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Uldo Posch


Die Penthousewohnung glich einer Vorratskammer. Es sollte eine große Feier werden und ein renommiertes Catering Unternehmen hatte alle Hände voll damit zu tun, Unmengen von Geschirr und Kochutensilien nach oben zu befördern. Blumengebinde und zusätzliche Sitzgelegenheiten versperrten den Weg. Gar nicht leicht, eine Gesellschaft von zehn Dutzend Menschen zufrieden zu stellen. Aber der Anlass war gebührend und nun war auch noch der Aufzug blockiert. Die Zeit drängte und vor dem Eingang des Hauses kam es zum Stau. Es blieben nur sechs Stunden Zeit, um alle Vorbereitungen abzuschließen. Währenddessen befand sich Dolph Süderström, Mitte Vierzig und Süßwarenmakler aus Stockholm, auf der Rückreise von Moskau in seine Heimatstadt. Pünktlich zum Polterabend seines Gastgebers wollte er anwesend sein. Als er aus dem Flugzeug nach draußen blickte, befiel ihn ein merkwürdiges Gefühl. Er griff in die Innentasche seines Sakkos und holte die Einladung hervor, auf der zu lesen stand:
Lieber Dolph, wie Du weißt, haben Anna und ich endlich den Entschluss gefasst, zu heiraten. Bitte mache uns die Freude und sei auch am Polterabend unser Gast. Für das Wohl unserer Gäste ist reichlich gesorgt. Wir erwarten Dich um 20 Uhr. Liebe Grüße, Anna und Björn.
"So... ", dachte er sich, dann würden sie von übermorgen an Bergström heißen, "Mmhhh". Er war sich plötzlich nicht mehr sicher. Zu lange schon verschwieg er seine heimliche Beziehung zu Björns zukünftiger Ehefrau. Und Anna, das Miststück, spielte mit. Sie war eine rassige, dunkelhaarige Schönheit, die bei jeder Gelegenheit den Männern den Kopf verdrehte. Hatte sie doch Dolph anlässlich eines Kongresses in Stockholm kennen gelernt und ihm tatsächlich so lange den Hof gemacht, um ihn ins Bett zu kriegen. Das lag nun drei Jahre zurück. "Mit wie vielen Männern sie wohl noch geschlafen hat", beruhigte er sich selbst. Nur Björn, das arme Schwein, hatte keinen blassen Schimmer, was seine Frau so trieb. Wie sollte er? Er war ja selten zu Hause. Seine Möbelwerkstatt lief schlecht und ohne die Unterstützung seiner Eltern, die ihm überhaupt einst diesen Aufstieg ermöglichten, wäre es längst um ihm geschehen gewesen. Seine krankhafte Eifersucht, die berechtigt war, tat ihr Übriges. Doch Dank dem immensen Vermögen seiner Erzeuger war Björns Welt immer heil. Er sah nur eine Chance. Er musste sie ehelichen und besitzen.
Dolph war sich bewusst, dass Anna des Geldes wegen heiratete. Björn sollte zahlen für die Demütigungen und Schläge, von denen sie unerträglich viele im Laufe der Zeit hinnehmen musste. Anna schien zu allem fähig, soviel wusste Dolph, und bei dem Gedanken an die kommende Feier, war ihm übel. Gerade auch deswegen, weil er sich nie ganz von diesem Teufelsweib lösen konnte. Doch sie würde niemals den Gang zum Traualtar gefährden, dafür stand zu viel auf dem Spiel und trotz der Gewalt, die sie erfuhr, wollte sie so lange durchhalten, bis die Ehe besiegelt war.
Björn hatte ja auch immer geprahlt, wie gut sie abgesichert wären. Eine Million, Haus und Grundbesitz. "Wenn mir mal was passiert, dann bekommt Alles meine Frau. Seht ihr, alles Paletti". Wenn er sich da mal nicht irrte, dachte Dolph.
Im Penthouse neigten sich die Vorbereitungen dem Ende zu und es blieben sogar noch drei Stunden Zeit, den Räumlichkeiten einen Feinschliff zu verpassen, auch Dolphs Maschine landete ohne Verspätung.
Die Party kam in Gang. Die Gäste schienen sich zu amüsieren, während Dolph von Björn und Anna begrüßt wurde. "Na, alter Schwede, wie viel Tonnen Süßes haste wieder an den Mann gebracht", schallte es mir entgegen und Anna lächelte verschmitzt und gab mir einen Kuss auf die Wange. "Kann nicht klagen", antwortete ich knapp. "Wo ist die Tränke", ließ ich folgen, und beide begleiteten mich zur Bar. "Hier, was das Herz begehrt, bedien´ dich", woraufhin wir erst mal drei eiskalte Flaschen Bier öffneten und herzhaft anstießen.
"Morgen ist also soweit", sagte ich, während Anna sich von uns abwandte um anderen Gästen den Vorzug zu geben. "Ja, irgendwann musste sie mal ja sagen, oder? Ich bin ja schließlich keine schlechte Partie". "Na, jetzt mal nicht Trübsal blasen, alter Junge, du wirst noch früh genug an die Kette gelegt werden", scherzte er. Dabei war ich froh, so wie es war. Seine Selbstherrlichkeit stank zum Himmel. Ich hatte genug von seinen Witzen und widmete mich ebenfalls einigen Gesichtern zu, die ich von früher kannte.
Anna schien Seltsames im Schilde zu führen, denn merkwürdigerweise hielt sie sich von mir fern und für einige Zeit sollte sich das auch nicht ändern. Am darauffolgenden Tag fand die Hochzeit statt. Großer Bahnhof und das übliche Brimborium waren die Folge, doch konnte ich sehr schnell feststellen, dass Anna nur mit Mühe ein Feilchen am linken Auge überschminkt hatte. Björn hatte sie also wieder geschlagen. Stunden vor der Trauung. Ich hasste ihn dafür, doch Anna schien gefasst. Am späten Nachmittag endeten die Feierlichkeiten, die Gesellschaft löste sich auf. Es war Sonntagabend als ich feststellte, dass ich am Polterabend meine Brieftasche im Penthouse vergessen hatte. Also fuhr ich hin. Sicher war es nicht zu spät. Als ich oben ankam bot sich mir ein grauenhaftes Bild. Anna stand am Telefon und hielt den Hörer in der Hand. Björn stand auf dem Fenstersims und schrie: "Ich springe du Miststück, du Hure, du verdammte Schlampe. Da sieh nur", und deutete in meine Richtung, "da ist er, dein Stecher. Mit wem hast du noch gevögelt, du elendes Miststück. Ich mach jetzt Schluss". Sie hatte ihm von unserer Beziehung erzählt. Er stand aufrecht im Fenster und drohte jeden Moment hinunter zu springen. Mir stockte der Atem, während Anna einen lokalen Radiosender anrief und dabei immer wieder rief: "Dann spring doch, du Schlappschwanz, mach endlich Schluss und hau ab, du mieses Schwein". Die Freisprechanlage des Telefons war aktiviert und am anderen Ende meldete sich eine Stimme: "Hier ist Kiss FM, Live aus Göteborg, wir spielen ihre Wunschhits, was darf´s sein?" Und Anna schaute Björn eiskalt ins Gesicht. Dann sagte sie: "Ich wünsch mir den Titel Jump von Van Halen und grüßen möchte ich Björn Bergström, Söderweg 12 aus Stockholm", dann legte sie auf. Fassungslos blickte ich sie an. Björn war längst gesprungen und im Hintergrund hörte ich aus der Stereoanlage den Moderator sagen: "Und für unseren unbekannten Anrufer von eben kommt hier der Titel... Jump, von Van Halen mit den allerbesten Grüßen an Björn Bergström aus Stockholm. Lass es rocken, Baby........"



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Eingereicht am 29. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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