Eine kleine Stadt am Fluss
© Manfred Schröder
Die Schiffe atmen unruhig am Kai. Nachtwolken ziehen schwer und tief, als könnten sie jeder Zeit am Kirchturm hängen bleiben. Ab und zu blinkt ein Stern hervor; immer bereit, den Seeleuten den Weg übers Meer zu zeigen. Doch das Meer ist weit. Und was da gluckst und gegen die Schiffswand schlägt, ist das trübe Wasser des Flusses. Die Orte des Frohsinns und der ´Sünde` sind schon geschlossen. Nur im Park, unter dem Schein einer Laterne, feilschen der brave Bürger und die Dirne um den Preis. Nicht selten stehen
Nixen am Kai und singen leis das Lied, wie einst an der Loreley und winken verführerisch mit den Flossen. Dann naht so mancher Freier. Und am nächsten Morgen sieht man vielleicht eine Leiche, die im Wasser treibt. Hin und wieder begegnen sich Dieb und Katze auf den Dächern und in engen Hinterhöfen, während die Polizei zufrieden ihre Runden dreht. Jetzt sind die Häuser blind wie Maulwürfe. Doch sie liegen still und lauschen den Stimmen der Nacht.
Für viele ist das Bett zu groß und sie wälzen sich einsam von einer Seite zur anderen, und träumen von dem, was sie nicht bekommen. Doch nicht jeder liegt in seinem Bett. Krankenschwester, Polizei und andere nützliche Wesen, haben wie der Dieb, die Nacht zum Tag gemacht. Auch der Nachtwächter, der noch nie einen Tag gearbeitet hat, dreht getreu und gewissenhaft seine Runden. Nachtwächter haben viel gesehen. Und wenn sie sich ruhig und still verhalten, dann leben sie länger. Als er wieder an der Laterne vorbei
kommt, sind der brave Bürger und die Dirne verschwunden. Aus einer Seitengasse tritt vorsichtig der Dieb hervor. Müde, doch zufrieden, mit einem schweren Sack beladen. Die Katze liegt auf dem Dach und träumt von großen und kleinen Fischen. Der Schiffsjunge, der von noch nie gesehenen Ländern träumt, öffnet verschlafen seine Augen und blickt auf die Uhr. Er seufzt und mit einem leisen Fluch erhebt er sich. Denn der Kapitän und der Matrose dürfen noch weiterschlafen. Beide wünscht er zum Teufel und wird doch, wonach
er sich sehnt, an ihre Stelle treten.
Bald klappert und scheppert es in den Straßen und engen Gassen. Die Hügel von Sand und Kohle stoßen ab vom Kai und die Schiffssirenen wünschen sich gegenseitig eine frohe Fahrt. Im Morgenlicht werden die Häuser größer und die ersten Fenster öffnen sich für einem neuen Tag. Die Dirne in ihrer Kammer zählt das nächtlich verdiente Geld und der brave Bürger sucht vergeblich seine Brieftasche. Und wer die Nacht in seinem Bett gelegen hat, darf zur Belohnung schon früh zur Arbeit gehen.
Eingereicht am 23. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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