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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Völkchen für sich (oder einfach nur "schade")

© Walter Schäfer


Seit meiner Kindheit ist mir der Kölner Kaufhof ein Begriff! Schon im zarten Alter von 6 Jahren wurde ich immer wieder von meiner Mutter gegen meinen Willen zum Klamotten kaufen in den Kaufhof mit geschleppt. Gegen meinen ausdrücklichen Willen versteht sich. Das einzige, was mich aufrecht hielt, war die Aussicht auf das riesige Eis zum Schluss.
Meine Mutter kaufte gerne im Kaufhof ein, er war ihr Lieblingsladen. Sie konnte stundenlang in den Kleidern wühlen und mich einfach daneben stehen lassen. Bedient und damit auch noch unterstützt von diesen äußerst netten Verkäuferinnen. Immer korrekt, zuvorkommend und scheinbar unendlich ausdauernd. Ein Völkchen für sich!
Mir ging das ganz gehörig auf den Zwirn. Ich ging fast ein vor Langeweile. So manches Mal hätte ich mir um ein Haar (gerne?!) in die Hosen gemacht, um diese Verbindung zu beenden. Deshalb entschloss ich mich, ihnen gehörig auf die Nerven zu gehen. Ich suchte selbst die schönsten Abendkleider für sie aus, nahm sie von der Stange und hielt sie ihr unter die Nase. Jedes Mal behauptete ich es sei das Schönste und sie solle es kaufen. Nach dem 4. oder 5. Mal begann sie fürchterlich mit mir zu schimpfen.
Schade -
Einfach nur schade, denn ich hatte es im Grunde nur gut gemeint und wollte der netten Verkäuferin doch nur helfen. Manchmal verfluchte ich sie alle. Aber im Nachhinein möchte ich sie doch nicht missen; es war eine wunderbare Zeit, denn die Welt war noch in Ordnung! - Spätestens beim Schlecken des Eishörnchens.
Jetzt bin ich fast ein halbes Jahrhundert alt und habe alle Höhen und Tiefen des Lebens durchgemacht.
Zwanzig Jahre leitete ich die Freie Tankstelle des Kölner Taxi-Rufes an der Ehrenstraße, hatte dort mit Mördern, Prostituierten, Zuhältern und Ganoven ebenso zu tun wie mit Polizisten, Geschäftsleuten, Ärzten und Akademikern gleichermaßen. Meine Lebenserfahrung basiert also auf dem wirklichen Leben - dem Leben im ständigen Umgang mit Menschen.
Und so traf es sich recht gut, dass ich von meiner jetzigen Firma, bei der ich als examinierte Sicherheitsfachkraft und Betriebssanitäter tätig bin, ein neues Objekt übernehmen durfte. Begrenzt auf den Zeitraum von zwei Jahren.
Dass es sich dabei um einen Teil der Kaufhof Hauptverwaltung handelte, war mir nur recht. Wusste ich doch, dass es sich dabei um dieses "nette Völkchen" handelte. Trotzdem ging ich mit aller Vorsicht an die Sache heran.
Er war mir auf den ersten Blick sympathisch! Mein Kontakter, der Erste aus diesem "Völkchen". Zuständig im Bereich des Kaufhof Facility Managements hier in Köln und damit auch zuständig für meinen Einsatz im Kaufhof. Ein Kölner würde sagen: "Dat es ene bessere Huusmejister." Aber sein ganzes Erscheinungsbild entspricht ganz und gar nicht dem eines klassischen Hausmeisters. Ganz feines Äußeres, ausgestattet mit Fingerspitzengefühl; also eher Diplomat? Aber er glänzte auch direkt mit Fachwissen; also doch eher besserer Hausmeister? Egal. Sein Auftreten war korrekt, zuvorkommend und bestimmt. Das gefiel mir. Das kannte ich doch. Am 18. Februar 2002 ein erstes Gespräch vor Ort am Objekt. Zum Schluss fragte er mich: "Kann ich mich auf Sie verlassen Herr Schäfer?"
Ich erwiderte darauf: Ja, das können sie! Ich fühlte innerlich wieder diese Verbindung, dieses unsichtbare, gegenseitige Band des Vertrauens und nahm mir vor diesen "Menschen vom Kaufhof" nicht zu enttäuschen.
Nach und nach zogen "SIE" ein in den angemieteten, jetzt renovierten, ehemaligen Sitz der Kölner Sittenpolizei und Mordkommission. Ein Neubau in der eigentlichen Hauptverwaltung erforderte bis zur endgültigen Fertigstellung wohl Platz. Mein Gott, es sah wirklich "mordsmäßig" aus in diesem Haus in der Löwengasse. Über Jahrzehnte war wohl nichts gemacht worden. Aber jetzt wurde richtig angepackt!
Männer und Frauen aller nur denkbaren Handwerksgruppen gaben sich unaufhörlich die Türklinken in die Hand. Oft begleitet und immer unterstützt von meinem "Hausmeister". Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Nach und nach zogen aber auch immer mehr Mitarbeiter, immer mehr von diesem "netten Völkchen" aus den umliegenden Dependancen hier ein.
In kurzer Zeit bemühte ich mich, alle diese "Kaufhofmitarbeiter" mit ihren Namen anzureden. Es war mir einfach ein Bedürfnis; 101 waren es ganz genau.
Ich fertigte Telefonlisten, Schlüssellisten, überarbeitete die Schlüssel aller Bürotüren des ganzen Hauses und legte einen Schlüsselkasten an.
Dann war es geschafft!
Heute, wo ich diese Geschichte schreibe, bin ich 9 Monate in der Löwengasse 1.
Ich habe alle, ich betone "alle" Frauen und Männer dieses Hauses in mein Herz geschlossen!
Eben: Ein Völkchen für sich!
Nie habe ich so viele nette und zuvorkommende Leute unter einem Dach gesehen!
Ganz nach dem alten Werbeslogan: "Kaufhof bietet tausendfach ... alles unter einem Dach".
Aber treffend auch der neue Slogan "Ich freu' mich drauf"! -
Denn ich freu' mich täglich drauf, dieses nette Völkchen aufs Neue begrüßen zu dürfen.
Schade -
Dass es nur für einen begrenzten Zeitraum ist. Aber wer kann sich heute in dieser egoistischen und herzlosen Zeit schon "sein Völkchen" aussuchen? Das war früher doch anders (oder doch nicht?)
Einfach nur schade.



Eingereicht am 10. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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