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Nur einmal

© Karin Reddemann


"Niemals darfst Du es vergessen." Und wieder, wie so viele unzählige Male zuvor, sah Ella ihre Großmutter in ihrem durchgeknöpften Blumenkittel auf der Eckbank sitzen, die geschwollenen Füße in den grauen Filzpantoffeln, das Netz auf dem Kopf, das die Lockenwickler hielt. Roch das Gemisch von Zimt und Blumenerde, das mit ihrem schweren Körper verschmolzen war wie die saure Milch, die sie mit jedem Atemzug ausstieß, ohne es wirklich zu wissen. Beobachtete die knöchernen flinken Finger, die eine geschälte Kartoffel nach der anderen in den Topf fallen ließen, das Messer, mit dem sie die Schale schabte. Hauchdünne Pelle, die schaffte nur sie, wollte keine Hilfe bei ihrem Ritual: "Ihr könnt das nicht, schneidet zuviel Gutes ab." Mit eben dieser Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete, sagte sie Ella, ihrer Prinzessin, die gleichzeitig ihre ersten Zähne und ihre Hoffnung auf schöne Träume verlor, dass sie sterben würde. Grausam und böse, ohne Gnade erwarten zu dürfen. "Gott spuckt auf Dich, wenn Du nicht wachsam bist." Und dann, flüsternd, als könnte die Katze sie belauschen, schlimmer noch, Ellas Mutter, die im Esszimmer Silber putzte, das längst schon zu sehr strahlte, um von hungrigen Mäulern noch gemocht zu werden: "Du gehörst zu denen, die wissen, dass sie da sind. Du glaubst an die Höllenbrut, die nichts Gutes mit Dir im Sinn hat. Dich können sie kriegen. Kriegen Dich, wenn Du einmal vergisst, ordentlich nachzusehen."

Als Ellas Großmutter der Siebenjährigen die Nacht erklärt hatte, war nichts mehr so, wie es hätte sein können: Der einäugige Teddy neben ihr auf dem Kopfkissen, das bunte Buch auf der Nachtkonsole, rot lackiert vom Großvater, der seit wie vielen Monaten schon zu müde war, um sich aus seinem Korbstuhl zu erheben und zu sagen: "Lass uns Äppel klauen gehen." Natürlich klauten sie nicht, sie pflückten die eigenen im Rapunzelgarten hinter der Werkzeugscheune, dort, wo sich auch Friedels Zwinger befand. Der Hund kam kaum noch raus, "unzumutbar für das Tier", schimpften Ellas Eltern, schimpften aber leise und kümmerten sich, so gut das eben ging mit einem steif gewordenen alten Mann im Stuhl und einer alten Frau im ewigen Kittel, die immer merkwürdiger wurde. Und die ihrer Enkelin Schauermärchen erzählte, die keine waren.

Ella hatte sie gewittert, wie ein junges Lamm, das seine Herde verloren hat und irrtümlich den Wölfen folgt. "Du hörst sie, Kind, Du weißt, dass sie nur darauf warten, dass Du es vergisst. Die Augen zu öffnen. Nachzusehen. Und dann packen sie Dich. Wenn Du nur einmal nicht hinsiehst."

Die zweiunddreißigjährige Elisabeth Anna-Clara Conradi, die zu ihrem Bedauern plump feixend auch von Menschen Ella genannt wurde, denen sie diese Vertrautheit nicht erlaubt hätte, - wäre sie nur einmal von diesen verdammten Gelackten höflich gefragt worden - , stand am 23. September 2005, nur wenige Stunden vor dieser ganzen Sache, in einem ordentlichen Hotelzimmer in Gummersbach, wo sie am Abend hatte wichtig sein müssen, genau die greifbaren Todesängste aus, die sie sich seit fünfundzwanzig Jahren streng und doch so quälend, fortwährend quälend verboten hatte. Die Tagung war vorbei, sie hatte großartig ausgesehen, großartig referiert, danach gut gegessen und übermütig viel getrunken. Auf 205 lag der Münchner, der vermutlich vor seinem Podiumsauftritt in Moschus und edlem Cognac gebadet hatte, gewürzt mit Pfeifentabak, dazu Unmengen an Pfefferminz, um später nicht unnötig nach gebratenem Fisch und gewöhnlichem Bier zu schmecken. Seine Zunge auf ihren Lippen, an ihrem Gaumen, kräftig hineingesteckt, während er sich an sie presste, wie unbeabsichtigt ihre Brüste unter edlem Stoff quetschte und in unvergleichlich bittend forderndem Ton diesen blauen Saft im Röhrchen organisierte, der wie Fruchtgummi war und sie so sanft betäubte, dass sie ihr eigenes albernes Kichern nicht mehr zuordnen konnte … das war Freiheit, die zu lecken sie bereit war. All die feinen Maßanzüge und Designerkostüme, in denen die üblichen Affen steckten, stanken mittlerweile nach Alkohol und Speichel, der ausgetauscht wurde, ohne dem fleißigen Fotografen mit gesprenkeltem Bürstenhaarschnitt und türkisfarbener Fliege Beachtung zu schenken. Ein Fressen fürs Danach, von einem alternden Gecken serviert. Egal. Der Münchner war ihr ganz persönliches Dessert, dreist vorweg genommen wie den Aperitif, den man sich selbst einschenkt, ohne auf den Gastgeber zu warten. Ella genoss es, von diesem Mann mit irritierend braungebrannten Pianistenfingern ertastet, betastet zu werden, dezent genug, um sich nicht selbst entlarven zu müssen. Trotzdem suchte sie 207 allein auf, ohne Begleitung, leise singend und trotzig: "Dann eben nicht." Er hatte keine Anstalten gemacht, ihr am liebsten die Tür eintreten zu wollen. Und sie war immer noch Moral der Moral zuliebe genug, um ihn nicht schon an der Schwelle anzunagen, kurz vor dem verlogenen Versprechen seines Kusses, der nur ein lausiges "Gute Nacht" bedeutete. Jetzt lag sie in diesem fremden Bett, im weißen Baumwollhemd und einem Slip, der ihr den ganzen Abend wie ein lästiger kleiner Köter im Schritt gehangen hatte, war immer noch geschminkt, immer noch hellwach. Und wusste, dass sie einen fatalen Fehler begangen hatte. Augen verschlossen. Nicht nachgesehen.

In dieser Nacht vor fünfundzwanzig Jahren war ihr zum ersten Mal bewusst geworden, was es heißt, allein auf sich gestellt zu sein. Verloren dann, wenn man nicht den toten Mann spielt. Sich bewegt, zu laut atmet, hustet, sich kratzen muss. Versehentlich oder einfach nur, weil es so heiß und stickig unter der Decke ist, den Arm, das Bein, die Nase vortasten zu lassen ins Freie. Nach dem Teddy zu greifen, der ungeschützt an der Holzkante liegt, jederzeit in Gefahr, hinunter zu fallen. Dorthin, wo sie lauern. Wo sie stöhnen und schreien nach ihr. "Wir kommen gleich. Kommen gleich." Und dann, höhnisch, so kalt, als würde Eis darum betteln, sie umarmen zu dürfen: "Du weißt, dass wir da sind. Schaust aber nicht nach. Denkst nicht dran. Dummes Ding, jetzt holen wir Dich." Ella, in ihrem Hotelzimmer in Gummersbach gefangen wie damals, als sie noch nichts wusste, nur ahnte, nur dachte und immer wieder die Bilder sah, die sie so gern übermalt hätte mit den unschuldigen knallbunten Farben verspielter Kleinmädchentage … sie sah sich wieder dort liegen in ihrem fast schon zu kurz gewordenen Kinderbett, Bezüge mit rosa Mäuschen und grünen Kätzchen, die miteinander tollten, als gäbe es die Gesetze der Natur nicht für sie. Katzen sind nicht grün. Sie fahren ihre Krallen aus und fressen graue Mäuse. Und die unter Ellas Bett, die fressen törichte Menschen wie Ella, die genau wissen, dass sie irgendwo da unten, irgendwo im Dunkeln sind und trotzdem vergessen, nach ihnen zu schauen. "Wenn Du Deine Augen offen hältst und nachsiehst, sind sie weg. Kommen vorerst nicht wieder. Du verjagst sie, wenn Du sie ernst nimmst. Aber ernst nehmen musst Du sie Dein ganzes verdammtes Leben lang. Gib Acht, Prinzessin." Als Ella ihre Großmutter zum ersten Mal VERDAMMT sagen hörte - ein verblüffend hartes Wort für Edith-Maria Conradi, die keine Anstalten machte, sich danach dreimal zu bekreuzigen, wie man es ihr vor Urzeiten beigebracht hatte -, war es zugleich das letzte Mal, dass sie ihr die eingefallenen Wangen küssen durfte. Sie starb am frühen Morgen des nächsten Tages nach ungeduldig ertragener Qual, die sie seit über einem Jahr auf durchgelegene Laken mit einer Gummimatte verbannt hatte. Ella war siebzehn, weinte über den Verlust der alten Freundin, der Verbündeten in der Dunkelheit, mehr und ehrlicher, als ihre erschöpften Eltern es sich hätten erlauben wollen. "Besser so." Sagte der Sohn, Ellas Vater, nickte, als seine Frau ihn mit trockenen Augen ansah und den Tod auf ihre Art erklärte. "Jetzt haben alle ihre Ruhe."

Ich nicht. Wimmerte es in Ellas Kopf, als sie die feuchte Erde auf das Holz schaufelten. Wimmerte immer noch, als sie in ihrem Hotelzimmer in Gummersbach an ihre tote Großmutter dachte, die ihr traurig den Schweiß von der Stirn wischte. "Warum hast Du nicht daran gedacht? Nur ein Blick, ein beherzter, ehrlicher Blick, dann wären sie verschwunden gewesen. Und Du hättest träumen können, mein Engel. Warum hast Du es vergessen?"

Habe ich nicht. Nie. Niemals. Nur heute. Nur einmal. Ella antwortete stumm, zu gefährlich, die Lippen Worte formen zu lassen, die sie da unten schmecken können, ohne dass sie ausgesprochen werden. Hätte gern geschrien, um ihre Angst für die Nacht greifbar, so lächerlich reell zu machen, dass die Mutter ins Zimmer stürmt, stürmen und trösten muss, weil ihr Baby sich vor dem schwarzen Mann fürchtet, der einfach weg geküsst wird. Keine Mutter im rosafarbenen Morgenrock, die nach Vanille riecht. Keine Küsse für das Baby. Kein schwarzer Mann. Nur die da unten, die sie dieses eine Mal vergessen hatte. Sie hörte sich winseln wie ein verstörter Welpe, sah ihre Großmutter, die ihr die Hand auf den Mund drückte, fest, böse fast. "Leise, Liebes, leise." Ella dachte an die Nacht vor fünfundzwanzig Jahren, in der sie in ihrem nass geschwitzten Schlafanzug, rotgrün gestreifter Flanell mit einem Kordelzug in der Taille, wach gelegen hatte, das Ächzen, Stöhnen in den Ohren, das boshafte schrille Raunen, das Rascheln, sah sich an der Kordel zupfen und hörte ihr Herz nach ihrem Teddy pochen. Hörten sie es auch? Würden sie gleich nach ihr greifen mit eiskalten Klauen, sie hinunter zerren, dorthin, wo Du Dir die Kehle heiser schreien kannst, ohne dass die warme Hand Deiner Mutter den Wahnsinn wegstreicheln wird, weil sie gar nicht weiß, wo Du bist? Nach jener Nacht, als ihr zum ersten Mal bewusst geworden war, dass irgendwo in der Dunkelheit etwas sein könnte, das keine Ähnlichkeit mit ihren Bilderbuchhelden haben dürfte, keine Goldi, kein Hündchen mit gepunkteter Schleife am Hals, das Kümpelchen Lieb heißt, kein Beppo, der Lausbub, der ihr ein Glas mit Kaulquappen und die Hälfte seiner Sommersprossen schenkt ... sprach Großmutter zu ihr, diese uralte dicke Frau in ihrem durchgeknöpften Kittel, den sie im Sommer wie ein Kleid, im Winter mit Wollrock und Strickjacke trug, Filzpantoffeln an den klobigen Füßen, Flüsterton, damit Mutter und Vater sie nicht hören und mahnen konnten. "Es gibt Dinge, Ella, die wirst Du erfahren. Vielleicht auch nicht. Kommt drauf an, was Du Dir alles vorstellen kannst." Unmöglich für die Siebenjährige, das wirklich zu verstehen. Unwichtig vorerst, es begreifen zu können, weil von diesem Zeitpunkt an nur zählte, dass Ella Gedanken hatte, die sie nicht wollte. Die aber nicht einfach weghuschten wie ein lausiger wirrer Spuk, weil das, was sie dachte und sah, darauf bestand, existieren zu müssen. Spät erst, kurz vor Großmutters Tod, als Ella sechzehn war und Bilder mit düsteren Farben malte, sagte sie ihr, was sie begleiten sollte bis zu diesem letzten Moment ihrer verfluchten Unachtsamkeit. "Hüte Dich stets vor Deiner Phantasie. Du gehörst nicht zu den Nüchternen. Die haben keine Sehnsucht. Aber sie leben länger. Länger als Heddi. Hoffentlich nicht länger als Du."

Hedwig. Heddi. Natürlich erfuhr Ella von ihr. Neun Jahre später. Und natürlich nutzte Großmutter die Gelegenheit, als die nüchternen Eltern ohne ihre gottverfluchte Sehnsucht nicht im Haus waren, um Ella von Heddi zu erzählen, ihrer kleinen Schwester, die eines Morgens steif und kalt in ihrem Bett gefunden wurde, die Finger festgekrallt im Laken, Hautfetzen unter den Nägeln, mit denen sie sich das Gesicht blutig gekratzt hatte. Das Baumwollhemd bis zu den Brüsten, die noch nichts versprechen konnten, wohl wenig zärtlich, da hochgerissen, nicht geschoben - es war mit Löchern versehen, aus denen rosigroter Schleim kroch. ("Ich schwöre es bei Maria."). Die nackten Beine obszön gespreizt wie nach einem Moment ungewollter Gedankenlosigkeit, die niemals hätte sein dürfen, rechts und links über den Bettkanten baumelnd, weiß und schlaff, an den Gelenken blaurote Striemen, als hätte jemand sie mit seinen großen kräftigen Händen umschlossen und zugedrückt. Nicht losgelassen. Die Augen weit aufgerissen, unfähig, erzählen zu können. ("Sie hat gesehen, was ich mir verbiete, sehen zu können.") Das Herz auf ewig stumm, ohne nach Hilfe geschlagen zu haben. Das Herz einer Achtjährigen, die viel zu viele Bilder und Stimmen in ihrem Kopf gehabt hatte, um ruhig schlafen zu können. Die sie da unten gehört hatte. Trotzdem. Nicht nachgesehen, um sie mit ihrem winzigen klugen Verstand zu vertreiben. Einfach nicht wachsam gewesen. ("Du musst Dich Deiner Angst stellen. Dann fürchten sie Dich. Deine Angst macht sie stark.")

In jener Nacht von fünfundzwanzig Jahren, als Ella klar wurde, dass da etwas, jemand ist, als sie wusste, dass sie in Gefahr war, einer atmenden, lauernden, beißenden Gefahr, hörte sie ihre Großmutter, die im Nebenraum schnarchte, die Zähne im Senfglas auf der Nachtkonsole, Spucketropfen in den Mundwinkeln, die von wilden Träumen erzählten. "Renn weg, bevor sie Dich kriegen." Und in einer einzigen verzweifelten Bewegung schnappte sie sich Teddy Hilflos, Teddy Hab-mich-lieb, sprang aus dem Bett und flüchtete in das Schlafzimmer ihrer Mutter, die einen Baum, eine Wolke, ein Chaos sah und sagte: Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Baum. Das ist eine Wolke. Und das dritte, dieses Wie-kann-das-sein ist Nichts, weil es nicht ins Schema passt. Die kleine Ella stand dort an der Türschwelle, schluchzte laut, wurde gönnerhaft geherzt, umarmt, dann gemahnt: "Ruhig, Dein Vater schläft." Schlief im Nebenraum mit seinen Büchern. Schlief er jetzt? Schlief wieder? Und noch bevor die Großmutter am nächsten Tag nickte und es sich streng verbot, Tränen für die Enkelin zu verschleudern, die nichts brachten, wusste die kleine Ella: Es wird nie aufhören.

Nie enden. Nie aufhören. Ella hörte sie. Roch sie. Körperausdünstungen, die ihr die Luft zum Atmen nahmen. Ein Wispern, das in sie hineinkroch, um sich in ihr auszutoben, bevor ... "Nein." Sie sah das siebenjährige Kind, so gequält, so tapfer, sah sich hinausspringen aus ihrer Falle, hinaus sprinten auf den Flur, war jetzt wieder zweiunddreißig, trug ein weißes Baumwollhemd, hörte sich klopfen, erlaubte es sich, nicht zu heulen. Auf 205 wartete der Münchner. Sie strich sich die widerspenstigen Haarsträhnen aus dem Gesicht, bemühte sich um ein Lächeln, das gelang, weil er öffnete und sie in seine Arme nahm, ohne erstaunt zu sein. "Ich fürchte mich." Er nickte nur, war nackt bis auf das Handtuch, das er sich nachlässig um die Hüfte gewickelt hatte und das er jetzt, ohne sie loszulassen, mit einer einzigen ruckartigen Bewegung fallen ließ, um ihr seinen steifen Schwanz entgegen zu halten, der an ihrer Bauchdecke zuckte. Der Fernseher lief. Irgendein Film mit viel Musik, die nicht gut tat. Er hatte sich aus der Mini-Bar bedient, vier oder fünf der kleinen Fläschchen standen auf dem Tisch, daneben ein Aschenbecher, in dem eine kurz angerauchte kalte Zigarette lag, die irgendwann vor sich hin gestorben war. Sein Atem war frisch, da war kein Rum-Nikotin-Gemisch, das sie hätte schmecken müssen, als er ihre Lippen mit seiner Zunge öffnete und sie hineinstieß in ihren Mund, um kraftvoll in ihr zu rühren und ihr damit jegliche Erklärung, jegliche Frage verbot. Er zerriss ihr Hemd und zog ihren Slip bis zu den Kniekehlen hinunter, das genügte ihm, hob sie hoch und steckte augenblicklich in ihr, und während ihr Hinterkopf in stetem Rhythmus an den Türrahmen klopfte, war in ihr nur diese grenzenlose Überraschung. Er prahlte in ihr. Er pfählte sie. Ihre Angst war seine Lust. Sie hätte ihn gern aus sich herausgedrückt wie einen Pfropfen, der die Eingeweide verstopft, ausgewürgt wie bereits Erbrochenes, das sich seinen Weg zurück in den Magen gesucht hatte. Alles an ihm gehörte nicht zu ihr. Sie schloss die Augen, sah sich auf seinem Laken liegen und nach ihm tasten, hörte sich seinen Namen rufen, hörte ihn dort unten grunzen, fauchen, boshaft, wie eine tollwütige Katze, sah ihn hervorkrabbeln auf allen Vieren, Hände und Füße grausam deformiert, das Gesicht verzerrt, Speichel, der sich aus dem Maul ergoss wie ein Sturzbach, der mitnimmt in die ewige Nacht. Sie schrie, während ihr Körper erzitterte, während es ihr trotz der Schmerzen, trotz ihres Ekels kam in einem einzigen Fluss, der sie durchströmte wie wildes Wasser, das ertrinken lässt, ohne dass bewusst wird, wie die Luft stirbt. Sie rutschte ihm aus den Armen, glitt erschöpft auf den Boden, atmete angestrengt, stoßweise, kauerte dort in ihrem zerrissenen Hemd, klein und wissend, bettelte die kühlen Steinkacheln an, ihr den Schweiß zu nehmen, wagte nicht, sich aufzurichten. Er stand vor ihr, breitbeinig, mit einem fetten schweren Stück Fleisch zwischen den Schenkeln, das sich ihr erneut entgegen streckte. "Friss ihn, Dreckstück." Er lachte. Stolz. Selbstgefällig. Böse. Sie suchte seine Augen, schwarze Löcher, in denen keine Funken tanzten. Sprach, um sich mit der eigenen Stimme zu trösten. "Ich muss ins Bad." Erhob sich schwerfällig, ungewohnt müde, taumelte leicht, fing sich selbst, ohne dass er sich rührte. Fuhr sich mit der Handfläche über die nasse Stirn, wankte, verfing sich mit einem ihrer Füße in dem achtlos zusammengetretenen Handtuch, das er getragen hatte, sah sich der Länge nach hinschlagen wie den gefällten Baum, der dort liegt in seiner ganzen unnützen Pracht, um unbedauert zersägt zu werden. Befreite sich, ohne ihm die Genugtuung zu schenken, sie weinen zu sehen, konnte sich halten, stolperte vorwärts. Er war schneller. Schlug ihr seine Faust in den Nacken, exakt so platziert, dass es verflucht weh tut, ohne, dass irgendwas brechen muss. "Du gehst da nicht rein. Du bleibst." Ellas Kopf malte Bilder, sekundenschnell gekritzelt, flüchtige Skizzen, die in ihr verbrannten, um sie die Asche schlucken zu lassen. Sie würgte, sah wie durch eine Nebelwand nackte Beine, die unter dem Bett hervorlugten wie nicht ordentlich weggeräumt, sah die rote Pfütze, die da nicht hingehörte, war fast erstaunt, dass sie jetzt doch noch Tränen aus ihren Mundwinkeln leckte. War doch unpassend, jetzt zu heulen. Sie hatte den Mann ja kaum gekannt, diesen Irgendwer aus München. Oder war sie das da unten? Lag sie bereits dort mit lächerlich verdrehtem Körper, längst schon unheilbar getroffen, nachdem sie mit den Hoffnungslosen um die Wette gejault hatte, ohne auch nur die geringste Chance gehabt zu haben, entkommen zu können? Weil Gott auf die spuckt, die nicht hören wollen. "Nachsehen, Kind, immer die Augen auf." Großmutter war beleidigt. Großmutter war enttäuscht. Großmutter hatte ihre kleine Prinzessin aufgegeben. Ab mit ihr in den Schweinetrog. Ella wimmerte, flüchtig nur, weil er dort hinter ihr brüllte und sie sich nicht traute, mehr, noch mehr von sich zu verraten. "Wir sind noch nicht fertig. Ich fick Dich unsterblich, mein Tausendschön." Sie blinzelte, schaute wieder hin, dort, wo das Bett stand, war dankbar, dass der Nebel sich verflüchtigte, zwinkerte nochmals, sah hin. Weg. Keine Beine mehr. Keine Pfütze, in die sie da unten Brot hätten tunken können, um es auszusaugen. Im Bad lief der Wasserhahn, das regelmäßige Plätschern der Tropfen auf, - vielleicht, bestimmt -, einen aufgeschlitzten Mann dort in der Wanne ernüchterte sie. Natürlich. Das schien normal. Kehle durch, Seele gesoffen. Sie war nicht verrückt. Es war alles richtig. Mausetot. Wie sie. Und fast hätte sie gelächelt. Stattdessen stieß sie einen lauten bedauernden Schrei aus, den einzigen, der ihr gelang, dann war sie still. Sie spürte seine Finger, die sich an ihre Schultern krallten, wurde brutal zurückgezogen, ließ sich einfach nur gleiten, wartete auf den Schmerz. Er hielt sie fest von hinten umklammert, biss in ihren Hals, ihre Wange, schlug seine Zähne tief in ihr weiches Fleisch und spuckte das Blut auf ihre entblößten Brüste. "Hast wohl gedacht, unser Picknick ist vorbei. Meinst wohl, ich krieg Dich nicht. Dummdummdumm. Hast nicht ordentlich hingesehen." Er warf sie auf das Bett, sein Bett, das, wo sie da unten, streng genommen, nicht hätten sein dürfen, aber wer, verdammt, entscheidet das schon? Sie hatte eben nicht nachgesehen. Nur einmal nicht nach all der Zeit. Unartiges Kind.


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