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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Last Minute

Uldo Posch


Normalerweise ist Tötensen in Niedersachsen ein eher beschaulicher Ort und im Reisebüro von Meiers gehen Buchungen im Mai nur zögernd über den Ladentisch. Doch heute glich es einem Tollhaus. Der größte Verein im Ort haute seine Ersparnisse auf den Kopf. Und nun erschien der Vorstand, Schatzmeister und Mitglieder mit ihren Ehefrauen im Ladengeschäft, um sich über die Angebote der Sommersaison zu informieren. Walter Meier, der Inhaber, war diesen Ansturm nicht gewohnt und trat mit den Worten "Hätte einer von euch nicht gereicht?" in den Raum, um die Stimmung gleich mal zu dämpfen. "Eigentlich öffnen wir erst in zehn Minuten". Man kannte sich. Allesamt alteingesessene Bürger, die nicht lange fackelten und in der Lage waren, ohne zu zögern ihrem Unmut Luft zu verschaffen. Da spielte es auch keine Rolle, dass eine Horde Hobbyschützen inklusive Anhang im Verkaufsraum stand und in den Urlaub wollte. Walter Meier hasste Waffen, er zog es vor, lieber zweimal in der Woche Kegeln zu gehen. Sowieso hielten sich die Schützen seiner Meinung nach seit jeher für etwas Besonderes. Klaus von Strachwitz, der die Meute anführte, fragte Walter Meier nach einem Gruppenangebot. Man habe sich entschlossen für vierzehn Tage auf die Bermudas zu fliegen. "Aha, Bermudas also", wiederholte Meier. "Erster oder Zweiter Klasse?", fragte er verschmitzt. "Schauen Sie mal nach günstigen Angeboten für Reisegruppen", erwiderte von Strachwitz in preußischer Manier. Der Schützenverein veranstaltete jedes Jahr Sommerfeste und mit den Einnahmen aus den Schießwettbewerben die ausgerichtet wurden, kam eine stattliche Summe zusammen. Die Gruppe hatte sich schon länger auf die Reise vorbereitet und ihre Termine daraufhin abgestimmt. Es dauerte eine Weile, während diese und jene Kataloge gewälzt, Onlineanfragen durchgeführt, und Angebote der Hotelkontingente geprüft wurden. "Hier, ich habe was gefunden, das Ihnen zusagen könnte". Ein Last Minute Angebot, 14 Tage Halbpension nach St. George auf den Bermudas mit Columbus Air. Das Green Leave Beach Ressort ist ein 4-Sterne-Hotel, nur drei Minuten vom Strand entfernt". "Ich könnte Ihnen, äähm... sagen wir, pro Person 765 Euro? Dann geht's als Vereinsreise, ich muss die Reservierung aber heute noch bestätigen, wenn sie in zwölf Tagen loswollen, Herr von Strachwitz". Die Nachricht löste große Freude aus und hatte zur Folge, dass man sich außerhalb des Reisebüros einer kurzen Beratung unterzog. Meier amtete tief durch. "So was habe noch nicht erlebt, kommen mit Kind und Kegel in aller Herrgottsfrüh und lassen mich nicht mal vernünftig frühstücken. Toller Verein, der Teufel soll sie holen", sprachs und verschwand für einen Moment in das Hinterzimmer, um mit einer Tasse Kaffee zurückzukehren.
Von Strachwitz kam zurück und legte ihm ein Scheck über 20.000,00 Euro auf den Tisch. "Buchen Sie Meier, buchen Sie, hier ist eine Liste aller Teilnehmer mit ihren Namen und Adressangaben und rufen Sie mich zurück, sobald Sie mit den Reservierungen fertig sind, ich komme persönlich vorbei und zahle dann den Rest." "Ja, aber tun Sie mir einen Gefallen von Strachwitz", sagte Meier. "Gerne, was denn?" "Kommen Sie alleine, wenn Sie wissen was ich meine"... "Guten Tag Meier" war das Letzte, was Walter Meier hörte und von Strachwitz verabschiedete sich und verließ das Reisebüro. Beide mochten sich nicht besonders, für von Strachwitz waren Kegler so was wie Warmduscher, völlig unter seiner Würde und man ging sich aus dem Weg. Meiers Glück, das einzige Reisebüro in Tötensen zu betreiben, würde daran sicher auch nichts ändern.
Nach einer Woche zahlte von Strachwitz, wie versprochen, den noch ausstehenden Betrag und erhielt die Reiseunterlagen. Er verteilte sie in der letzten Vereinssitzung, die drei Tage vor dem Abflug stattfand. Im Anschluss feierte man in fröhlicher Runde bis spät in die Nacht hinein. Alle Beteiligten hatte ihre Sachen mehr oder weniger gepackt und waren voller Vorfreude auf die kommenden Wochen. Fernab vom Schmuddelwetter und dem Einerlei, das Tötensen nun mal zu bieten hatte. Wäre da nicht der Schützenverein, so war man sicher, gäbe es kaum einen trostloseren Ort als diesen.
Am Flughafen in Hamburg angekommen, suchte man in der Empfangshalle den Check-in-Schalter von Columbus Air und fand ihn schließlich am Ende der Halle. Über dem Abfertigungsschalter war ein Schild angebracht auf dem zu lesen war: COLUMBUS AIR - ENTDECKEN & MEHR. Na ja, die üblichen Wortklaubereien wie es schien, um im Kampf mit anderen Fluggesellschaften hervorstechen zu wollen. Also begrüßte man die Reisegesellschaft vornehm und widmete sich ihren Belangen besonders aufmerksam. Nach ca. einer Stunde waren alle Koffer mit Flyern versehen und Bordkarten für die 35 Gäste ausgegeben. Die Gruppe bekam die Sitzreihen direkt hinter dem Cockpit zugewiesen. "Sie haben noch fast zwei Stunden Zeit", sagte die Dame am Schalter. "Sie müssen zum Ausgang C 14, dort können Sie so lange warten, bis Sie aufgerufen werden, wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug". Sie trug eine schwarze Uniform mit weißen Aufnähern zu beiden Seiten auf den Schulterpolstern, die Ähnlichkeit mit einem Kopf aufwiesen, doch genauer erkennen konnte er es nicht. Es war die offizielle Dienstkleidung der Fluggesellschaft, wie von Strachwitz feststellte. Denn alle trugen Schwarz. Als die Maschine betreten wurde, sah er einen Piloten auf dem Weg ins Cockpit und dessen Rangabzeichen, silberne und goldene Streifen neben den leuchtend weißen Punkten. Aber von Strachwitz war wohl der Einzige, den es für einen Moment zu interessieren schien und bemerkte abschließend nur: "Sehr elegant", dann tat er es den anderen Passagieren gleich, nahm Platz und schnallte sich an.
Wenige Minuten später, die Triebwerke liefen bereits, ertönte eine Stimme durch den Lautsprecher und die Kabinencrew begann mit der Demonstration der üblichen Sicherheitshinweise... "Wir haben sechs Notausgänge, auf jeder Seite drei, im Falle eines Druckverlusts blablabla... im Fußboden sind die Wege zu den Ausgängen mit Notbeleuchtung versehen. Bitte beachten Sie, dass dies ein Nichtraucherflug ist, wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug". Die Maschine rollte zur Startbahn, stoppte kurz und bekam vom Tower das Okay zum Take Off. Nachdem das Flugzeug seine Reisehöhe erreicht hatte, meldete sich der Pilot. "Meine Damen und Herren, hier ist Joe Brunnlehner, ihr Pilot und Copilot Max Wiese aus dem Cockpit der Boeing 737 mit Ziel Bermudas. Geschätzte Flugzeit beträgt sieben Stunden und fünfzig Minuten. Geplante Ankunft ist um elf Uhr dreißig, Ortszeit in St. George. Die Außentemperatur beträgt minus 7 Grad bei schwachem Wind aus Süd, Südwest. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug mit Columbus Air und melden uns später noch einmal."
Die Stewardessen begannen Getränke zu verteilen und von Strachwitz unterhielt sich angeregt mit seinem Sitznachbar. "Da kann man nicht meckern, Last Minute auf die Bermudas, zwei Wochen für knapp 800 Euro, das ist doch was." Sein Nachbar nickte zustimmend. Die Stunden vergingen, von Strachwitz und die Großzahl der Gäste an Bord war mittlerweile eingeschlafen. Auch Stewardessen waren nicht zu sehen, als plötzlich starke Turbulenzen begannen, die Maschine durchzurütteln. Ein Luftloch nach dem anderen ließ die Passagiere schlagartig erwachen und einen Blick aus dem Fenster werfend, stellte von Strachwitz fest, dass man sich offensichtlich einer Schlechtwetterfront genähert hatte. Turmartige Wolkengebilde unvorstellbaren Ausmaßes lagen vor ihnen, Blitze zuckten durch die schwarzgraue Masse und schickten ihren Donner hinterher. Alles ging so schnell und das Flugzeug verlor immer mehr an Höhe, keine Stewardess in Sicht, kein Pilot der Entwarnung gab und ein Sturm glich jetzt dem Vorhof zur Hölle. Panik machte sich unter den Anwesenden breit. Von Strachwitz` Herz raste. Da plötzlich geschah es. Der Sturm schien vorüber zu sein. Alles war still. So schnell er gekommen war, so schnell war er auch wieder vorbei. Der Vorhang hinter dem Cockpit teilte sich und wie aus dem Nichts trat ein Fährmann zum Vorschein, die Sense mit dem Schneidmesser nach oben gewandt, in einen schwarzen Umhang gehüllt. Ein Teufelsdiener dessen Hut mit seinen ausladenden Krempen einen Totenkopf bedeckte und der dann sprach: "SIE HATTEN LAST MINUTE GEBUCHT..., NUN, ES IST SOWEIT..." Die Maschine mit 136 Passagieren und einem Schützenverein aus Tötensen an Bord verschwand vom Radar, direkt über dem Bermuda Dreieck... und wurde nie wieder geortet.



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Eingereicht am 01. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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