, bist du jetzt fertig mit dem Nachdenken?" fragt Laura leicht ungeduldig.
"Es geht ja schon los, du kleiner Naseweiß..." verspricht Lucas.
Da Pauls Beinchen immer noch ein wenig müde sind, beschließen er und Mimir, heute das gläserne Körbchen mitzunehmen. "Die Stadt ist so riesengroß!" ruft Paul, als so dahin schweben. "Es wohnen so viele Menschen dort, wie soll ich da die r i c h t i g e n finden?" "Das wirst du! Wahrscheinlich musst du gar nicht suchen. Ich habe dir doch gesagt, du wirst sie erkennen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist", tröstet Mimir.
Während des Vormittags schauen die beiden in viele Häuser und Wohnungen. Paul sieht sich das Leben vieler Familien an. In manchen geht es sehr friedlich zu. Aber überwiegend erlebt er Hektik, Streit, Unverständnis - und eine furchtbar kalte Gleichgültigkeit.
Es ist fast Abend als Paul und Mimir in einem kleinen Zimmer eines ansonsten recht großen Hauses stehen. Ein schmales Bett, ein Nachtschränkchen und ein zweitüriger Kleiderschrank sind die einzigen Möbel in diesem Raum. Die schmucklosen Wände und der kalte Linoleum-Boden lassen das Zimmer wie eine karge Zelle aussehen.
Die Lampe auf dem Nachttisch wirft ihr mattes Licht auf das Ges des alten Mannes, der in dem schmalen Bett liegt. Deutlich zeichn sich seine hagere große Gestalt unter der dünnen Decke ab. Der Mann schläft einen leichten Schlaf. Seine abgezehrten Hände bewegen sich unruhig über der Decke hin und her.
Er liegt auf dem Rücken, mit halboffenem Mund. Sein leises Schnarchen lässt seine Lippen zittern - wie die letzten, welken Blätter der Bäume im Herbstwind. Seine eingefallenen Wangen betonen die kräftige Nase und das starke Kinn. Das schüttere, graue Haar steht wirr von seinem Kopf.
"Was ist mit diesem Menschen? Warum liegt er hier ganz allein in diesem ungemütlichen Zimmer, Mimir?"
"Der alte Mann ist krank und er bereitet sich auf seinen Weg zum
"Der alte Mann ist krank und er bereitet sich auf seinen Weg zum g l ü c k - I i c h e n Planeten vor. Seine Erdzeit ist vorüber - aber er möchte noch nicht gehen. Er weiß, wie schwierig sein Weg in die andere Welt werden wird. Siehst du das winzige Licht neben seinem Kopf. Es ist sein Schutzlicht."
"Wieso ist es so klein, Mimir? Er kann ja nicht besonders viel sehen auf seinem Weg in die Unendlichkeit des glücklichen Planeten. Wird er denn jemals dort ankommen?"
"Irgendwann kommen fast alle Menschen dorthin. Sie wissen aber nicht, dass sie die Dauer ihrer Reise - und auch die Bewältigung der vielleicht auftretenden Schwierigkeiten - in ihrer Erdzeit selbst bestimmen."
"Was hätten sie denn tun müssen, um einen leichten Weg zu haben?" "Einfach nur ein wirklich ordentliches Leben führen. Und ihr Gewissen, welches sie kurz vor der Landung bekommen - wie du es erlebt hast - n i c h t vergessen. Mehr ist nicht nötig. Ihr Schutzlicht würde immer strahlend hell und von großem Ausmaß bleiben."
"Wenn das so einfach ist, weshalb leben denn die Menschen nicht danach?"
"Diese Frage kann ich dir leider nicht beantworten. Denn ich war nie ein Mensch."
"Hat der alte Mann hier kein gutes Leben geführt?" "Anfänglich schon. Doch die Gier nach Geld und Macht hat ihn hart und manches Mal auch sehr böse werden lassen. Er hatte eine liebe Ehefrau. Leider ist sie nach der Geburt des dritten Sohnes gestorben. Von da an zählte nur noch der Reichtum für ihn. Seinen Kindern hat er eine gute Ausbildung und materielle Sicherheit zukommen lassen. Nur Liebe, die er einmal reichlich besaß, hat er ihnen nicht geben können. Da der alte Mann so krank ist, haben die beiden älteren Söhne die Leitung seiner Firma übernommen. Von dem jüngsten Sohn hat er schon seit Jahren nichts mehr gehört. Obwohl er diesen Sohn bis heute für den Tod seiner Frau verantwortlich macht, vermisst er ihn sehr. Dieser Junge war ihm - in ehrlichen Augenblicken gestand er sich das ein - der Liebste der drei Brüder."
Er ist eben nicht so ein Kriecher wie seine Brüder, denkt der alte Mann, als er langsam erwacht. Er wollte sein Leben selbst in die Hand nehmen. Meine Firma und mein Geld interessieren ihn einfach nicht. Fotograf ist er geworden; wie man erzählt ein erfolgreicher. Inzwischen hat er auch geheiratet und eine Tochter bekommen...
Dieses alles weiß der alte Mann von seiner im Hause lebenden Schwiegertochter. Er kann die Frauen seiner Söhne nicht leiden.
Sie können es doch kaum abwarten, dass ich diese Welt verlasse
- denkt er verbittert. Aber sie befinden sich im Irrtum hinsichtlich der Erbschaft ihrer Männer. Die werden nur die Firma und gesetzlichen Anteil meines Vermögens erben. Alles andere, es ist nicht wenig, bekommt Michael. Wie er und seine Frau, die ich nicht kenne, damit umgehen ist mir gleichgültig. Aber eigentlich möchte ich ihm mehr geben als Geld! Doch dazu werde ich wohl keine Gelegenheit mehr bekommen. Der Junge weiß leider nicht, dass ich diese Welt sehr bald verlassen muss...
"So böse ist er doch gar nicht, Mimir", flüstert Paul.
Der alte Mann öffnet die Augen und schaut sich erstaunt im Zimmer um. "Ist hier jemand?" fragt er leise. Er spürt die Anwesenheit seiner Beobachter sehr wohl: "Bitte kommt an mein Bett; ohne Brille kann ich nichts erkennen."
Gerade als Mimir sich dem alten Mann zu erkennen geben will, wird die Zimmertür geöffnet.
Zwei Frauen stellen sich an das Bett des Kranken. "Siehst du, Helga, er tut wieder so, als schlafe er. Macht er immer, wenn ich nach ihm sehe. Aber ich lasse mir nichts vormachen.. Komm, Vater, es ist Zeit für deine Medizin!"
"Nützen wird sie eh nicht viel", flüstert Erna - die andere Schwiegertochter - ihrer Schwägerin zu. Sie gibt etwa zwanzig Tropfen in ein Wasserglas. Gemeinsam setzen die Frauen den Alten auf. "Haut ab, ich will das Zeug nicht!" schimpft er. Die Frauen kümmern sich nicht um sein Gemeckere. Fast gewaltsam flößen sie ihm die Medizin ein.
Lieblos legen sie ihn dann wieder in die Kissen. "Essen bringen wir dir später. Jetzt kannst du erst 'mal weiterschlafen - oder zumindest so tun."
"Er will sich einfach nicht von dieser Welt trennen. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass er auf jemanden wartet", hören Paul und Mimir Erna draußen im Flur sagen.
"Falls du unseren Schwager Michael meinst, vergiß ihn gleich wieder! Der Alte und er hatten vor Jahren einen so heftigen Streit der jede Versöhnung unmöglich macht! Das behauptet mein Mann immer. erwidert Helga.
"Das ist gut, da brauchen wir uns um die Erbschaft keine Sorgen zu machen. Hoffentlich dauert es nicht mehr so lange mit ihm! Für uns alle wäre es besser, könnte er endlich loslassen."
"Das klingt sicher bitter für dich", spricht Mimir den alten Mann an. "Eigentlich nicht", antwortet er und ist überhaupt nicht erstaunt, dass plötzlich ein Engel vor ihm steht.
"Ich habe es wohl nicht anders verdient. Schließlich war ich nicht gerade der netteste Mensch in dieser Familie. Früher hat mir die Angst, die alle vor mir hatten, gut getan -ja, ein Gefühl der Macht gegeben. Jetzt bin ich nicht mehr sicher, ob mein Verhalten anderen Menschen gegenüber r i c h t i g war. Nun habe ich keine Zeit mehr, etwas daran zu ändern!" Fragend sieht er Mimir an.
"Eine kurze Spanne wird dir noch geschenkt. Damit sich dein letzter Wunsch erfüllen kann, alter Mann. Doch dann musst du dich auf den Weg machen. Dank deiner Einsicht und deiner reuevollen Gedanken ist dein Schutzlicht ein wenig größer und heller geworden; dein Weg wird so beschwerlich nicht mehr sein."
Dankbar lächelt der Alte Mimir an.
In diesem Moment wird die Tür mit Schwung aufgestoßen. Ein etwa zweijähriges, sehr niedlich aussehendes Mädchen, stürmt ins Zimmer. Es läuft direkt zum Bett des Alten.
"Ach, endlich sind wir bei dir! Du bist bestimmt mein lieber Opa", ruft es. "Bitte Papa, hilf mir, damit ich auf das Bett klettern kann - ich möchte meinen Opa ansehen!"
Das Herz des Alten klopft heftig, ein Gefühl nie gekannter Wärme durchströmt seinen Körper. Sie sieht genau wie Michael - nein, eher noch wie Michaels Mutter aus ... denkt er.
Er spürt die Tränen nicht, die über seine Wangen laufen. Seine Hand zittert, als er dem Kind zärtlich über das Haar streichelt.
"Wie heißt du denn, Kleine?" fragt er fast schüchtern. "Ist doch klar! Klara natürlich - wie meine Oma", ist die prompte Antwort.
"Daran hast du gedacht, mein Junge?! Ich danke dir von Herzen." Michael tritt nahe an das Bett seines Vaters. Eine kleine Ewigkeit schauen sie sich an. Es ist jetzt sehr still im Zimmer.
Die kleine Klara scheint zu spüren, dass etwas besonderes geschieht. Sie verhält sich ruhig, streichelt aber auch sehr zärtlich über die alten Hände ihres Großvaters.
"Danke, mein Sohn, dass du gekommen bist. Nun kann ich mich endlich auf den Weg machen."
"Ich danke dir, Vater, dass du gewartet hast. Ich möchte dir noch so vieles sagen. Nun glaube ich aber, - Worte zwischen uns sind überflüssig geworden. Deine Augen sprechen endlich das aus, was ich nie von dir gehört habe. - Ich liebe dich auch Vater. Es tut mir leid, dass du uns verlässt."
Vater und Sohn umarmen sich voller Liebe und tiefer Trauer "Jetzt kann ich in Frieden gehen, stimmt's, Engel." "Ja, ich wünsche dir viel Glück!"
"Schade, dass er jetzt gehen muss, da er sich endlich mit seinem Sohn versteht", stellt Paul bedauernd fest.
Doch dann müssen Paul und Mimir trotz aller Trauer lachen. Bevor der alte Mann die Augen für immer schließt, schaut er sein Schutzlicht an: "Komm, laß uns gehen! Wehe, du leuchtest mir nicht richtig!"
So herrscht er seinen kleinen Begleiter an. Er kann es halt nicht lassen. Das Befehlen entsprach zu sehr seiner Natur.

Die gefangenen Seelen
"Freust du dich schon auf morgen, Lucas?" fragt Laura, als sie am Samstagnachmittag - in dicker, warmer Winterkleidung - am Flussufer spazieren gehen. Ein starker Wind aus östlicher Richtung bläst den Kindern ins Gesicht. Laura hat trotz der gefütterten Mütze und dem Schal vor dem Mund eine ziemlich rote Nase. Manchmal schnieft und schnüffelt sie wie ein kleiner Welpe.
Lucas tut so, als höre er dies nicht. Doch nach einiger Zeit gibt er Laura sein Taschentuch. "Oh, danke, ich habe meins vergessen. So allmählich wird mein Schal auch ziemlich nass", bedankt sie sich. "Laß uns nachher über morgen reden, der kalte Wind macht meine Lippen fast steif" meint Lucas. "Wir gehen noch bis zur Brücke; dann haben wir für heute genügend Frischluft bekommen." Im einvernehmlichen Schweigen stiefeln die Kinder durch den stellenweise festgefrorenen Schnee. Eine Weile stehen sie auf der Brücke.
"Wenn es so weiter friert, können wir Heiligabend - während wir auf die Bescherung warten - mit Papa endlich 'mal wieder Schlittschuh laufen", stellt Lucas erfreut fest.
"Aber jetzt gehen wir nach Hause. Meine Füße sind so kalt!" bittet Laura ein wenig quengelig. "Ich möchte mit dir vor dem Kamin sitzen und Traumgeschichten von Paul hören. Martha macht uns sicherlich einen Kakao - vielleicht rückt sie auch ein paar ihrer selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen heraus."
"Da bin ich mir nicht so sicher. Kakao bestimmt, aber du weißt doch, dass nach Marthas Meinung Weihnachtsgebäck auch wirklich erst zum Fest auf den Tisch kommt."
"Gut, dass ihr wieder zu Hause seid!" begrüßt Martha die Kinder, als sie durch die Küchentür ins Haus gehen. "Ich habe Kakao für euch auf dem Herd." Sie hilft Laura aus der Jacke und zieht ihr die Stiefel aus. "Schnell in deine Pantoffeln, du hast ja Eisfüße", stellt sie fest. "E i n e Grippe in diesem Jahr reicht euch wohl, nehme ich an. Damit ihr nicht wieder krank werdet, habe ich jedem von euch ein paar der ersten Weihnachtskekse auf den Tisch vor den Kamin gestellt." "Danke Martha! Kannst du etwa Gedanken lesen?" sagt Laura fröhlich. "Das nun nicht gerade. Aber ich kann mich noch ganz gut an meine Kindheit erinnern. Hier, Lucas, nimm den Kakao - und dann ab mit euch. I c h habe noch einiges zu tun." Zufrieden sitzen die zwei wieder vor dem Kamin.
"Sehr viel kann ich dir heute nicht erzählen, es bleibt zu wenig Zeit. Wenn unsere Eltern aus der Stadt zurück sind, wollen wir doch die
morgige Adventfeier vorbereiten" "In diesem Jahr darf ich auch mithelfen, hat Mama versprochen!" Laura lächelt ihren Bruder glücklich an. "Außerdem haben wir jetzt Ferien. Da kannst du mir noch oft - natürlich nur, wenn du es möchtest - von Paul und Mimir erzählen."
Sie trinkt ihren Kakao, beißt voller Genuß in den ersten Weihnachtskeks dieses Jahres und streckt die Füße dem Feuer entgegen.
"In welcher Jahreszeit ist Paul eigentlich auf der Erde angekommen, Lucas?",, Wenn ich mich recht erinnere, im Winter", antwortet er. "Und an solch einem Tag - genau so kalt wie heute - waren die beiden wieder in der Stadt", beginnt Lucas zu erzählen.
Zuerst sehen sie sich den Hafen an. Paul ist von den riesigen Schiffen völlig hingerissen. Mit so einem werde ich während meiner Erdzeit auch einmal fahren, nimmt er sich vor.
Das Erkunden des Hafens dauert fast den ganzen Tag. Beeindruckt beobachtet Paul, mit welch großer Geschicklichkeit der Kranführer die Warencontainer mit dem Greifer fasst, um sie dann langsam aber sicher auf dem Schiffsdeck abzusetzen.
Der muss aber gute Augen haben - und nervös darf er auch nicht werden, ergänzt Mimir Pauls Gedanken.
Eine Weile sehen sie dem Treiben im Hafen noch zu. Es ist inzwischen dunkel geworden. Ein starker Regen hat eingesetzt. Die beiden beschließen, zum leeren Häuschen zurückzukehren. "Ich bin überhaupt noch nicht müde, Mimir. Es hat mir Spaß gemacht, mit dir im Hafen gewesen zu sein. Zum Schlafen bin ich viel zu aufgeregt."
"Das Haus, das ich dir zeigen möchte, liegt wie unsere Unterkunft vor der Stadt. - Da ist es schon!" Mimir zeigt auf ein großes kasernenmäßig aussehendes Haus. Über der Eingangstür brennt ein schwaches Licht. Keines der Fenster in der Vorderfront ist erleuchtet. "Haus Seelenfrieden", liest Mimir im schwachen Lichtschein vor. "Der Name passt nun überhaupt nicht! Aber die Menschen wissen es nicht besser. Komm, ich zeige dir das Haus und seine Bewohner."
Durch einen kurzen dunklen Flur gehen Mimir und Paul auf die Sicherheitsglastür zu. Am Anfang des langen, durch kaltes Neonlicht beleuchteten Ganges befindet sich eine Art Theke, an der kein Besucher unbemerkt vorbeikommt.
Ein Mann und eine Frau unterhalten sich gerade, als Mimir und Paul diesen Gang betreten.
"Es ist alles für die Nacht vorbereitet, Manni. Falls die Patienten ruhig bleiben, gibt es nicht viel für dich zu tun. Der alte Kurt muss um 11.00 Uhr noch einmal eine Spritze bekommen, alle anderen sind versorgt."
"Okay, danke Tina, schönen Abend noch!"
Als Tina fort ist, holt Manni ein Heftchen aus seiner Tasche, stellt eine Thermoskanne mit Kaffee daneben - und richtet sich gemütlich ein. Der alte Kurt kann mich 'mai, denkt er. Wenn er durchschläft, lasse ich ihn einfach liegen. Dann kann ich mir das ganze Theater sparen. Die anderen Idioten sollen es nur nicht wagen sich zu rühren. Dann zeige ich ihnen gleich, wer hier der Herr im Hause ist.
"Oh, Mimir, dieser Mensch ist sehr böse; er hat ein tiefschwarzes Herz." Entsetzt betrachtet Paul den jungen Mann, der jetzt herzhaft in ein Butterbrot beißt.
"Ich weiß, Paul, er gehört zu den Seelen, die einige Zeit auf dem s c h w a r z e n Planeten gelebt haben. Siehst du den Schatten hinter ihm? Das ist sein Bewacher. Er passt auf, dass Manni genau so böse bleibt und ist, wie es die Herrscher des dunklen Planeten wollen. Seine Arbeitgeber denken, er sei ein guter Mensch. Aber er arbeitet hier nur, um die kranken Menschen quälen zu können. Deshalb ist er auch nur nachts in diesem Haus. Er ist dann nämlich ganz alleine mit den Patienten. Niemand kontrolliert ihn!"
"Die Kranken könnten sich doch wehren, oder den Tagmenschen erzählen, wie Manni mit ihnen umgeht', meint Paul. "Aus welchem Grund sie es nicht vermögen, erkennst du schnell. Wir werden einige von ihnen besuchen. Dann kannst du dir ein Bild machen."
Nur ein kleines Licht neben dem Schalter erhellt den Raum, in dem sich Paul und Mimir jetzt aufhalten.
Sie gehen durch einen Gang, der durch die rechts und links aufgestellten Betten besonders eng war. In den Betten auf der linken Seite haben die Schläfer bereits den Weg ins Traumland gefunden. Am Ende des Ganges aber s i t z t eine junge Frau. Das wirre, lange Haar fällt über ihr Gesicht. Mit beiden Armen umklammert sie ihren Oberkörper. Sie wiegt sich immer wieder vor und zurück. Leise wimmert sie ein trauriges Lied.
"Mensch Hanne, sei still, du weißt doch, dass Manni Dienst hat!" ruft eine Frau von der rechten Seite des Zimmers.
Die Frau hat sich aufgesetzt. Sie ist unwahrscheinlich dick. Ihre wulstigen Arme liegen auf der Bettdecke. Die pummeligen Finger beschäftigen sich mit einem Wollknäuel. Die Frau wickelt es in unglaublicher Geschwindigkeit auf und wieder ab. Dabei murmelt sie immerzu: "Es ist sehr wichtig Wolle zu haben. Wer Wolle hat, friert nicht!" Ab und zu lässt sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Für sie ist die wimmernde Hanne jedes Mal eine Neuentdeckung. Also warnt sie das bedauernswerte Mädchen immerzu vor dem Pfleger Manni.
"Seid doch endlich still!" fordert eine andere Bettnachbarin die beiden auf. "Ich brauche meinen Schönheitsschlaf" "Ja, den, brauchst du wahrhaftig", sagt die Dicke gehässig. "Wenn ich so aussehen würde wie du, müsste ich mindestens zehn Jahre schlafen - um nur annähernd wie ein Mensch auszusehen." "Du bist so gemein, du dicke Kuh!" weint die kleine Frau laut. "Wer kann etwas dazu, wenn ihm die Haare ausgehen - und sich stattdessen dicke Pusteln auf der Kopfhaut ausbreiten? Meine Zähne habe ich auch nur wegen Manni verloren. Immer wieder hat er mir auf den Mund geschlagen. Und nur, weil ich ein wenig ins Bett gemacht habe. Wäre ich nicht stets angebunden, könnte ich auch alleine gehen - und hätte keinen Ärger mehr...", entgegnet die unglückliche Frau.
"Ärger kannst du auch s o f o r t haben!" verspricht ihr eine recht große Frau, die sich langsam von ihrem Bett erhebt. Mit zielstrebigen Schritten marschiert sie durch den Bettengang auf die wimmernde Hanne zu: "Du gehst jetzt endlich ins Bett! Von dir und auch den anderen will ich nichts mehr hören! Muckt noch einer von euch, dann gibt es was. Dagegen sind Mannis Schläge nur Streichel- einheiten.
Die anderen Frauen sind sofort still. Sie haben Angst vor der rasenden Elli; die, wenn sie auch nur ein wenig gereizt wird, ohne Rücksicht auf Verluste um sich schlägt.
"Sind alle Menschen in diesem Haus s o, Mimir?" will Paul wissen. "Ja, alle! Jeder auf seine Art. Komm, wir gehen noch durch die anderen Zimmer. Dort schlafen zur Zeit alle; aber ich glaube, dass du dir dennoch ein Bild über ihre Lebensumstände machen kannst." Manche der Kranken liegen einfach nur still in ihren Betten. Viele haben den Daumen im Mund. Einige schluchzen ähnlich wie die wimmernde Hanne. Andere wiederum sind mit Händen und Füßen an ihr Bett gefesselt. Im Schlaf versuchen sie sich zu befreien. Sie drehen sich hin und her - stoßen dabei oftmals mit dem Kopf gegen die Gitterstäbe. Das merken sie aber nicht. Manni hat jedem von ihnen eine extra Portion Schlaf verabreicht Schließlich will er seine Ruhe haben.
Als sie das letzte Zimmer verlassen, schaut Paul traurig und fragend Mimir an: "Was ist mit diesen Menschen geschehen, Mimir?"
"Die so genannten normalen Menschen bezeichnen diese armen Wesen als v e r r ü c k t. Das meinen sie aber weder nett noch liebevoll. Für sie beinhaltet diese Bezeichnung Unverständnis, Angst vor dem Anderssein, Verwirrung - oftmals sogar Abscheu oder Ekel vor diesen armen Kranken. Nur wissen sie nicht, dass sie eigentlich ganz recht mit dem Ausdruck v e r r ü c k t haben. Manchmal fegen starke Stürme durchs Weltall. Du hast ja fest genug geschlafen und nichts davon mitbekommen. Wie du inzwischen weißt, gibt es auch Schutzlichter, die nicht so gewissenhaft mit ihren Pfleglingen umgehen. Manche sichern das g l ä s e r n e Körbchen nicht ausreichend. Ein heftiger Windstoß schafft es leicht, die kleinen Wesen samt ihrer Schlafstatt vom Baum ins All zu befördern. Es geht so rasant, dass die Schutzengel die Körbchen nicht halten - geschweige denn zurückholen können
Leider haben diese Seelen noch nicht tausend Jahre geschlafen. Es ist eigentlich kein Platz für sie auf der Erde. Niemand erwartet sie. Sie müssen aber irgendwo unterkommen. So leben sie dann in Körpern, die sie gar nicht wollen - in denen sie sich überhaupt nicht wohl fühlen.
Sie warten dort auf ihre Schutzengel. Ihr Rufen und Schreien, ihre verzweifelten Gebärden verstehen die anderen Menschen natürlich nicht. Dabei wollen die armen Wesen nur ihre Engel die lange Zeit suchend durchs All fliegen - auf sich aufmerksam machen." "Was geschieht denn, wenn die Engel ihre Schützlinge endlich gefunden haben, Mimir?"
"Sie bringen sie auf dem schnellsten Wege zum g l ä s e r n e n B a u m zurück. Dort dürfen diese Seelen den unterbrochenen tausendjährigen Schlaf beenden."
"Können sie sich in ihrem zweiten Erdenleben denn noch an die Zeit erinnern, die sie schon vorher gelebt haben?"
"Ist der tausendjährige Schlaf beendet, ist auch jegliche Erinnerung ausgelöscht. Völlig frei und unbelastet dürfen sie ihre Erdzeit beginnen."
"Eigentlich habe ich deine Aussage nicht verstanden, dass die Bezeichnung v e r r ü c k t durchaus richtig ist. Was hast du damit gemeint, Mimir?"
"Schau Paul, wenn ich diesen Stuhl hier an einen anderen Platz rücke, habe ich ihn doch v e r r ü c k t.
Ähnlich ist es den kleinen Seelen ergangen. Der starke Wind hat sie einfach an eine andere Stelle geweht - also von ihrem Platz v e r r ü c k t."

Die Straße der bunten Lichter
Am Montagmorgen bringt Martha den kleinen Salon wieder in Ordnung. Laura und Lucas helfen ihr dabei.
"War 'mal wieder ein schönes Fest mit deiner Klasse, Lucas", sagt Martha.
"Ja - und mir hat am besten gefallen wie Oma B. und Opa 'Mambo Number Five' getanzt haben", meint Laura fröhlich. "Die anderen Kinder fanden das auch echt cool, stimmts Lucas?" "Solche Großeltern hätten wir auch gerne, haben mir ein paar Kinder beim Abschied zugeflüstert"; erzählt Lucas stolz. "Aber dein Essen war auch Spitze, Martha."
"Die Reste gibt es heute Mittag, wenn wir hier fertig sind. Viel ist nicht übrig geblieben, aber für uns und euren Opa reicht es noch." "Hauptsache ist, dass von dem Eis noch etwas vorhanden ist. Dann bin ich zufrieden, Martha", sagt Laura genießerisch.
"Eure Mama hat reichlich eingekauft, du kannst gerne nachher eine Riesenportion bekommen - nach dem Essen", erwidert Martha. Sie schaut Laura - die kleine Naschkatze - ein wenig streng an: "Ja, ja, Martha, zuerst esse ich auch richtiges Essen, aber der Nachtisch ist immer das Schönste!"
Gut, dass Opa ein so großes Haus gebaut hat, denkt Lucas, als die drei den jetzt gründlich aufgeräumten Salon verlassen. Oft wird der Salon nicht mehr genutzt.
Als Opa jung war, haben er und seine Frau hier herrliche Feste gefeiert, erinnert sich Opa während des abendlichen Schachspiels häufig. Lucas und Laura kennen Opa's Frau nur von dem Foto auf seinem Schreibtisch. Oft erzählt Opa von den 'schönen, alten Zeiten. Lucas hört ihm gerne zu. Das Schachspiel holen sie dann am nächsten Tag nach.
Schnell sind die Stunden vergangen. Am Nachmittag sitzen Laura und Lucas - jeder mit einer großen Portion Eis auf dem Teller - schon wieder auf der Couch vor dem Kamin in der Bibliothek. "Magst du mir heute auch eine Traumgeschichte erzählen, Lucas?" "Ja klar, kleine Maus, deshalb sitzen wir doch auch wieder hier." Liebevoll schaut Lucas seine Schwester an.
Es ist Abend. Heute wollen sich Paul und Mimir die große Stadt bei
Nacht ansehen, beginnt Lucas seine Erzählung. Ein bestimmtes Ziel
haben die beiden nicht. "Diese Stadt schläft wohl nie", d e n k t
Paul. "Doch! So gegen Morgen wird es ein wenig ruhiger", bemerkt
Mimir kurz.
Für Paul ist es nicht mehr verwunderlich, dass Mimir seine Gedanken lesen kann. Sie haben sich schon so oft auch ohne Worte verstanden. Plötzlich bleibt Paul stehen. "Hör nur, Mimir, diese wunderschöne Musik. Woher kommt sie", ruft er entzückt. Mimir deutet auf ein sehr großes Haus, welches von riesigen Scheinwerfern angestrahlt wird. Einige Fenster des Hauses sind geöffnet. So kann sich jeder, der hier vorbeigeht an der herrlichen Musik erfreuen - genauso wie Paul.
"Diese Gebäude werden Theater genannt", erklärt Mimir. "Hier spielen Menschen - man nennt sie Schauspieler - Geschichten nach, die bedeutende Dichter geschrieben haben. Manches Mal spielen viele Musiker - so wie jetzt - auch die Musik eines Komponisten." "Was ist ein Komponist?" Mehrfach wiederholt Paul dieses neue Wort. Er will es sich gut einprägen..
"Eigentlich auch nur Dichter, die ihre Geschichten nach Noten erzählen", antwortet Mimir nachdenklich. "Der Mann, der diese Musik schrieb, lebt aber schon lange nicht mehr in dieser Welt. Sein Name war Wolfgang Amadeus M o z a r t.
Die Menschen seiner Zeit haben ihn für ein Wunderkind gehalten. Mozart konnte bereits mit vier Jahren fast perfekt Klavier spielen, und auch kleine Musikstücke komponieren. Je älter er wurde, um so schöner klang seine Musik. Doch in s e i n e n Augen, bzw. 0 h r e n, klang sie niemals gut genug..
Da auch er über tausend Jahre in seinem g l ä s e r n e n Körbchen geschlafen hatte, konnte er - als er im Jahre 1756 zur Welt kam - die herrliche Musik, die seinen Schlaf begleitet hatte, einfach nicht vergessen. Seine Aufgabe bestand auch darin, den Menschen diese Musik näher zu bringen.
Doch mit der Achtung und der Bewunderung durch seine Mitmenschen wurde er nicht sehr gut fertig. Er wurde schrecklich eitel. Auch sein Benehmen anderen Menschen gegenüber ließ zu wünschen übrig.
'Seine Musikbesessenheit macht ihn wohl so unleidlich meinten sie und verziehen ihm alles.
Als Wolfgang Amadeus nach nur sechsunddreißig Jahren Erdenszeit ihre Welt verließ, trauerten sehr viele Menschen um ihn u n d auch um die Musik, die er vielleicht noch komponiert hätte..
Von seiner Verzweiflung, die Musik des g l ü c k l i c h e n Planeten nicht genau oder gar perfekt wieder geben zu können, ahnten sie nichts."
"Ich denke, er hat seine Aufgabe recht gut erfüllt. Diese herrliche Musik erinnert mich tatsächlich an die Melodien in meinen Träumen."
"Es sind noch viele Komponisten nach Mozart auf die Welt gekommen. Du wirst mit Sicherheit in deiner Erdenzeit von ihnen hören. Auch deren Musik wird dir Freude bereiten. - Doch nun lass uns weitergehen. Wir wollen schließlich noch mehr von der Stadt sehen", sagt Mimir.
Nach einiger Zeit erreichen sie eine Straße auf der viele Menschen unterwegs sind. Die rechts und links dicht aneinander gebauten Häuser sind fast alle mit bunten Lichtreklamen ausgestattet. Sie werben für Spaß, Vergnügen und Glück. "Diese Straße nennen wir 'Die Straße des falschen Glücks" informiert Mimir seinen Schützling. Leider wissen die Menschen nicht, was sie suchen-, wenn sie hierher kommen!"
W a s ist es denn, will Paul fragen, als er ein leises Schluchzen neben sich hört. Neugierig schaut er sich um. An der Seite eines jungen Mädchens entdeckt er eine winzige Seele, deren Tränen unaufhaltsam laufen.
Paul hockt sich hin und nimmt den kleinen Kerl in den Arm: "Hallo Kleiner, was ist los? Hör doch auf zu weinen! Erzähle mir bitte, weshalb du so traurig bist. Vielleicht kann ich dich trösten oder dir gar helfen."
"Das glaube ich nicht", erwidert das Seelchen -jetzt aber schon beruhigter. "Siehst du die junge Frau, hier?! Seit zwei Monaten bin ich in ihrer Nähe. Sie sollte meine Erdzeit-Begleiterin werden. Heute habe ich erfahren, dass sie mich gar nicht will. Mein Schutzlicht will morgen mit mir diesen Planeten wieder verlassen. Das Schutzlicht hat gemeint, es sei egal wie stark meine Liebe für diese Erdfrau ist. Sie hat sich schließlich n i c h t gewünscht, mich zu bekommen. Daher müssen wir uns bald wieder auf den Weg in die Unendlichkeit machen. - Ich habe mich so sehr auf meine Erdzeit gefreut. Aber ohne mich kann die Erdfrau ihr falsches Glück besser verkaufen. Das hat sie zu ihrer Freundin gesagt, die auch immer an dieser Ecke hier steht."
"Hör doch auf zu weinen, Kleiner! Wir fragen Mimir, ob er dir helfen kann." Er wischt dem Seelchen, welches ihn jetzt hoffnungsvoll mit weit aufgerissenen Augen anschaut, zärtlich die Tränen aus dem Gesichtchen. Dabei fragt er Mimir: "Welchen Namen sollte dieser Winzling für seine Erdenzeit bekommen?" "Er wird Peter genannt werden, so bald sein Leben beginnt. Und das wird es! Dafür sorge ich ganz bestimmt!"
Kopfschüttelnd beobachtet Mimir das Treiben auf der Straße der bunten Lichter.
Diesen Menschen kann ich nicht mehr helfen. Aber für Peter kann ich ganz sicher etwas tun, denkt er.
"Ich werde euch für eine Weile alleine lassen. Achte gut auf den Kleinen!" bittet er Paul.
Pauls Vertrauen in Mimir ist grenzenlos. Er hockt sich neben Peter und winkt dem langsam stadtauswärts gehenden Mimir nach. In einem Dorf, unweit der großen Stadt, sitzt ein älteres Ehepaar im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Es schaut sich gerade einen Bericht über die Dominikanischen Inseln an. Beide können sich aber nicht richtig darauf konzentrieren. Sie müssen ständig -jeder auf eigene Art - an die einzige Tochter denken. Diese Tochter hat sie vor einigen Wochen nach einer Auseinandersetzung verlassen. "Wo mag sie wohl sein?" seufzt die Mutter.
"Wenn ich es wüsste, wäre sie schon wieder hier!" tröstet sie ihr Mann. "Aber alle Nachforschungen des Detektivs haben leider nichts ergeben." Liebevoll nimmt er seine Frau in den Arm. "Wir werden die Suche n i c h t aufgeben. Wir werden sie bestimmt finden!"
Diese Leute sind voller Liebe für ihr einziges Kind, stellt Mimir fest. Sie haben meine Hilfe wirklich verdient.
Nur ganz sanft berührt Mimir den Fernsehapparat.
"Hast du umgeschaltet?" fragt die Frau. Der Mann schüttelt den Kopf. Er schaut gebannt auf den Bildschirm. In Großaufnahme sieht er die 'Straße der bunten Lichter'.
"Da Vater, sieh nur, dort ist unsere Lisa! Endlich wissen wir, wo sie ist!" "Ja, endlich!" sagt der Vater traurig. Weiß er doch sofort, w o seine Tochter sich aufhält - und welcher Beschäftigung sie nachgeht.
"Bitte, lass uns sofort in die Stadt! Unsere Lisa holen!"
Es ist schon spät. Doch der Mann ist sofort bereit, das Auto aus der Garage zu holen und in die große Stadt zu fahren.
Er liebt seine Frau, möchte alles für ihr Wohlergehen tun. Vielleicht wird sie wieder gesund, wenn Lisa zurückkommt. Das hofft er von ganzem Herzen.
Mimir hat dem Mann ins Herz gesehen: "Das wünsche ich dir, denn du bist ein guter Mensch."
"Was hast du gesagt?" Fragend blickt der Mann seine Frau an.
"Ich habe nichts gesagt! Aber ich wollte dich gerade fragen, ob der Wetterbericht für heute ein Gewitter angesagt hat. Ich habe soeben einen kräftigen Blitz bemerkt!"
Es war k e i n Blitz. Die guten Leute können schließlich nicht wissen, dass die Lichter der Engel noch viel heller strahlen, wenn sie sich freuen...
Mimir ist immer noch voller Freude über diese lieben Menschen, als er zu Paul und Peter zurückkehrt.
"Wieso bist du größer als ich", hört er Peter fragen und Paul antwortet: "Ich bin sehr lange in dieser Stadt unterwegs, nach Erdzeitrechnung beinahe neun Monate. Du erst acht Wochen. Unsere Seele wächst jeden Tag ein wenig, so wie auch unser Körper. Sind beide gleich groß sind wir für das Leben bereit. Falls Mimir dir helfen konnte, wirst du in spätestens sieben Monaten mit deinem Leben beginnen können."
"Hoffentlich hat Mimir für mich etwas erreichen können", seufzt die kleine Seele und blickt sehnsuchtsvoll in Richtung Lisa. "Hast du denn eigentlich schon eine Erdfrau gefunden? Es wird doch Zeit, da du doch schon 'fast fertig bist", stellt Peter fest.
"Noch nicht - aber Mimir hat mir versprochen, sie zum richtigen Zeitpunkt kennen zu lernen."
Plötzlich springt Paul auf und ruft: "Da bist du ja wieder!" Er sieht Mimir und umarmt ihn herzlich. "Hat deine Mission Erfolg gehabt? Kann mein kleiner neuer Freund hier bleiben, Mimir?" "Ich denke schon. Wartet ab, was morgen geschieht!" Langsam geht die Nacht zum Morgen.
"Für heute reicht es mir", teilt Lisa ihrer Freundin Petra mit. "Ich gehe nach Hause Ich bin unendlich müde."
Gerade als sie die Straße der bunten Lichter verlassen will, hört sie jemanden 'Lisa, Lisa rufen. Sie dreht sich um - traut ihren Augen nicht: Die beiden Menschen, die sich ihr nähern, erkennt sie natürlich sofort. Gern möchte sie davon laufen, kommt aber vor Schreck nicht von der Stelle. Sie fühlt sich starr und unbeweglich. "Mein Mädchen, meine Kleine", ruft ihre Mutter mit tränenvoller Stimme. Sie reißt Lisa an sich, umarmt sie heftig.
Der Vater streichelt seiner Tochter vorsichtig über das Haar. Eine Weile verharren sie in der Umarmung und Wiedersehensfreude. "Na, ciao Lisa, das war's dann wohl mit uns", sagt die Freundin. Traurig geht sie nach Hause; sie weiß, dass sie Lisa nie wieder sehen wird.
"Papa, Mama! Ich bin s o froh, euch wieder zu sehen!" "Wir auch, Lisa", sagen die Eltern - wie aus einem Mund. "Kommst du mit uns nach Hause?" Erwartungsvoll, aber auch ängstlich, sehen die Eltern ihre Tochter an.
"Ich denke, ihr kommt b e i d e mit", sagt die Mutter in die entstandene Stille. Sie hat sich Lisa genau angesehen... "Das kann ich euch nicht zumuten", schluchzt die Tochter.
"Es ist doch egal, wie die Leute reden werden. Du kommst jetzt mit. Das kleine Wesen können wir gemeinsam großziehen. Ganz sicher werden wir auch alle unsere Freude an ihm haben. Er ist doch ein Teil von dir!" Mit diesen Worten führt der Vater Frau und Tochter behutsam zum Auto.
"Danke Mimir, danke Paul!" ruft Peter überglücklich. "Vielleicht sehen wir uns bald wieder. Hoffentlich erkenne ich dich dann, Paul. Bis bald also!"
Lange winkt er seinen Rettern und Freunden aus dem schnell abfahrenden Auto zu...

Heiligabend
Wie in jedem Jahr fahren Lucas und Laura einen Tag vor Heiligabend mit Papa aufs Land, zum Bauern Mönken. Gemeinsam suchen sie den natürlich schönsten Weihnachtsbaum aus.
In diesem Jahr soll der Baum in der Diele der alten Villa aufgestellt werden. Er darf also sehr hoch sein. Aus diesem Grunde hat Papa auch den Hänger mitgenommen. Die Kinder freuen sich auf den Ausflug. Die Familie Mönken ist schon lange Zeit Baumlieferant der Hagen s. Großvater hat seine Weihnachtsbäume bereits dort gekauft. Den für zu Hause hat er auch immer selber abgeholt. Bauer Mönken bringt aber jedes Jahr den Baum für den Verlag in die Stadt. Ein einziges Mal im Jahr will er sich bewusst machen, wie schön es sich auf dem Lande lebt. Diese Hektik, dieses Gewusel, die Zeitnot ist nichts für mich, sagte er stets mit einem Lächeln. Und wenn er mal unzufrieden ist, - im Winter passiert ihm das so manches Mal - schaut er sich das Leben der Städter an und ist heilfroh, zu seinem Hof zurückkehren zu können.
Freundlich begrüßt er den Vater mit seinen beiden Kindern: "Na Kleine, möchtest du zuerst einmal in den Stall gehen?" Er weiß, wie gerne Laura Tiere hat. Außerdem hat er diesen kleinen Rotschopf sehr ins Herz geschlossen. Während die beiden den Stall besichtigen, sitzen Papa und Lucas bei der Bäuerin in der gemütlichen Küche. Kaffee, selbstgebackene Kekse und heisse Schokolade stehen wie jedes Jahr für die Baumkäufer auf dem Tisch. "Du bist aber gewachsen", begrüßt Frau Mönken die kleine Laura. Sie kommt gerade mit glänzenden Augen und hochroten Wangen - vor Aufregung und wohl auch ein wenig wegen der Kälte - In die Küche. Genau wie ihr Mann mag Frau Mönken die Kinder sehr. "Na Laura, ist die Welt der Tiere noch in Ordnung", fragt Papa. "Und wie! Ich glaube, das dicke Schwein - die Elsa - hat mich wieder erkannt. Es ist zu mir an das Gitter gekommen und hat mich freundlich angegrunzt. Auch der neue Hund gefällt mir. Es ist ein Bernhardiner und sehr kinderlieb; das hat Herr Mönken gesagt. Im nächsten Jahr ist er ausgewachsen, dann könnt ich wohl auf ihm reiten. Ach, so einen lieben Hund hätte ich auch gern!" Aber Laura weiß genau, dass ein Hund wegen der Allergien auf Hunde- und auch Katzenhaare Mama und Lucas immer zu schaffen machen würde.
"Aber wenn ich groß bin, dann kaufe ich mir einen Bauernhof. Dann kann ich Tiere haben - so viel ich will!" Laura fühlt sich getröstet durch diesen Gedanken.
"Sollen wir jetzt in den Wald gehen? Wetten, dass ich in diesem Jahr den schönsten Baum finde!" Lauras Fröhlichkeit ist zurückgekehrt - und ihr Unternehmungsgeist.
"Gute Idee, Laura, eigentlich mag ich die gemütliche Stube gar nicht verlassen, aber wir sind nun nicht nur zum Kaffeetrinken gekommen", sagt Papa und steht auf. "Danke für die Gastfreundschaft, Frau Mönken, es war wieder sehr nett bei Ihnen." "Ach, keine Ursache", meint Frau Mönken. "Sie wissen doch, wie sehr ich mich freue, Sie und die Kinder zu sehen." Freundlich winkt sie den Dreien nach, die jetzt mit ihrem Mann in den Wald gehen. Es dauert nicht lange - und Laura hat tatsächlich einen großen, gerade gewachsenen Baum entdeckt. Auch Papa und Lucas halten ihn für passend. Mit der elektrischen Säge ist es für den Bauern keine schwere Arbeit. Im Nu hat er den Baum abgeholzt. Gemeinsam tragen sie ihn zum Hänger. Mit dicken Seilen wird er festgebunden.
Inzwischen hat es wieder angefangen zu schneien. Deshalb dauert der Abschied von Herrn Mönken auch nicht allzu lange. Papa möchte gerne noch vor dem Dunkelwerden zu Hause sein. Die Straßen sind jetzt ziemlich glatt. Vorsichtig lenkt er das Auto Richtung Stadt. Mit vereinten Kräften laden die Kinder und ihr Vater den Baum ab - nach zweistündiger Fahrt.
"Das hast du gut gemacht!" loben Mama und Großvater die kleine Laura, als der Weihnachtsbaum endlich gerade und auch sicher in der Diele steht. "Nach dem Abendessen werden wir ihn gemeinsam schmücken - wie in jedem Jahr", beschließt Mama.
In vielen Familien wird der Baum erst am Morgen des 24ten Dezembers geschmückt. N i c h t so bei den Hagens. Sie haben nämlich ein Fest vor d e m Fest zu feiern: Der 24te Dezember ist Lucas Geburtstag! Er soll nicht in den Weihnachtsfeierlichkeiten untergehen. Sogar Oma B lässt an diesem Tag ihren Kiosk geschlossen Sie bleibt auch in diesem Jahr über die Feiertage bei Hagens. J e d e s Jahr verbringt sie das Fest in dem Haus ihrer Tochter und deren Familie.
Darauf freuen Laura und Lucas sich schon "Oma kann so schöne Geschichten erzählen - und Gemütlichkeit verbreiten", denkt Laura laut, als Lucas am späten Abend noch mit ihr in der Fensternische der Bibliothek sitzt.
Die Erwachsenen sitzen noch im Wohnzimmer. Opa spricht mit Papa über den Verlag, der zwischen Weihnachten und Neujahr Betriebsferien macht. "Zu meiner Zeit hätte es so etwas nicht gegeben; aber du hast doch Recht. So kannst du wenigstens ein einziges Mal im Jahr etwas ausspannen und mit der Familie ein paar schöne Tage verleben", meint Opa.
Mama spricht mit Martha über das Festessen. Mama weiß, dass Lucas seiner Schwester eine Traumgeschichte versprochen hat - und die Gespräche der Erwachsenen für Kinder oft sehr langweilig sind. "Aber nur eine Stunde noch", erlaubt sie den Kindern...
"Glaubst du, dass Paul und der kleine Peter sich wieder sehen?" fragt Laura ihren Bruder und schaut verträumt in den klaren Sternenhimmel. "Möglich ist es, aber ich weiß es nicht. Schau nur, heute sehen wir die Venus wieder sehr deutlich. Gut, dass es aufgehört hat zu schneien! Da! Hast du die Sternschnuppe gesehen?!"
"Oh, wie schön!" freut sich Laura. "Sicher ist nun wieder eine kleine Seele auf dem Weg zu Erde. Hoffentlich kommt sie gut an dem s c h w a r z e n Planeten vorbei! Aber mit einem guten Schutzengel wird sie es schaffen! Ich bin mir da ganz sicher!"
"Du hast nichts von meinen Geschichten vergessen", freut sich Lucas. "Ja, das stimmt! Aber ich möchte jetzt endlich wissen, wie es mit Paul und Mimir weitergeht! Findet Paul heute seine Eltern?" "Lass mich kurz nachdenken. Es fällt mir ein wenig schwer, den Traum zurückzuholen.."
Laura blickt Lucas erwartungsvoll an.
"In solch einer sternenklaren Nacht - vor dreizehn Jahren - waren Paul und Mimir wieder in der Stadt unterwegs", beginnt Lucas.
Beide wissen, dass dies ihre letzte Nacht ist, in der sie die Stadt mit ihren Menschen erkunden werden. Paul spürt, dass heute oder morgen seine Erdzeit beginnt. Mimir w e i ß es.
Behutsam führt er seinen Schützling durch die Straßen; zu einer prächtigen, alten Villa - etwas außerhalb der Stadt. Hinter einem Fenster ist ein schwaches Licht zu sehen.
In aller Ruhe betrachten Paul und Mimir die Zimmer, die mit alten aber sehr geschmackvollen Möbeln ausgestattet sind. Das Haus gefällt Paul sehr. Aber die traurige Stille darin vermittelt ihm ein beklemmen des Gefühl.
Auch Mimir ergeht es so. Daher geht er mit Paul in den Raum mit der einzigen Lichtquelle im gesamten Haus.
Ein älterer Mann, so um die sechzig, sitzt dort an einem wuchtigen Schreibtisch. Er hält einen kleinen silbernen Bilderrahmen in seinen Händen. In dem Rahmen befindet sich das Bild einer Frau in mittleren Jahren.
Sie sieht nett aus, denkt Paul, der sich neben den Mann gestellt hat, und neugierig auf das Foto guckt. Auch der alte Herr mit seinen schneeweißen Haaren und den traurigen Augen gefällt ihm sehr. Ein merkwürdiges Ziehen, ein sehnsuchtsvolles Gefühl überkommt Paul plötzlich. Er sieht sich den Mann, der nun mit leiser Stimme zu dem Foto spricht, länger an: "Wer ist das, Mimir? Irgendwie bin ich ziemlich aufgeregt. Hat dieser Mensch mit meinem Erdzeit-Beginn zu tun?" "Das wirst du morgen wissen. Jetzt wollen wir erst einmal hören, was der Mann der Frau im Bilderrahmen zu erzählen hat."
"Ach Charlotte, so haben wir uns unser Leben sicher nicht vorgestellt, als wir eine Familie gründeten. Viele Kinder sollten in diesem Hause sein. Doch leider haben wir nur eines bekommen. An diesem Kind Freude zu haben, war uns Gott sei Dank' viele Jahre vergönnt. Dein Sohn und ich lieben dich sehr. Auch h e u t e noch, obwohl du uns vor einigen Jahren so unerwartet verlassen musstest. Jetzt siehst du mich hier ganz allein. Manchmal spüre ich ein starkes Gefühl deiner Nähe. So wie gerade - in diesem Moment... Vielleicht kannst du mich hören, wo immer du auch bist.
Paul glaubt eine Veränderung im Lächeln der Frau auf dem Foto zu sehen: "Meinst du, sie kann ihn wirklich hören? Der g l ü c k l i c h e Planet ist doch so weit entfernt!" "Oftmals gelingt das bei Menschen, die eine sehr starke Bindung zueinander hatten. Und wie du hier erlebst, immer noch haben", erklärt Mimir. "Aber lass uns dem alten Mann weiter zuhören."
"Dein guter Rat, der immer zur Stelle war, fehlt mir sehr oft. Leider muss ich dir gestehen, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mit unserem Sohn gestritten habe. Auf Grund unserer Streitereien ist Christian ausgezogen - und lebt mit einer jungen Frau in der Wohnung derer Mutter. Die Einzelheiten unserer Auseinandersetzung will ich dir ersparen. Nur so viel: Ich war absolut nicht mit der Wahl seiner Ehefrau einverstanden. Sie ist Tänzerin von Beruf. Allerdings Primaballerina an den Städtischen Bühnen. Das soll schon etwas ganz besonderes sein; das hat mir ein Freund gesagt. Und wenn schon - habe ich gedacht -‚ sie wird es dann eher in den Beinen als im Kopf haben. Der Junge braucht jemanden, der auch repräsentieren - und bei den wichtigen Menschen dieser Stadt einen guten Eindruck hinterlassen kann. Es ist doch im Verlagsgeschäft von großer Bedeutung, welches Ansehen die Frau des Verlegers hat. Eine Hupfdohle - das wird niemals gut gehen! So habe ich in meiner unermesslichen Arroganz gedacht; wie ich heute weiß! Auch habe ich vergessen, dass du `n u r' eine Verkäuferin warst, als wir uns kennen lernten.
Ohne dich hätte unser Geschäft gar keinen Bestand gehabt. Das weiß ich sehr wohl! Wie zufällig hat Martha, die mich einigermaßen gut versorgt, ein Foto der jungen Frau auf dem Post-Tischchen in der Diele liegenlassen. Der Junge hat einen guten Geschmack, das muss ich anerkennen. Martha besucht die jungen Leute einmal im Monat. Du weißt, wie laut sie am Telefon mit ihrer Schwester spricht. Es kommt mir vor, als rede sie in den letzten Wochen besonders laut:
Ich soll wohl alle Einzelheiten von ihrem Besuch bei Christian und seiner Familie mitbekommen...
So weiß ich nun auch, dass ein Kind unterwegs ist und bereits in den nächsten Tagen zur Welt kommen wird.
Stell dir vor Charlotte, unser erstes Enkelkind!
Durch meine Voreingenommenheit und Unnachgiebigkeit habe ich mir tatsächlich den Weg zu meiner Familie verbaut.
Wie gerne würde ich die junge Frau kennen lernen - sie in den Arm nehmen - und mich bei ihr entschuldigen. Auch bei ihrer Mutter, die einen Kiosk hinter dem Hauptbahnhof betreibt - und zusätzlich ihr Kind a II e i n e großgezogen hat. Ihr Mann ist früh verstorben. So hat sie ihr Leben selber in die Hand genommen.
Bis heute meistert sie es mit Bravour. Und diese Menschen habe ich einfach abgelehnt - sie nicht für gut genug gehalten...
Wie du weißt, Charlotte, bin ich ein moderner Mensch in einer schrecklich modernen Zeit. In meiner Kindheit war ich davon überzeugt, dass es oftmals hilfreiche Engel gibt. Jetzt möchte ich dich am liebsten darum bitten, mir einen Engel zu schicken. Ich nehme an, dort, wo du nun bist, gibt es sie!"
"Er weiß natürlich nicht, dass in diesem Augenblick einer neben ihm steht', sagt Paul leicht belustigt. "Kannst du ihm helfen, Mimir? Bitte! Ich mag ihn so gut leiden" "Deshalb sind wir doch hier, mein Kleiner! Warte nur ab...", antwortet Mimir lächelnd.
Es ist schon weit nach Mitternacht, als Martha plötzlich in der Tür steht. Sie hält dem alten Herrn das schnurlose Telefon hin. Der ist so versunken in das Zwiegespräch mit seiner Frau, dass er erschrocken aufschaut, als Martha sich durch lautes Räuspern bemerkbar macht:
"Entschuldigung, Herr Hagen, ich weiß, dass es sehr spät ist! Aber ihr Sohn ist am Telefon. Es scheint wirklich wichtig zu sein!" Natürlich denkt sie nicht daran, den Raum zu verlassen. Schließlich nimmt sie schon seit Ewigkeiten an den Sorgen und Freuden der Familie teil. Aufmerksam beobachtet sie das Gesicht des alten Herrn
- und stellt mit Genugtuung fest, dass die anfänglich ernste Mine sich schnell in ein strahlende verwandelt.
"Ja, mein Junge, ich komme - so schnell ich kann! Martha wird mir ein Taxi bestellen; zum Selbst fahren bin ich viel zu aufgeregt. Martha, das Kind kommt", ruft er freudig, umarmt sie und gibt ihr einen dicken Kuß auf die Wange.
Sollte Martha der Engel sein, um den ich Charlotte gebeten habe? Dann müssen sich die Maler des Mittelalters aber gründlich in ihrer Vorstellung von Engeln geirrt haben, denkt der alte Herr schmunzelnd. In großer Eile verlässt er das Zimmer. Dabei stößt er gegen das Schachbrett in unmittelbarer Nähe der Tür Er bemerkt es gar nicht.
Scherben bringen Glück, denkt Martha, die sehr wohl gesehen hat, dass der weiße König heruntergefallen ist. Glücklicherweise ist nur seine Krone abgebrochen. Das ist jetzt aber nicht wichtig; es ist wesentlich leichter, eine alte Porzellanfigur zusammenzufügen als eine zerbrochene Familie'.
Mit diesen Gedanken geht sie zur Tür, um den Taxifahrer hereinzubitten Den hatte sie v o r s o r g l i c h bereits bestellt, bevor sie ihrem Chef das Telefon gebracht hatte.
Herr Hagen wundert sich n i c h t, dass die Taxe schon da ist. Er kennt Martha...
"Komm Paul, wir fahren mit! Ich bin noch nie mit einem Taxi gefahren", fordert Mimir seinen Schützling auf. Die Fahrt zum Krankenhaus dauert aber nicht lange. Der Fahrer freut sich sehr über das großzügige Trinkgeld. Er schaut fröhlich vor sich hin pfeifend dem alten Herrn nach, der mit raschen Schritten zur Eingangstür eilt.
Paul und Mimir bleiben an der Seite des netten Mannes - bis er endlich die richtige Station gefunden hat.
"Warte noch einen Augenblick bis er seinen Sohn und die neue Familie begrüßt hat", bittet Mimir. Paul hat nichts dagegen. Ein merkwürdiges - irgendwie frohes - aber auch ängstliches Gefühl spürt er plötzlich mit allen Fasern seiner Seele.
Er traut sich nicht die Stationstür zu öffnen.
Wer weiß, was mich dort erwartet, denkt er - und merkt gar nicht, dass Mimir ihn mit fester und doch ruhiger Hand durch die halbgeöffnete Tür schiebt.
Einige Meter entfernt sieht er vier Menschen.
Das ist doch die mutige Frau aus der S-Bahn, denkt er - und freut sich sehr, sie wieder zu sehen.
Dann schaut er sich die beiden jüngeren Leute an.
Das starke, wärmende Gefühl, welch es er vor langer Zeit empfunden hatte als der Bote ihm den Auftrag brachte, erfüllt ihn plötzlich mit ungeheurer Macht.
"Mimir, Mimir! Sie sind es! ich habe sie gefunden, meine Erdzeitbegleiter", jubelt er. "Ja! Sie sind es!" Mimirs Stimme klingt ein wenig traurig. Er fordert Paul auf, sich die beiden genau anzusehen.
Nur mit halbem Ohr nimmt er wahr, wie nett Frau Böhme den alten Herrn begrüßt. Kein Vorwurf ist in ihrer leisen Stimme zu hören, als sie ihm ihre Tochter Caroline vorstellt.
Mit Tränen in den Augen umarmt der Mann seinen Sohn und die neue Tochter. "Gott sei Dank' seufzt er, "ich bin nicht zu spät gekommen." "Danke, dass du gekommen bist, Vater!" Auch in Christians Augen schimmern Tränen: "Wenn der Kleine nun da ist, sind wir wieder eine richtige Familie."
Diese Worte hört Paul kaum. Mit vermeintlich wackeligen Beinchen nähert er sich seinen zukünftigen Eltern Er streichelt dem Vater über den Arm; dann klettert er der Mutter auf den Schoß - betrachtet liebevoll ihr feines Gesicht. Als er vorsichtig ihre Wange streichelt, strahlen die Augen der Erdfrau wie die Sterne des Firmaments. "Was ist, Caroline, du siehst so verändert aus" fragt ihr Mann besorgt. "Alles in Ordnung! Ich weiß jetzt ganz sicher, dass unser Kind sich entschlossen hat, h e u t e zu uns zu kommen." Mit diesen Worten dreht sie sich um, umarmt aller Anwesenden und geht dann langsam mit dem an der Tür wartenden Arzt in den Kreißsaal.
"Nun, Paul, jetzt heißt es Abschied nehmen." Liebevoll nimmt Mimir seinen Schützling in den Arm. "Meinst du, ich komme ohne dich klar, in meiner Erdenzeit?" "Davon bin ich überzeugt - und ich werde immer in deiner Nähe sein. Das weißt du doch." Lange und voller Wehmut schaut Paul seinen Engel an. Zum letzten Male betrachtet er das schöne, sanfte Gesicht des Engels. Hoffentlich vergesse ich niemals diese großen, dunklen Augen - die gerade Nase und den wohl geformten Mund. Schließlich möchte ich Mimir sofort wieder erkennen, wenn er mich nach meinem Leben - hier-- zum g l ü c k- l i c h e n Planeten begleitet. Nachdenklich schaut er sich auch das lange, weiße Haar des Engels an. Mimir hält es mit einem goldenen Reif zurück, in dessen Mitte ein heller Diamant eingearbeitet ist. Das schlichte weiße Kleid irritiert Paul: "Du bist doch ein ganz besonderer Engel, Mimir. Weshalb trägst du so ein schlichtes, einfaches Kleid?" "Ich höre es wohl, Paul. Du denkst fast schon wie ein richtiger Mensch. Die Menschen glauben nahezu
immer, Außergwöhnliches sei nur durch viel Pracht oder Pomp darzustellen, Ich bin das Licht der W e i ß h e i t. Erinnerst du dich? Die Weißheit braucht weder Prunk - noch schillernde Farben. Sie ist still und unaufdringlich - aber immer gegenwärtig. Leider nehmen die Erdbewohner sie viel zu selten in Anspruch. Aber du, mein Freund, wirst gut mit ihr umgehen. Und du wirst dein Aufgabe erfüllen; da bin ich mir sicher!"
Nochmals umarmt der Engel den kleinen Paul. Dann ist er verschwunden...
Am Morgen des 24ten Dezembers stehen der junge Vater, der alte Herr Hagen und Frau Böhme am Bett von Caroline. Sie sieht noch etwas erschöpft, aber sehr glücklich aus. Stolz zeigt sie ihrer Familie den neuen Erdenbürger. Natürlich meinen alle, dieses Kind sei das schönste aller Babys auf der Station.
Sehr bescheiden äußert der frischgebackene Opa eine Bitte: "Mein Vater hieß Paul", sagt er. "Macht es euch etwas aus, dem Jungen diesen Namen zu geben - natürlich nur an zweiter Stelle?" "Überhaupt nicht", sagt Caroline lächelnd. "Ich weiß von Christian, dass dieser Name Tradition in eurer Familie ist."
"Das waren sie - meine Träume, Schwesterherz mehr kann ich dir nicht erzählen."
"Oh, Lucas, sie haben mir so gut gefallen." Laura blickt sehr nachdenklich in den immer noch klaren Sternenhimmel. Sie ist zwar noch klein, aber überhaupt nicht dumm: "Ich glaube, dass ich ganz sicher weiß, wer der kleine Paul ist! Seine Aufgabe hat er nach meiner Meinung recht gut erfüllt. Er tut es immer noch. Ich merke es jeden Tag! Doch nun bin ich müde. Bringst du mich ins Bett, Lucas?"
Sehr, sehr leise fügt sie den Namen "P a u l" hinzu.



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Eingereicht am 20. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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