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Anmerkung zum lyrischen Florian

Anne Zegelman


So hat es sich zugetragen, und nicht anders.
Als ich Florian vor drei Jahren kennen lernte, waren wir beide vorbehaltlos und unverliebt. Später gestand er mir, er hätte sich vorstellen können, ein Verlieben in Erwägung zu ziehen, doch damals fanden wir Spaß daran, die Liebe herauszuzögern, bis daraus Freundschaft wurde. Gewartet haben wir trotzdem immer darauf, dass ein Morgen, eine Lichtung oder ein bestimmter Lichteinfall uns unerwartet trifft und als fiktives Zeichen dient.
Nur hörten wir irgendwann auf, noch daran zu glauben. Mädchen tauchten auf, reihten sich preziös aneinander. Lange, blonde Haare, kurzer Wuschelbob, zu großer Mund und weit auseinander stehende Augen. Keine durfte bleiben. Keine genügte. Unna war nicht werter, nur zäher. Sie inszenierte Situationen und sorgte dafür, dass ich nicht störte. Hätte sie um die Macht gewusst, die lange Gespräche und kurze Blicke haben, hätte sie wohl geschwiegen.
Und all die Zeit von Unna, Josefine und Kristiane über, hasste ich das, was Florian suchte. Ich spürte Angst und Eifersucht, wenn er blonde Strähnen streichelte, wenn er zarte Finger berührte und freundschaftlich Lippen küsste, die ihn reizen wollten. Vielleicht brauchte ich ihn nicht für mich. Doch wenn ich ihn nicht halten konnte, wieso sollte es dann eine gleichgültig Andere tun?
Nun gibt es Nessa in deinem Leben, Florian. Sie ist nicht hübsch, gibt freimütig zu, nicht zu lesen und strippt nachts auf Theken, um ihr Zimmer bezahlen zu können. "Nessa verdreht mir den Kopf", sagst du und vertraust mir. Ich verstehe dich nicht und sage: "Ich verstehe dich."
"Diesmal ist es anders, Ava", beschwörst du. Wachst nachts vor ihrer Tür, bringst Brötchen wie kostbare Gaben und lässt dein Auto auf ihrem Parkplatz stehen, damit alle sehen, was geschieht mit euch.
Ich spüre keinen Schmerz. Am Anfang, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit an deinem Golf vorbei kam, wollte ich Zettelchen mit kleinen Worten schreiben und sie hinter deinen Scheibenwischer klemmen, um dir ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern nach einer langen Liebesnacht voller fremdem Schwur und fremdem Schweiß. Am Anfang spürte ich Sehnsucht nach deiner Einsamkeit, die mir immer beruhigend erschienen war, selbst wenn ich in den Armen eines Andern einschlief.
Nachts, wenn Nessa auf schmierigen Biertheken ihr Bikinioberteil abstreift, sitzen du und ich im McDonalds, in deinem Auto und im dunklen Kino und berühren einander die Arme, weil das schön ist und uns stärkt. Und du redest mit mir und lachst und willst alles wissen und bist bei mir wie in meinen Geschichten, die du so erhellst. Denkst du an Nessa währenddessen? Und suchst du sie in mir, wenn ich lache, wenn ich mein Haar streiche und seufze? Oder ist es umgekehrt, und Nessas Lebenslust kann nicht darüber hinweg täuschen, dass sie keinen Zauber besitzt? Ich bin erstaunt, wie sehr du unsere Zeit noch immer genießen kannst, obwohl du auf dein Handy schaust im Fünf-Minuten-Takt.
Du wirst nicht sagen, ich liebe dich, Ava. Und auch Nessa wird auf große Worte warten müssen. Vielleicht siehst du sie irgendwann tanzen und kannst begreifen, dass sie dir dort oben nicht gehört. Und dass sie auch im Leben am liebsten auf der Theke stehen würde.
Wie sehr ich dir gehöre, brauchst du nicht zu wissen. Es langt, wenn du mich liebst mit den Augen, und im Geist bei mir Befriedigung findest. Solang du nur versprichst, dass ich dich immer so lieben kann wie jeher. Denn nur mit Motorentränen kannst du jede Nacht in meinen Geschichten zu mir zu kommen. Und am Morgen gehen, um ein guter, bester Freund zu sein.



Eingereicht am 06. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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