Dunkle Schwester
© Bernadette Reichmuth
Ich war noch nie in Afrika. Werde wohl auch nie dorthin reisen.
Meine Begegnung mit Afrika liegt schon mehr als mein halbes Leben zurück.
Afrika kam zu mir. In der Gestalt einer jungen Frau. Sie hatte schokoladenfarbige Haut, ein strahlendes Lächeln - und ein von einem Granatsplitter verwüstetes Gesicht, in dem nicht viel mehr als ein Auge unverletzt geblieben war.
Sie war wenige Jahre älter als ich und hatte denselben Vornamen. Bernadette.
Der Name Biafra raste vor etwa 35 Jahren als Schauplatz eines Bürgerkrieges durch die Weltpresse. David gegen Goliath. Aber in der Weltgeschichte sind biblische Versionen äußerst selten. Goliath fraß David. Nach nur gerade mal 3 Jahren verschwand Biafra von der Bildfläche. Fazit: zwei Millionen Getötete oder Verhungerte. Der Rest überlebte. Wie? Das hat die Weltöffentlichkeit schon nicht mehr interessiert.
Bernadette war eine der Überlebenden. Sie wurde vom Roten Kreuz in die Schweiz gebracht, wo sie durch insgesamt 18 Operationen ein neues Gesicht bekam. Eine Höchstleistung der plastischen Chirurgie.
Ich lernte Bernadette nach dem 14. Eingriff kennen. Sie war Patientin in unserer Rehastation. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie wieder einigermaßen verständlich sprechen (sie sprach bereits erstaunlich gut Deutsch), feste Nahrung zu sich nehmen und - lachen. Wahrscheinlich hat sie auch vor der 14. Operation gelacht. Aber man konnte es erst zwischen der 13. und der 14. OP wieder sehen.
Es war von Anfang an klar, dass Bernadette nach Abschluss der medizinischen Versorgung wieder in ihre Heimat zurückkehren würde. Schließlich war der Krieg ja nun vorbei. Wie die nigerianischen Sieger mit den besiegten Brüdern und Schwestern verfahren würden, daran mochte oder konnte niemand denken.
Bernadette wollte nicht nach Hause. Sie hatte Angst. Nicht nur vor den Siegern. Auch vor ihrer Familie. Zwar hatte sie ein neues Gesicht. Aber es war nicht mehr ihr Gesicht. Sie war nicht mehr schön.
Ich konnte mir ausmalen, wie schön Bernadette gewesen sein musste, bevor sie der Granatsplitter ins Gesicht traf. Ihr unversehrtes Auge, die dazu gehörige Augenbrauenpartie und die ebenfalls unverletzte Stirn erinnerten an die frühere Schönheit.
Unverändert schön war ihre Stimme. Wie in dunklen, leicht aufgerauter Samt eingehüllt, wenn sie sang. Begeistert und mit umwerfendem Akzent trällerte sie "es Buurebüebli mag i nid" und "im Aargau sind zwöi Liebi".
Ihr Lachen ließ auch bei Regenwetter die Sonne aufgehen - und konnte einen hin und wieder die Wände hoch treiben.
Bernadettes Familie hatte das ganze Grauen des Krieges wie durch ein Wunder unversehrt überstanden. Bis auf Bernadette selbst. Nachdem sie eine Nacht lang schwer verletzt im Gebüsch gelegen hatte, bei Bewusstsein, aber unfähig zu rufen, oder sich zu bewegen, hatte ihre Mutter sie gefunden und zur zwei Tage entfernten Rotkreuzstation geschleppt.
Weder ihr Mann noch seine Familie besuchte die junge Frau in den sechs Wochen, in denen man um ihr Leben kämpfte.
Wer um den Zusammenhalt der afrikanischen Familien weiß, kann dies schlichtweg nicht glauben. Trotzdem ist es wahr.
Krieg reißt nicht nur Menschen auseinander. Er verbrennt auch als unzerstörbar geltende Bänder.
Bernadette sprach selten von ihrem Mann. Sie war sehr jung gewesen, als sie geheiratet hatten. Er sei gut zu ihr gewesen und habe sie nie geschlagen, was für dortige Verhältnisse ungewöhnlich sein mag. Kinder hatten sie keine.
Dies war bestimmt ungewöhnlich.
Bei den letzten vier Operationen handelte es sich um verhältnismäßig kleine Eingriffe. Das optische Resultat veränderte sich dadurch nicht mehr wesentlich. Es ging dabei vor allem um funktionale Verbesserungen.
Bernadettes völlig neu aufgebaute Nase zum Beispiel war noch zu wenig atemdurchlässig. Auch ihr Lippenschluss musste noch verbessert werden, damit sie beim Essen weniger sabberte und, falls dies jemals nötig sein sollte, eine Kerze ausblasen konnte.
Vier Monate lang kam Bernadette jeden Tag zu mir ins Atelier. In dieser Zeit habe ich ihr das Zuschneiden und Nähen einfacher Kleider beigebracht, in der Hoffnung, dass sie damit in ihrer Heimat ihren Lebensunterhalt verdienen konnte. Es gelang mir sogar eine handgetriebene Nähmaschine aufzutreiben, die als Vorläufer der an sich schon vorsintflutlichen Treter einen unschätzbaren antiquarischen Wert gehabt haben muss. Aber man konnte dieses Ding bequem transportieren, und es brauchte keinen Strom.
Der Tag von Bernadettes Abreise war ein kalter, nebliger Novembermittwoch.
Sie hasste Herbst und Kälte, also hat das unfreundliche Wetter ihr den Abschied vielleicht erleichtert. Und bestimmt hat sie sich trotz aller Angst auch gefreut, nach fast zwei Jahren endlich wieder nach Hause zu kommen.
Ich sah ihrer kleinen Gestalt nach, die wie ein bunter Kolibri aus der farblosen Menge der Reisenden hervorleuchtete und schließlich verschwand.
Ich hoffe nur, du bist gut heim gekommen, meine kleine, dunkle Namensschwester und dass du in deiner Heimat wieder einen Platz gefunden hast, wo auch immer der sein mag. Wie sehr wünsche ich mir, dass es dir gut geht.
Ich werde es nie erfahren. Die Briefe von Bernadette aus der Schweiz an Bernadette in Nigeria wurden nie beantwortet.
Afrika. Nicht nur Afrika.
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Eingereicht am 29. Juli 2005.
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