Touristen
© Vera Klee
Wo wir wohnen, gibt es keine Häuser; nein: wir bauen unsere Hütten noch aus getrocknetem Kot, Lehm, und Wasser. Wir wohnen nicht sehr lange hier, denn wir ziehen mit unseren Ziegen in der Trockenperiode dem lebensnotwendigen Wasser hinterher. Unser freies Leben findet unter strahlend blauem Himmel statt, nur nachts halten wir uns in den schutzgebenden Hütten auf; dann aber mitsamt Ziege, Hund und der ganzen Familie in einem winzigen Raum, auf dem Boden von Mutter Natur. Dieser reicht jedoch zum Schlafen aus und gibt uns Sicherheit vor der bedrohlichen Wildnis. Wir leben schon seit Generationen auf diese Weise sehr glücklich und zufrieden. Was brauchen wir mehr als unseren starken Familienzusammenhalt; Tiere, die uns ernähren, und frisches Trinkwasser?
Ab und zu wird unser geruhsames Leben von seltsam gekleideten, europäischen Touristen unterbrochen, die neugierig unsere Behausung erkunden wollen. Wir gastfreundlichen Afrikaner laden sie dann ein, an unserem Leben teilzuhaben. Sie kommen daher, mit ihren seltsamen Kleidungs- und Schmuckstücken, wollen uns anfassen oder fragen uns mittels Dolmetscher aus. Viele sehen angeekelt weg oder trauen sich mit ihren langen Fingernägeln nicht, etwas zu berühren. Einige von ihnen geben unseren Kindern gönnerhaft Süßigkeiten, von denen diese noch tagelang Bauchschmerzen haben. Einige Besucher beschenken uns großzügig mit Reklamekugelschreibern oder glänzenden Kunststoffperlenketten und beobachten unsere Reaktion hierauf. Wir zeigen ihnen gerne, wie wir gemeinsam kochen, schlafen, leben und essen und freuen uns jedes Mal über diese willkommene Abwechslung. Den meisten Besuchern sehen wir jedoch an, dass sie nicht verstehen wollen oder können, dass dies unsere afrikanische Welt - unser Leben ist. Doch auch wir begreifen nicht, warum diese Menschen ein so ganz anderes Leben in einer europäischen Großstadt führen, in der es ohne Strom, Fahrzeugen, und Waschmaschinen für sie nicht mehr wegzudenken wäre. Wenn die Touristen wieder in ihre Lodges fahren, erzählen wir uns noch lange, am prasselnden Feuer sitzend, und in den glutroten Sonnenuntergang schauend, von den heutigen Besuchern. Wir verfolgen in einvernehmendem Schweigen die Elefantenherde, welche am Horizont entlang zieht und fühlen uns unendlich wohl.
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Eingereicht am 30. Mai 2005.
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