Abseits - nur ein einziges Mal dazwischen ...
Antonia Stahn
Heute kommt sie wohl nicht. Hat keinen Sinn, länger zu warten.
Walter nimmt das Geld aus dem Hut. Er packt sein Kissen in den alten Rucksack, steht mühsam auf.
Mittwochs gehen das kleine Mädchen und seine Mutter immer hier an seinem "Arbeitsplatz" vorbei. Inzwischen kennt er sogar den Namen der Kleinen.
Lisa heißt sie. Seit ein paar Wochen geht sie zur Ballettschule in der Hermannstrasse.
Sie zu sehen, macht froh und schmerzt zugleich. Aber er will sich nicht erinnern.
So hat er beschlossen, sich nur über dieses Kind zu freuen.
Fröhlich gehen Mutter und Tochter zur Ampel der großen Kreuzung.
Die Rotphase für die Fußgänger dauert hier mindestens drei Minuten.
Walter hat Zeit genug, den beiden zu folgen. Viele Menschen stehen inzwischen wartend am Überweg.
Manche schauen leicht angewidert auf Walter. Das stört ihn nicht. Schon lange nicht mehr.
Trotz der bösen Blicke hat er es geschafft, in unmittelbarer Nähe seiner kleinen Freundin zu stehen.
Er hört so gern ihr munteres Geplapper.
"Guckt euch den Penner an. Er hat sich einfach dazwischen gedrängt. Nun steht er als Erster am Bordstein. Dem läuft doch nichts weg. Der kann doch warten. Die wirklich wichtigen Menschen hier haben das Recht, als erste die Strasse zu überqueren", ruft ein jung, dynamisch und doch irgendwie hoffnungslos aussehender Mann.
Niemand hört auf seine Worte. Die Leute haben alle mit sich selbst zu tun.
Penner oder auch Meckerer übersehen und überhören sie gern.
Lisa ist da ganz anders geartet. Sie sieht die Welt noch mit Kinderaugen. Mit den einzig wahren also.
Sie kann noch sehr gut Recht von Unrecht unterscheiden.
Für sie gibt es nur Schwarz oder Weiß. Dazwischen gibt es nichts.
Zum Glück weiß sie nichts von den Nuancen der Wortschattierungen.
"Das ist aber dumm, was du da sagst. Siehst du denn nicht, dass der alte Mann nur ein Bein hat?"
Wütend sieht Lisa den jungen Mann an. "Er muss doch als erster gehen. Er ist doch zu langsam. Wenn dann das rote Männchen kommt, steht er noch auf der Strasse. Dann könnte er vielleicht überfahren werden."
Die Erwachsenen lächeln. Sie finden die empörte Kleine amüsant. Aber um den Penner, diesen Parasiten, wäre es nicht schade, denken einige.
Mit überhöhter Geschwindigkeit nähert sich ein Dreißigtonner der Ampel.
Willy, der Fahrer ist wütend. Sogar sehr. Die Skala der Gemütsbewegung ist von seinem Gesicht deutlich abzulesen. Zorn, Angst, Enttäuschung und Trauer beherrschen ihn völlig.
"Warum? Warum musste Herbert mir diese Geschichte erzählen? Nicht Inga, meine Liebste. Alles nur Lügen. Hoffentlich mache ich gleich zu Hause nichts falsch. Ich werde sie in aller Ruhe fragen. An dem Gerede der Kollegen ist bestimmt nichts. Inga hat andere Männer gar nicht nötig. Sie hat doch mich!" Willy nimmt den Verkehr nicht wahr. Die auf rot geschaltete Ampel erst recht nicht.
"Da drüben steht Papa", ruft Lisa. "Das Männchen zeigt grün. Ich laufe schnell rüber."
"Nein, nein", ruft der Penner. Er sieht, dass der Lkw zu schnell ist. "Der hält nicht!", denkt Walter verzweifelt.
Er lässt den Rucksack fallen. In Sekundenschnelle hechtet er auf den Krücken hinter Lisa her.
Das Winken und auch das Schreien der anderen Passanten lenkt Willis Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. Hart tritt er die Bremse. Angstschweiß läuft ihm in die Augen. "Ich schaffe es nicht, oh, es klappt nicht!" Das Gleiche denkt auch Walter: "Lauf Lisa, schnell!"
Schreck erstarrt sieht Lisa den riesigen Lkw über sich.
Sie hört Bremsen kreischen, dann ist nur noch Stille.
Mit der Kraft der Not hat Walter dem Kind einen kräftigen Stoß gegeben. Es schleudert direkt auf seinen Vater zu. Schnell nimmt er seine Tochter in die Arme. Erleichtert stellt er fest, dass ihr nichts geschehen ist.
Ein paar Abschürfungen an den Händen, weiter nichts. "Der alte Mann, was ist mit ihm?", schluchzt Lisa.
"Das glauben mir die Kumpel nie. Endlich habe ich etwas geschafft!" Walter merkt nicht, dass er unter dem rechten, vorderen Reifen des Lkw liegt. Er spürt ein gewaltiges Glücksgefühl.
Ein Lächeln lässt sein schon sehr blasses Gesicht jung erscheinen.
Polizei, Krankenwagen und die Schaulustigen gehören schon nicht mehr in seine Welt. Er dreht den Kopf nach rechts, sieht Lisa unversehrt auf den Armen ihres Vaters.
Der strahlende Glanz in seinen gebrochenen Augen lässt die Menschen stumm werden.
Betroffen wenden sie sich ab...